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VW-Chef Diess greift Umweltschützer an und schwärmt dann vom „nächsten Mega-Thema für die Branche“

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Von: Thomas Schmidtutz

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Herbert Diess und Marion Tiemann: VW-Chef trifft auf Greenpeace-Aktivistin.
Herbert Diess und Marion Tiemann: VW-Chef trifft auf Greenpeace-Aktivistin. © Jan Petermann/dpa

Herbert Diess wird am Rande der IAA mit Greenpeace konfrontiert. Derweil schwärmt der Konzernchef davon, wie viel Geld Menschen künftig für Mobilität ausgeben.

München – Bei Volkswagen hatten sie sich den Sonntag so schön vorgestellt. In der Isarpost in der Münchner Innenstadt wollte der versammelte VW-Vorstand am Abend die Journalisten auf die IAA Mobility einstimmen, zu Themen wie Software, Mobilität oder Nachhaltigkeit. Aber dann kam alles erst mal ganz anders.

Vor der Eventlocation in der Sonnenstraße passten Greenpeace-Aktivisten VW-Chef Herbert Diess* ab. Erst gab es ein bisschen Smalltalk über Diess‘ jüngsten Ausflug an die Zugspitze. Dann ging die Umweltorganisation zum Angriff über. „Wir haben hier eine persönliche Fassung unserer Klage für Sie“, rief die Verkehrs- und Umweltexpertin von Greenpeace, Marion Tiemann, Diess über die Absperrung.

Bei Diess‘ Entourage sorgte die Ankündigung für einen kleinen Temperatur-Sturz. „Haben wir hier jemanden von Legal da“, fragte Diess‘ neue Kommunikationschefin Nicole Mommsen ihre Kollegen. Die Wolfsburger hatten. Schließlich hatte sich die Klage abgezeichnet. Erst am Freitag hatten Greenpeace und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Unterlassungserklärungen gegen VW, BMW und Mercedes-Benz angekündigt. Im Kern sollen sich die Konzerne dazu verpflichten, bis spätestens 2030 keine Verbrenner mehr zu verkaufen.

VW-Chef Diess kritisiert Greenpeace - Und schwärmt vom „nächsten Mega-Thema“

Jetzt hatte Greenpeace auch die passende Klageschrift parat. VWs Dekarbonisierungspfad sei nicht „mit dem Ziel kompatibel, dass die globale Temperatur durch den Treibhauseffekt um höchstens 1,5 Grad steigen darf“, sagte Greenpeace Verkehrsexpertin Tiemann zur Begründung. Zwar sei der Konzern dabei, den CO2-Ausstoß etwas zu verringern, aber eben nicht schnell genug.
Diess fand das „ein bisschen ungerecht“. „Wir machen, was wir können“, warb der VW-Boss um Verständnis. Es gebe andere Konzerne, die erheblich mehr Kohlendioxid emittierten, wie zum Beispiel Saudi-Aramco. Der saudische Ölriese – immerhin das teuerste Unternehmen der Welt – fördere das Fass Rohöl für acht Dollar und verkaufe es für 50, beschwerte sich Diess. Ob solche Konzerne nicht eher ins Visier der Umweltaktivisten rücken sollten, fragte der VW-Chef.

Video: Mehr Druck auf Autobauer

Bei Greenpeace ist man sich dieser Argumentationslücke durchaus bewusst. Nachdem der VW-Boss seine Kopie der Klageschrift in Empfang genommen hatte, war der kamera-taugliche Protest auch schon vorbei und Diess konnte endlich zum eigentlichen Thema des Abends übergehen, dem autonomen Fahren.

„Das wird das nächste Mega-Thema für die Branche“, schwärmte der Ingenieur anschließend vor Journalisten. Schon in wenigen Jahren könnten sich die ersten Geisterfahrzeuge ihren Weg über Autobahnen und durch die Innenstädte bahnen. Um das Projekt zum Laufen zu bringen, hat sich der Konzern vor gut zwei Jahren 40 Prozent am US-Startup Argo AI gesichert. Weitere 40 Prozent liegen bei Ford. 2,6 Milliarden Dollar haben sich die Wolfsburger ihre Anteile kosten lassen. Jetzt geht’s rund – auch in München.

VW auf der IAA: Autonomes Fahren als Wendepunkt - „Mehr für Mobilität ausgeben“

Am Münchner Flughafen* hat sich Argo eine eigene Teststrecke hinstellen lassen, samt Ampel-Anlagen, Matschkanonen und virtueller Fußgänger, so genannter Preps, die an Stahlseilen unvermittelt auf die Straße gezogen werden zum Hardcore-Test.
200 Mitarbeiter tüfteln im Argo-Entwicklungszentrum an der Ungererstraße am Fahren ohne Fahrer, sagt Argo-Standort-Leiter Reinhard Stolle. Weitere 50 Stellen für hochqualifizierte Spezialisten sollen rasch folgen, darunter Experten für Machine Learning oder die Integration von Sensortechnik in die Bord-Elektronik von Fahrzeugen. Und selbst das ist erst der Anfang.

Denn autonomes Fahren ist eine Herkulesaufgabe*. „Die Welt unterschätzt, wie komplex das Thema ist“, warnte auch Argo-Chef Bryan Salesky auf der VW-Autonacht am Sonntagabend im Gespräch mit Diess. Das sei ein Projekt von mehreren Generationen.
Bei VW lassen sie sich davon nicht abschrecken. Schließlich eröffne die Technologie ungeahnte Möglichkeiten. Computer seien niemals „müde, unaufmerksam oder betrunken“, heißt es aus dem Unternehmen. Dazu gewännen Menschen dank selbstfahrender Autos massenhaft Zeit zurück.

Künftig, schwärmt auch VW-Chef Diess angesichts dieser Aussichten, würden die Menschen „nicht weniger, sondern mehr für ihre Mobilität ausgeben“. Bei Greenpeace dürften derlei Aussichten kaum für Begeisterung sorgen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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