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Hat das Bayer-Medikament Iberogast einen Todesfall verursacht?

Ermittlungen laufen

Nach Todesfall: Experte warnt drastisch vor Magen-Medikament von Bayer

Bayer kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen. Nach Klagen gegen Tochter Monsanto ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines Todesfalls - durch das Medikament Iberogast.

Leverkusen - Seit Wochen sorgen Schadenersatz-Klagen gegen die Konzerntochter Monsanto für Druck auf die Bayer-Konzernspitze. Jetzt wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Köln gegen den Pharmariesen ermittelt. Das jedenfalls berichtet das Handelsblatt am Sonntag.

Der Grund: Ein möglicherweise durch das Magen-Medikament Iberogast ausgelöster Todesfall. Der Vorwurf lautet: Bayer habe bei Iberogast in der Vergangenheit nicht vor möglichen Leberschäden gewarnt. Mit einer solchen Warnung hätte sich womöglich ein Todesfall verhindern lassen können. 

Bayer-Medikament Iberogast soll Todesfall verursacht haben - schwerer Vorwurf

Dem Bericht zufolge soll das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bereits seit Jahren derartige Warnhinweise gefordert haben. Bayer habe sich dem jedoch widersetzt, weil der Konzern solche Hinweise für überflüssig hielt. „Wir sind der Meinung, dass es nicht im Interesse der Patienten ist, Warnhinweise in die Gebrauchsinformationen aufzunehmen, die unbegründet sind“, zitiert der Bericht eine führende Bayer-Mitarbeiterin.

Bayer hatte erst Mitte 2018 die Angaben in der Packungsbeilage geändert. Damals war ein Fall bekannt geworden, bei dem eine Patientin, die offenbar zuvor Iberogast eingenommen hatte, in Deutschland an Leberversagen und inneren Blutungen gestorben war. Erst in der Folge habe Bayer die Angaben dann geändert. „Bei der Anwendung von Schöllkraut-haltigen Arzneimitteln sind Fälle von Leberschädigungen bis hin zu arzneimittelbedingter Gelbsucht sowie Fälle von Leberversagen aufgetreten“, heißt es nun laut Handelsblatt in den Warnhinweisen der Packungsbeilage.

Zu spät? Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen möglicher fahrlässiger Tötung und Körperverletzung. Ein Gutachten soll die Schuldfrage klären.

Video: Diese Personen sollten das Medikament meiden

Experte kritisiert Bayer-Medikament Iberogast

Auch die Aussage eines Experten setzt dem Bayer-Medikament in ein schlechtes Licht: Der Hamburger Gastroenterologe Jürgen Rosien rät laut Handelsblatt von der weiteren Verordnung des Medikaments ab. „Wir können Iberogast nicht mehr empfehlen, weil die Bilanz nicht stimmt. Die Nebenwirkungen sind zu hoch“, wird er zitiert.

Bayers Ruf leidet damit weiter. Iberogast gehört bei dem Pharmariesen offenbar zu den umsatzstärksten Produkten unter den frei verkäuflichen Arzneimitteln. Branchenkenner schätzen den Jahresumsatz auf rund 120 Millionen Euro. Er liege so hoch, weil viele Krankenkassen die Behandlung mit Iberogast erstatten. Wie lange das noch so bleibt, ist nun allerdings die Frage.

Wie gefährlich sind Schöllkraut und Iberogast wirklich?

Hat das Bayer-Medikament Iberogast einen Todesfall verursacht?

Denn die Vorwürfe wiegen schwer. In den vergangenen elf Jahren seien allein in Deutschland 57 Berichte mit 115 Verdachtsmeldungen beim BfArM zu Iberogast eingegangen, heißt es. Ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen den von Ärzten oder Patienten gemeldeten mutmaßlichen Nebenwirkungen von Iberogast, mit dem Medikament ist jedoch nicht zweifelsfrei belegt.

Allerdings gibt es auch ganz andere Stimmen, als diese, die das Handelsblatt in seinem Bericht nennt. Nach einem Bericht des Focus ist Iberogast etwa nicht gefährlich. Das Blatt beruft sich auf die Einschätzung von Peter Layer, Chefarzt der Medizinischen Klinik am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Demnach helfe Iberogast bewiesenermaßen bei Magen-Darm-Beschwerden. 

Dennoch sollten sich Personen, die Iberogast nutzen, bewusst sein, dass das Pflanzenprodukt Schöllkraut nicht komplett unbedenklich sei. Zwar wirke das in Deutschland beheimatete Mohngewächs krampflösend, schmerzlindernd und entzündungshemmend, es könne aber eben auch die Leber belasten.

Lesen Sie auch: Iberogast mit fatalen Folgen für die Leber - diese Alternativen empfiehlt der Mediziner

Iberogast/Schöllkraut: Wann man das Medikament nicht einnehmen sollte

Aber: Nur falls beim jeweiligen Patienten eine Kontraindikation vorliege, die Bayer auch in der Packungsbeilage nennt, solle man Iberogast nicht einnehmen, heißt es in dem Bericht weiter. Dies sei etwa bei Allergien, in der Schwangerschaft oder, falls andere leberschädigende Medikamente eingenommen werden, der Fall.

Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass Iberogast nicht länger als vier Wochen eingenommen werden sollte. Zudem sollten dann die Leberwerte kontrolliert werden, heißt es von Seiten des Arztes.

Bayer-Aktien unbeeindruckt von Iberogast-Fall

Für die Bayer-Aktie bewertet ein Marktteilnehmer die Entwicklung um Iberogast leicht negativ, insgesamt zeigt sich die Aktie jedoch unbeeindruckt. "Vor allem ist das schlecht für das Sentiment, denn Bayer kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus", sagt ein Händler. 

An einer anderen Front könnte der Chemie-Gigant unterdessen einer Lösung näherkommen: Glyphosat-Prozesse in den USA will Bayer nun mit einer milliardenschweren Zahlung beilegen.

mke

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