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Tempo, Tempo: DB-Fernverkehrsvorstand Berthold Huber (li.) und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt vor dem Start des ICE-Versuchszugs, der von Bamberg nach Erfurt fuhr. 

Turbo auf der Neubaustrecke

ICE-Testfahrt: Mit Tempo 302 Richtung Berlin

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Bahn frei – für die Bahn. Noch 101 Tage sind es bis zur Eröffnung der Schnellfahrtstrecke München-Berlin. Mit bis zu 18 Zügen täglich je Richtung will die Bahn den Kampf gegen das Flugzeug aufnehmen.

BambergDie Bahn bereitet sich akribisch vor und hat an alles gedacht, sogar an die Einfärbung der Schallschutzwände. Kaum ist der ICE 3 hinter Bamberg auf die Neubaustrecke eingebogen, leuchten die eigentlich öden, bis zu vier Metern hohen Wände in den bayerischen Landesfarben weiß-blau. In Thüringen sind sie grün.

Test-ICE rast durch den Thüringer Wald

Seit einer Woche läuft die Erprobung auf dem letzten Teilstück für die Schnellfahrstrecke München-Berlin, 107 Kilometer Schiene zwischen Ebensfeld nördlich von Bamberg und Erfurt. Acht Mal täglich rast ein Test-ICE durch den Thüringer Wald, über 29 Brücken und durch 22 Tunnel, darunter ist auch der Bleßbergtunnel, mit 8314 Metern Deutschlands längster Eisenbahntunnel. Die Bahn hat eigens zwei Test-ICE für die Erprobung abgestellt, 100 Lokführer wurden speziell für die Strecke geschult. Zehn Übungen für die Rettungskräfte sind angesetzt, sieben wurden schon absolviert.

Das alles lief reibungslos. Mehr zu schaffen macht Projektleiter Olaf Drescher etwas anderes: „Wir haben leider sehr, sehr viel mit Diebstahl zu tun.“ Vor allem auf Erdungskabel an Masten, Schallschutzwänden und Brücken haben es Diebe abgesehen, obwohl diese nicht aus dem begehrten reinen Kupfer bestehen, sondern aus einer eigentlich unattraktiven speziellen Alu-Kupfer-Legierung. „Wir müssen jeden Tag die Strecke kontrollieren, sie wird jetzt rund um die Uhr bewacht“, sagt Drescher.

Der joviale Leipziger verzichtet auf die typische rote Bahn-Krawatte, er ist studierter Eisenbahnsicherungstechniker und der Kopf des Projekts: Seit zehn Jahren ist er Leiter des Großprojekts VDE 8. Das „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ Nummer acht ist die letzte Großbaustelle dieser Art.

Probleme beim Bau

Während der als „Sonderzug“ deklarierte Test-ICE bei der „Hochgeschwindigkeits-Premierenfahrt“ mit Dutzenden Journalisten an Bord langsam Tempo aufnimmt, berichtet Drescher über unliebsame Überraschungen beim Bau. So wurden die Bauarbeiter beim Bohren des Silberbergtunnels, der über sieben Kilometer lang ist, fast geflutet. „Der Wasserstand war bis zu zehnfach höher als prognostiziert“, berichtet Drescher. „Die Leute standen bis zur Hüfte im Wasser.“

Nun aber ist die Strecke München-Berlin fertig, Zeit für den Auftritt von Berthold Huber. Der Weilheimer ist DB-Fernverkehrschef und freut sich auf den „Quantensprung für die Eisenbahn“. Er kündigt ein ehrgeiziges Ziel an: Die Bahn wolle ihren Marktanteil im München-Berlin-Verkehr verdoppeln. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der bei der Versuchsfahrt zusammen mit Huber in Bamberg zusteigt, nennt die exakte Zahl: Während heute 1,8 Millionen Reisende im Jahr von München nach Berlin (oder umgekehrt) den Zug nehmen, sollen es künftig 3,6 Millionen sein. Die neue Bahnstrecke sei eine „echte Kampfansage“ an das Flugzeug, sagt Dobrindt.

Wie oft fährt der ICE von München nach Berlin?

Ab dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember sollen täglich 14 bis 15 ICE-Züge je Richtung zwischen München und Berlin fahren. Hinzu kommen drei Sprinterzüge, die nach München nur noch in Nürnberg, Erfurt und Halle halten, in Berlin dann am Südkreuz und am Hauptbahnhof und weniger als vier Stunden benötigen sollen. Die tägliche Kapazität zwischen München und Berlin verdoppelt sich auf 20.000 Sitze.

Das Mammutprojekt wirbelt die Fahrpläne durcheinander. Mehr dazu lesen Sie hier.

An der heutigen Höchstpreisgrenze soll sich nach Aussage von Huber nichts ändern. Derzeit kostet ein 2. Klasse-Ticket ohne Ermäßigung maximal 139 Euro einfach. „Wenn man ein bisschen flexibel ist, kann man auch einen Sparpreis bekommen“, sagt Huber. Am auslastungsschwachen Dienstagnachmittag etwa werde man auch künftig für 29,90 Euro nach Berlin fahren können, am nachfragestarken Freitag aber eher nicht. Ab 17. Oktober sollen die Züge auf der Schnellfahrstrecke buchbar sein. Zum Einstand wird die Bahn wohl auch ein paar Schnäppchen bieten, obwohl Huber dazu noch nichts Konkretes sagen will. Nur soviel: „Die Kunden können sich auf Überraschungen freuen.“

Bei der Versuchsfahrt gestern Vormittag erreicht der Zug in der Spitze 302 km/h, auf der Rückfahrt sogar 304 km/h. So zeigt es ein Bildschirm an. Man merkt es kaum, der Zug rollt auf einer sogenannten festen Fahrbahn aus Beton fast ruckelfrei. Projektleiter Drescher war auch schon mal mit 334 km/h unterwegs. Berthold Huber, der als Fernverkehrschef viele Termine im Berliner Bahntower am Potsdamer Platz hat, war bisher öfter auch mal mit dem Flugzeug unterwegs. Nun verspricht er: „Das werde ich nicht mehr tun“ – sondern den Sprinter nehmen.

von Dirk Walter

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