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Simple Handys zu einem anständigen Preis – darin sieht Infineon einen Markt mit Zukunft. Ein neu entwickelter Chip soll die Herstellungskosten senken.

Interview

Ideen sind die beste Medizin gegen die Krise

München - Mitten in den Turbulenzen der Wirtschaftskrise und der Pleite seines Tochterunternehmens Qimonda ist der Chiphersteller Infineon mit dem Innovationspreis der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet worden.

Der Mobilfunkchip E-Goldvoice des Münchner Konzerns wurde in dem Wettbewerb unter Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) als beste technologische Innovation in der Kategorie "Großunternehmen" prämiert. Dieser Fingernagel-große Chip sei eine "bahnbrechende Innovation, da mit ihm ein einfaches Handy praktisch aus einem einzelnen Chip hergestellt werden kann", hieß es zur Begründung. Infineon-Entwicklungsvorstand Hermann Eul spricht im Interview über den Markt für Billighandys und Innovationen in Zeiten der globalen Krise.

-Sie feiern Ihren Handychip als bahnbrechende Erfindung - aber verdient Infineon damit auch Geld oder ist das nur eine technische Spielerei?

Wir verdienen Geld mit diesem Chip. Aber trotzdem: Die Frage trifft den richtigen Nerv. Zu Beginn dieser Idee haben wir uns selbst gefragt: Ist ein solcher Chip realisierbar? Und der eine oder andere hat das Projekt damals für eine Spielerei gehalten. Nach einer nüchternen Bewertung sind wir aber zu einem anderen Schluss gekommen. Und der heutige Erfolg gibt uns Recht. Wir haben schon über 100 Millionen Stück dieses Chips verkauft.

-Der Chip soll vor allem Herstellungskosten sparen und insbesondere in Billig-Handys eingesetzt werden. Welche Bedeutung hat dieser Markt?

Es werden weltweit etwa eine Milliarde Mobiltelefone produziert. Mindestens zehn Prozent davon sind Geräte der untersten Preiskategorie. Und Experten schätzen, dass dieser Anteil in wenigen Jahren 20 Prozent betragen wird. Der Markt dafür wird sich also verdoppeln. Insofern ist das kein kleines Thema.

-Warum ist so ein immenses Wachstum bei Billighandys zu erwarten?

Ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung hat noch nie ein Telefonat geführt. Das sind in erster Linie die Menschen in den Entwicklungsländern. Wenn man ihnen die Nutzung eines Mobiltelefons ermöglichen will, geht das nicht zu Preisen wie beispielsweise in Europa oder den USA.

-Um wie viel kann Ihr Chip ein Handy billiger machen?

Früher hat man ein Handy aus mehreren hundert Komponenten gebaut. Heute haben die Geräte der unteren Klasse etwa 200 Bauteile. Ein Gerät mit unserem Chip benötigt nur noch 50 Komponenten. Wir schätzen die Kostenersparnis für die Handyhersteller daraus auf 30 Prozent.

-Der Zielmarkt sind Entwicklungsländer. Haben Verbraucher in Deutschland auch etwas von dieser Erfindung?

Auch in den Industrieländern, in denen vielfach teurere Mobiltelefone angeboten werden, gibt es einen neuen Benutzer-Typ, der mit dem Handy nur telefonieren und SMS verschicken möchte. Denen reicht ein solches Handy. Ähnliches gilt für ältere Menschen. Das ist ein durchaus respektabler Markt. Und die Verbraucher profitieren insofern, als sie eben auch ein Gerät für 30 Euro kaufen können und nicht nur solche für hundert oder mehr Euro.

-Heuer erwartet Infineon einen drastischen Umsatzeinbruch - auch im Geschäft mit Handychips. Helfen Ihnen selbst preisgekrönte Erfindungen in diesem Markt nicht mehr weiter?

Auch unser Umsatz wird sich der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung nicht entziehen können. Ich glaube aber: Diejenigen, die die pfiffigsten Ideen haben, werden auch am besten durch diese schwierige Phase schreiten und am schnellsten hochkommen, wenn es konjunkturell wieder aufwärts geht. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass diese Art von Produkten die beste Medizin in der Krise ist.

-Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise wurde der Sparkurs bei Infineon verschärft. Die Pleite des Tochterunternehmens Qimonda dürfte weitere Belastungen bringen. Wie stark wird jetzt die Innovationskraft von Infineon leiden?

Wir haben alle Funktionen unter die Lupe genommen - natürlich auch die Entwicklung. In dieser Situation geht man die Projekte durch und dreht sie doppelt und dreifach um, mit dem Ziel, jene zu identifizieren, die für die Zukunft am wichtigsten sind. Dementsprechend wird manches Projekt nicht mehr verfolgt, aber der Bereich Forschung und Entwicklung ist und bleibt unser Herzstück und damit finanziell entsprechend gut ausgestattet. Wir können es uns keinesfalls leisten, unsere Zukunft aufs Spiel zu setzen, indem wir auf Innovation verzichten.

Interview: Dominik Müller

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