Ideen-Schmiede von BMW: Autos, die noch niemand sehen darf

- München - Gigantische Bildschirmwände, Fassaden aus Glas und Stahl, das Zentrum bildet ein Platz, der sich bis unter das Dach in fünfzig Meter Höhe erstreckt. High Tech, schließlich ist das "Projekthaus", das neue Herz des Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) von BMW, in dem 10 000 Mitarbeiter Jahrzehnte in die Zukunft denken. Doch wer den Architekten Gunter Henn fragt, hört Überraschendes: "Wir haben von alten Baumeistern gelernt."

<P>Henn ließ sich von italienischen Renaissance-Plätzen inspirieren. Diese seien groß genug, "um mich erhaben zu fühlen", aber nicht zu groß: "Wenn ich am anderen Ende jemanden sehe, den ich nicht erkenne, fühle ich mich unwohl." Das vermeidet in Henns Augen der Markusplatz in Venedig ebenso wie die Piazza del Campo in Siena und das Projekthaus, in dem ein Fünftel der FIZ-Belegschaft am Auto der Zukunft tüftelt. <BR><BR>Hier werden vom Mini bis zum Rolls-Royce für alle Baureihen des Konzerns die Ideen zusammengefügt. Nicht ganz einfach, weil so viele Menschen dran beteiligt sind: Es soll kein Chaos entstehen und doch die Kreativität nicht abgetötet werden, wie Henn sagt. "Sie können Innovation nicht mit Protokollen und Sitzungen erreichen."<BR>Fast überall kann man aufeinander treffen: In der Cafeteria, deren Bierbänke Internet-Anschluss haben, auf den Brücken und Wegen, die die High-Tech-Renaissance-Stadt verbinden. Und in den acht zweistöckigen Großraumbüros, die jeweils für ein Projekt reserviert sind. Da sitzt nicht jeder abgeschottet vorm Bildschirm. Überall stehen zwanglos Gruppen beieinander. "Wissen soll nicht addiert werden, sondern multipliziert", sagt Henn. Dazu sei ständiger Austausch nötig.<BR><BR>Zusammentreffen als Betriebsphilosophie<BR><BR>Einfach lässiger und lockerer, sagt Henn über das Klima. Während in der Konzernzentrale bei BMW eine konservative Kleiderordnung gilt, sind im FIZ Krawattenträger die Minderheit. Pullover dominieren.<BR><BR>Was in den Köpfen und Computern entsteht, soll im Inneren des Projekthauses schnell für alle sichtbar werden - Selbstkontrolle und Erfolgserlebnis. Dafür wurde über der Mitte des Platzes ein sechsstöckiges Kerngebäude gehängt. Auf Bildschirmen werden darin Autos der Zukunft sichtbar, bevor sie gebaut werden. Virtuelle Realität nennt sich das. Was früher nur auf teuren Spezialcomputern machbar war, schafft das Team um Human Ramezani bereits mit Software von der Stange. Autos werden für Drei-D-Brillen räumlich sichtbar gemacht. Farbe und Ausstattung wechseln auf Knopfdruck. So wird an Details gefeilt, obwohl das Auto noch gar nicht existiert. "Wir werden die Prototypen nicht eliminieren, aber reduzieren", sagt Ramezani.<BR><BR>Auf diese Weise entstehen nicht nur Autos. Auch Reparatur und Produktionsabläufe werden simuliert. Ganze Fabriken, wie die neue in Leipzig, entstehen zuerst virtuell.<BR><BR>Autos können auch ganz real ins Kerngebäude fahren. Aufzüge schleppen, falls nötig, mehr als sechs Tonnen bis in die oberste Etage. Angeliefert werden sie über die "Straße der Autos", die vollkommen blickdicht ist. Denn dort fahren Autos, die noch kein Außenstehender sehen soll. So wie die neuen Dreier, deren Bilder nur durch Spionage öffentlich wurden. So schließen sich im sonst so offenen Allerheiligsten auch einmal die Vorhänge vor den Augen der Gäste. Auch die Mitarbeiter sind dem Zugriff der anderen nicht ausgeliefert. Sie können sich in winzige Räume zurückziehen. Diese haben weder Internetanschluss noch Telefon. "Klosterzellen ohne Technik", sagt Henn.<BR>Sonst präsentiert sich das Projekthaus sogar offener als geplant. Barrieren, die bestimmte Bereiche nur für Mitarbeiter mit hoher Geheimhaltungsstufe zugänglich machen sollten, waren noch nie in Betrieb.<BR><BR>Auch für Fremdfirmen öffnen sich die Tore. So hat sich im Erdgeschoss ein Optiker eingemietet. Andere Läden sollen folgen, Buchladen, Zeitungskioske, Lebensmittelgeschäfte. Henn schwebt auch eine Kunstgalerie vor und sogar eine Bar mit "Happy Hour". Um den zentralen Platz wächst allmählich die Stadt.</P>

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