Merkur-Interview

Ifo-Konjunktur-Chef: „Wir haben Milliarden-Spielraum für Steuerentlastungen“

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Timo Wollmershäuser ist Konjunktur-Chef des Münchner Ifo-Instituts. Im Interview erklärt er, warum mit einem Abflauen der Konjunktur vor 2019 nicht zu rechnen ist.

Zu Jahresbeginn 2017 herrschte große Unsicherheit: Trump wurde als US-Präsident vereidigt, niemand wusste, wie es mit dem Brexit weitergeht. Und jetzt sehen wir, dass die deutsche Wirtschaft allen Risiken zum Trotz so stark gewachsen ist wie seit sechs Jahren nicht mehr. Wie passt das zusammen?

Timo Wollmershäuser: Es waren ja nicht nur Trump und der Brexit. Vergangenes Jahr standen auch noch wichtige Wahlen in europäischen Ländern wie Frankreich an. Niemand wusste, wie stark die europafeindlichen Parteien abschneiden werden. Inzwischen ist klar: In den neuen Regierungen finden sich keine europakritischen Parteien. Bei Trump wissen wir: Die Steuersenkungen kommen, dagegen ist die Politik des Protektionismus weitgehend vom Tisch. Und der Brexit verläuft bislang so, dass wir konjunkturelle Auswirkungen zwar in Großbritannien sehen, im Euroraum hinterlässt der Ausstieg der Briten aus der EU bislang aber kaum Spuren. Auch wird ein harter Brexit – entgegen allen Befürchtungen – am Ende wohl doch nicht kommen. Zusammengefasst lässt sich sagen: Ein Großteil der Risiken hat sich schlicht nicht materialisiert. Das ist einer der wichtigsten Punkte, warum es im vergangenen Jahr in Deutschland weiter aufwärts ging.

Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?

Timo Wollmershäuser.

Wollmershäuser: Durch den Wegfall der Risiken hat sich die Stimmung unter Verbrauchern und Unternehmen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit deutlich verbessert. Das ist das Entscheidende, um zu verstehen, was mit der Konjunktur im vergangenen Jahr passiert ist: Mit dem weltweiten Impuls kam für die deutsche Wirtschaft ein neues Element zum bereits bestehenden Aufschwung hinzu. Die exportorientierte deutsche Industrie hat massiv vom Aufschwung der Weltkonjunktur profitiert. Das erklärt, warum sich das Wachstum 2017 noch einmal beschleunigt hat.

Das hohe Wachstum hat auch zu Rekordüberschüssen in den Staatshaushalten geführt. Sollte eine künftige Bundesregierung die Chance nutzen, um die Steuern zu senken oder ist es wichtiger, die Schulden weiter abzubauen?

Wollmershäuser: Die Haushalte sanieren wir bereits seit Längerem. Wir fahren seit 2014 Überschüsse ein – und zwar ganz gewaltige. Es ist richtig, dass wir den Schuldenberg abbauen. Aber wir sollten das nur bis zu einem gewissen Grad machen, wenn der Staat mit seiner Politik alternativ das langfristige Wachstum steigern kann. Wir haben derzeit einen Handlungsspielraum von jährlich bis zu 30 Milliarden Euro, die wir den Bürgern durch Steuerentlastungen zurückgeben könnten, ohne an den Staatsausgaben etwas zu ändern. Eine Regierung könnte das machen, ohne den Schuldenabbau aufs Spiel zu setzen. Es wäre allein schon ein Fortschritt, die Kalte Progression zu stoppen. Durch die Progression im Steuersystem fließt bei Lohnsteigerungen ein immer größerer Teil des Einkommens in den Steuertopf – obwohl die Lohnsteigerungen durch die Inflation aufgefressen werden.

Aber laufen wir bei Steuersenkungen nicht Gefahr, dass die Konjunktur überhitzt?

Wollmershäuser: Diese Gefahr besteht natürlich. Daher muss man bei großen Steuersenkungsprogrammen die Konjunktur im Blick haben. Es gibt einen Grund, der mich optimistisch stimmt, dass es zu keinen Überhitzungserscheinungen kommt: Die Mühlen der Politik mahlen sehr langsam. Noch haben wir Sondierungsgespräche, dann folgen Koalitionsverhandlungen, dann müssten Reformpläne erst einmal Bundestag und Bundesrat passieren. Vor 2019 oder 2020 wird es daher keine Steuerreform geben.

Und bis dahin wird die Konjunktur wieder etwas abflauen?

Wollmershäuser: Ja. Nach unserer Prognose wird sich das Wachstum bis dahin wieder verlangsamen. Vielleicht befinden wir uns bis dahin sogar in einem Abschwung. Auf jeden Boom folgt irgendwann eine Abkühlung. Dann käme das Umsetzen einer Steuerreform genau zum richtigen Zeitpunkt.

Wie schätzen Sie das Wachstum 2018 ein?

Wollmershäuser: In diesem Jahr werden wir noch einmal eine ähnlich starke Wachstumsrate sehen wie 2017. Wir gehen von 2,6 Prozent aus. Ähnlich ist diese Rate deshalb, weil das Wachstum vergangenes Jahr ohne den Sondereffekt der vielen Feiertage bei 2,5 Prozent gelegen hätte. Und derzeit deutet nichts darauf hin, dass wir den Peak schon erreicht haben. Die weltweiten Stimmungsindikatoren kennen derzeit nur eine Richtung: Weiter nach oben.

Das Interview führte Sebastian Hölzle. 

Zur Person: Timo Wollmershäuser hat in Paris und Würzburg Volkswirtschaftslehre studiert. In Würzburg erhielt er auch seine Promotion und Habilitation. Als Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts ist er nicht nur für die deutsche und internationale Konjunkturanalyse zuständig, sondern auch für die Prognosen.

Lesen Sie hier: Deutsche Wirtschaft wächst so stark wie seit 2011 nicht mehr.

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