Ifo-Volkswirt: Die wilden Streiks sind mehr als nur Nadelstiche

- Opel-Arbeiter in Bochum legen als Zulieferer andere Werke in Europa lahm. Selbst von Gewerkschaftsseite kommt jetzt leise Kritik an dem nun seit sechs Tagen dauernden Ausstand. Das Management droht den "wild" Streikenden mit Kündigung. Im schlimmsten Fall könnte es zu einer Werksschließung kommen, so die Meinung von Martin Werding, Volkswirt beim Ifo-Institut in München. Wir sprachen mit ihm über die Lage bei der General-Motors-Tochter und die Auswirkungen des Streiks in Bochum.

<P>"Sollte es zu einem unbefristeten Streik kommen, streiken sie sich wie in Großbritannien vor 20 Jahren zu Tode."</P><P>In Bochum wird gestreikt, die Opel-Mitarbeiter fürchten um ihre Stellen. Wie steht es um General Motors (GM) in Europa?</P><P>Martin Werding: Bei GM in Europa ist man in einer besonderen Situation. Sie ist viel, viel schwieriger als die Tarifkonflikte bei Siemens oder Daimler-Chrysler. Dort<BR>ging es lediglich darum, günstiger zu produzieren. Bei Opel steht möglicherweise eine Schließung ins Haus.</P><P>Stärkt der Streik die Verhandlungsposition von Belegschaft und Gewerkschaft?</P><P>Werding: Am Anfang sah es nicht so aus, als gebe es über die Stellenstreichungen noch viel zu reden, nun wird offenbar doch verhandelt, wir wissen nicht worüber. Dass das Management Entlassungen ganz ausschließt, bevor die Arbeit weitergeht, dürfte jedenfalls zu viel verlangt sein.</P><P>Welche Auswirkungen für den Arbeitsfrieden sind durch die Arbeitsverweigerung zu erwarten?</P><P>Werding: Die Bochumer greifen zu dem einzigen Hebel, den sie noch haben. Als Zulieferer können sie in anderen Werken einiges bewirken. Man kann lange lamentieren, ob das Management Fehler gemacht hat und was die Gewerkschaft in der Vergangenheit nicht gesehen hat. Aber General Motors hat in den letzten zehn Jahren ein Drittel seines Marktanteils in Europa verloren. In Deutschland schrumpfte der Marktanteil von 17 auf neun Prozent.</P><P>Was bedeutet der wilde Streik für das Werk in Bochum? Was für den Standort Deutschland?</P><P>Werding: Die deutschen Werke sind von den Lohnkosten her die teuersten. Außerdem ist das Bochumer Werk vergleichsweise alt. Wenn es weitergehen soll, erfordert das große Investitionen. Bochum steht wirklich auf der Kippe. Die Lage von Opel und der Streik sind einzigartig, man kann sie nicht auf den gesamten Standort Deutschland übertragen.</P><P>Was wäre notwendig, um das Werk zu halten?</P><P>Werding: Wir haben in Deutschland andere Automobilunternehmen, die trotz hoher Lohnkosten gut über die Runden kommen. Voraussetzung ist aber eine brauchbare Nachfrage, und die fehlt bei Opel. Auslastung ist in der Automobilproduktion alles, das Teuerste sind ungenutzte Maschinen. Und Opel ist nicht ausgelastet. Es ist nicht so leicht zu sehen, wie Opel eine Lösung ohne massiven Beschäftigungsabbau finden kann.</P><P>Wie kann das Management auf den Streik reagieren?</P><P>Werding: Das Management muss ein Interesse daran haben, den Streik möglichst schnell zu beenden. Das ist kein Nadelstich, das ist mehr. Sollte es zu einem unbefristeten Streik kommen, dann streiken die sich wie in Großbritannien vor zwanzig Jahren zu Tode. </P><P>Falls GM ein Werk schließen muss, ist es da nicht am wahrscheinlichsten, dasjenige zu schließen, wo Arbeiter illegal streiken?</P><P>Werding: Das kommt ganz darauf an. Eine Strafaktion ist betriebswirtschaftlich gar nicht sinnvoll. Ich glaube, dass nach rationalen Gesichtspunkten entschieden wird.</P><P>Das Gespräch führte Christian Vordemann.</P>

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