IG-Farben: Das unrühmliche Ende einer merkwürdigen Institution

- Frankfurt - Eines der dunkelsten und merkwürdigsten Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte endet in der Insolvenz. Mehr als 50 Jahre lang wurden die Reste des einst größten Chemiekonzerns der Welt, der I.G. Farben, von so genannten Liquidatoren entflochten. Kurz vor dem Abschluss ist die I.G. Farbenindustrie AG in Abwicklung (i.A.), so die korrekte Bezeichnung, bankrott.

<P>Die Gesellschaft ist der Rechtsnachfolger der 1925 von den damaligen deutschen Chemiegiganten gegründeten "Internationalen Gesellschaft Farbenindustrie". Diese galt als einer der großen industriellen Förderer des Aufstiegs von Adolf Hitler. Nach dessen Machtübernahme war sie vielfältig in das Schreckensregime verstrickt: Kein Unternehmen beschäftigte noch mehr Zwangsarbeiter. Es betrieb sogar eigene Lager. Eine Tochterfirma lieferte das Giftgas Zyklon B an die SS. Ohne I.G. Farben wäre es, so eine verbreitete Einschätzung, dem 3. Reich nicht möglich gewesen, den Krieg zu führen.<BR><BR>Die Besatzungsmächte stellten sowohl den Konzern als auch dessen Führungsriege vors Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal. Personen wurden verurteilt, das Unternehmen gespalten. Es entstanden BASF, Bayer, Hoechst, Hüls und andere.<BR><BR>Rechtsnachfolgerin wurde die Gesellschaft in Abwicklung, die alles mögliche machte, nur eines nicht: Sich zugunsten der Opfer aufzulösen. Sie zahlte Pensionen - auch an die Ex-Bosse, kaufte Immobilien, verteilte Ausschüttungen an die Inhaber der in Reichsmark geführten Liquidationsscheine und kämpfte nach der Wiedervereinigung um das in Ostdeutschland nach dem Krieg enteignete Vermögen.<BR><BR>Nur in geringem Umfang wurden Zwangsarbeiter in den 50er-Jahren entschädigt - mit insgesamt rund 13,5 Millionen Mark. In den Zwangsarbeiterfonds zahlte die Gesellschaft in Abwicklung nicht ein - um eine eigene Lösung zu suchen. Diese liegt nun im Grenzbereich der Nulllösung: Denn bislang wurden nur 256 000 Euro in die entsprechende Stiftung gezahlt, aus deren Zinsen nun die Entschädigungen fließen sollen. Eine kleine fünfstellige Euro-Summe für die Überlebenden von insgesamt rund 400 000 Zwangsarbeitern.<BR><BR>Die letzten Liquidatoren Volker Pollehn und Otto Bernhardt hatten wenigstens diese Summe gesichert. Am Gang der Dinge konnten sie wenig ändern. Die Insolvenz wird dem Frankfurter Immobilien- und Beteiligungskonzern WCM angelastet. Durch eine spektakuläre Finanztransaktion hatte sich 1993 die frühere Tochter aus dem Unternehmen gelöst. Parallel verringerte sich durch eine Ausschüttung der I.G. Farben, von der WCM profitiert haben soll, das Kapital der "Mutter" drastisch. "Der viel beachtete Aufstieg der WCM ist dadurch überhaupt erst möglich geworden", heißt es in einer Mitteilung der Abwickler.<BR><BR>WCM hatte sich 2001 als Nutznießer der früheren Transaktion bereit erklärt, den Immobilienbesitz der I.G. Farben zu einer vereinbarten Summe zu übernehmen. WCM bestreitet nun, dass ein rechtsgültiger Vertrag zu Stande gekommen ist und will die Wohnungen nur zu anderen Konditionen - sprich: einem niedrigeren Preis - übernehmen.<BR><BR>Durch die Insolvenz besteht nun die Gefahr, dass Banken und andere Gläubiger zuerst bedient werden und am Ende für die Opfer nichts übrig bleibt.</P>

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