Immer erst das Kleingedruckte lesen

Deutsche sichern sich gern ab. Aktuell haben sie insgesamt 23 Millionen Zusatzversicherungen abgeschlossen. Aufgrund der Leistungskürzungen bei den gesetzlichen Krankenkassen sind vor allem Zahnzusatzversicherungen beliebt wie nie.

Doch nicht alle Policen rentieren sich, warnen Verbraucherschützer. Die Stiftung Warentest hat zudem unter den Versicherern einige schwarze Schafe ausgemacht. Brillen-, Auslandskranken-, Krankenhaus- oder Ohnmachtszusatzversicherungen – was sich wirklich lohnt.

Zusatzversicherungen boomen. Die Zahl der gesetzlich Krankenversicherten mit einer privaten Police hat sich seit dem Jahr 2000 auf 13 Millionen mehr als verdoppelt – das ist das Ergebnis einer Befragung des Sozio-oekonomischen Panels. Viele haben die Kürzungen im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen verunsichert. Sechs Milliarden Euro zahlten die Kunden, um im Vergleich zu früher nicht schlechtergestellt zu sein. Nicht alle können sich das leisten. So verwundert es nicht, wenn Zusatzversicherungen insbesondere von Personen mit gutem Einkommen, höherem Bildungsabschluss oder einem ausgezeichneten Gesundheitszustand abgeschlossen werden.

Insgesamt wurden laut Verband der Privaten Krankenversicherung in Deutschland im Jahr 2012 rund 23 Millionen Zusatzversicherungen abgeschlossen. Die Beliebteste ist die für zahnärztliche Leistungen: Die Anzahl der abgeschlossenen Verträge hat sich auf 13,5 Millionen mehr als vervierfacht. Kein Wunder: Seit der Gesundheitsreform im Jahr 2004 sind für Bürger die Kosten für den Zahnersatz deutlich gestiegen. Gesetzlich Krankenversicherte müssen seitdem für Brücken, Kronen, Implantate oder Prothesen rund 850 Euro zuzahlen. Seit 2005 sind die Kosten bundesweit von rund 2,6 Milliarden Euro auf aktuell 3,1 Milliarden Euro gestiegen. Viele Bürger wollen sich aus diesem Grund gegen die hohen Behandlungskosten absichern.

Doch ein Vergleich der monatlich zehn bis 55 Euro teuren Zahnzusatzversicherungen ist nicht einfach: Private Versicherungsunternehmen geben den Erstattungsbetrag gerne in Prozent an. Allerdings bezieht sich dieser oft nicht auf die Gesamtrechnung, sondern auf den Betrag, der übrig bleibt, wenn die gesetzliche Krankenkasse ihren Anteil bezahlt hat, warnen Verbraucherschützer. Außerdem sollten Interessierte vorher immer erst das Kleingedruckte lesen. Manche Versicherungen schließen beispielsweise Inlays vom Zahnersatz aus, andere zahlen bei Zähnen im hinteren Mundbereich keine Keramikverblendung mehr. Nur 66 der 209 von Stiftung Warentest getesteten Zahnzusatzversicherungen bekamen die Bewertung „sehr gut“.

Wer im Krankheitsfall auf eine Chefarztbehandlung und ein Einzelzimmer Wert legt, sollte eine Krankenhauszusatzversicherung abschließen. Diese gibt es ab 40 Euro im Monat. Gesetzlich Krankenversicherte haben lediglich Anspruch auf alle notwendigen Leistungen wie Aufenthalt, Arzneimittel und die ärztliche Behandlung. Sie müssen sich außerdem ins nächstgelegene Krankenhaus einweisen lassen – Zusatzversicherte können sich hingegen wie Privatpatienten ihren Wunschort aussuchen. Der Haken: Nur weil die Versicherung im Vorfeld einer Behandlung zugestimmt hat, ist noch lange nicht gesagt, dass sie die Rechnung danach auch vollständig übernehmen wird. Jeder fünfte Fall des Ombudsmann der privaten Versicherer drehte sich 2015 um Gebührenstreitigkeiten.

Ebenfalls beliebt sind Auslandskrankenversicherungen. Diese Form wird von den Warentestern das „einzige Muss unter den Zusatzpolicen“ genannt. Zwar kommen die gesetzlichen Krankenkassen innerhalb der Europäischen Union und zum Beispiel in Island, Kroatien, Norwegen oder der Schweiz für die Behandlungskosten auf. Wer allerdings beispielsweise in die USA, Thailand oder Saudi-Arabien reist, muss im Krankheitsfall tief ins eigene Portemonnaie greifen. Und der Rücktransport in die Heimat wird generell nicht übernommen. Das ist bei Auslandskrankenversicherung, die es bereits ab acht Euro im Jahr gibt, anders. Fast alle verzichten inzwischen sogar auf eine Selbstbeteiligung im Schadensfall. Und Studierende können von besonders günstigen Tarifen profitieren. Allerdings gibt es auch schwarze Schafe, die zum Beispiel einen Rücktransport trotz medizinischer Notwendigkeit nicht übernehmen.

Darüber hinaus existieren noch weitere Zusatzversicherungen für gesetzlich Krankenversicherte. Dies ist für Menschen interessant, die häufig alternative Behandlungsmethoden nutzen. Die Kosten für Akupunktur und Homöopathie werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen – Heilpraktikerkosten werden sogar grundsätzlich nicht erstattet. Doch Vorsicht: Auch bei den privaten Versicherern erreichte bei Stiftung Warentest keiner die Note „sehr gut“. Wer nicht länger für Brillenfassungen, Gleitsichtgläser und Extras wie die Entspiegelung der Gläser aufkommen möchte, kann des Weiteren ein Ergänzungspaket mit Leistungen für Sehhilfen abschließen. Dies lohnt sich aber laut Experten nur für besonders teure Brillen oder wenn der Nachwuchs mit seinem Nasenfahrrad nicht besonders achtsam umgeht.

Für manche Menschen ist auch eine Krankentagegeldversicherung sinnvoll. Sie zahlt im Krankheitsfall schon bevor die gesetzliche Krankenversicherung ab der siebten Woche ein Krankengeld zahlt. Das ist vor allem für Selbstständige wichtig, bei denen nicht selten die Existenz davon abhängt. Von einer Krankenhaustagegeldversicherung, die für Zuzahlungen an das Hospital, Kinderbetreuung oder Telefongebühren aufkommt, raten Experten allerdings ab. Beamte wiederum können bei ihrer privaten Krankenversicherung eine Zusatzversicherung abschließen, um bei Brillen, Zahnersatz, Heilpraktikerbesuchen oder der Chefarztbehandlung ihre Eigenanteile zu verringern.

Zu den kuriosesten Zusatzversicherungen dürfte die für Männer gegen Ohnmachtsanfälle im Kreißsaal zählen. Klappt der Vater bei der Geburt zusammen, erhält er 125 Euro – bei einem Jahresbeitrag von zwölf Euro. Auch hier gilt natürlich wie bei allen Versicherungen: Bevor Leistungen zum ersten Mal in Anspruch genommen werden können, müssen Versicherte mindestens drei Monate eingezahlt haben – für Zahnersatz und Entbindungen im Krankenhaus sind es sogar acht Monate. Die Ohnmacht-Versicherung dürfte sich daher wohl nur für angehende Großfamilien lohnen.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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