Nora Szech: Die Ökonomin lehrt Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und hat sich auf Markt- und Wettbewerbsdesign spezialisiert.
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Prof. Nora Szech: Die Wirtschaftswissenschaftlerin lehrt Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und hat sich auf Markt- und Wettbewerbsdesign spezialisiert.

Interview

Kampf um Impf-Muffel – Verhaltensökonomin rät: „Corona-Impfprämie von 500 Euro“

  • Thomas Schmidtutz
    VonThomas Schmidtutz
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Im Kampf um die Herden-Immunität rät die Verhaltensökonomin Prof. Nora Szech zu finanziellen Anreizen. Mit anderen Mitteln sei die Herden-Immunität kaum zu erreichen, macht sie im Merkur.de-Interview deutlich.

München - In Deutschland verliert die Impfkampagne an Fahrt.* Zwar sind immerhin knapp 40 Prozent der Deutschen bereits zweimal geimpft. Doch angesichts der rasanten Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante empfiehlt das RKI* eine Impfquote von 85 Prozent und fordert eine höhere Impfbereitschaft. Um die Lücke zu schließen, nimmt die Diskussion um mögliche Anreize für Impfmuffel Fahrt auf. Die entsprechenden Ansätze in den USA, Griechenland oder der Schweiz reichen von Freibier, über Handy-Gutscheine, kostenlose Joints bis zu Losen für eine millionen-schwere Impflotterie.

Die Verhaltensökonomin Professor Nora Szech vom renommierten Karlsruhe Institute of Technology (KIT) hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Marta Serra-Garcia von der University of San Diego untersucht, wie finanzielle Anreize die Impfbereitschaft erhöhen könnten. Wie hoch ein möglicher Impfbonus sein sollte, wie wirksam Lotterien sind, erklärt Szech im Interview mit Merkur.de.

Frau Professor Szech, im Kampf gegen die nachlassende Impfbereitschaft will die Bundesregierung jetzt mehr TV-Spots und Anzeigen schalten. Wird das helfen, um die für den Herbst erhoffte Herden-Immunität zu erreichen?
Laut RKI benötigen wir eine Impfquote um die 85 Prozent. Ich befürchte, das werden wir mit diesen Aktionen allein bei Weitem nicht schaffen. Es gibt auch keine Studien, die solch einen großen Erfolg nahelegen würden.
Sie haben gemeinsam mit Ihrer Kollegin Professor Marta Serra-Garcia von der Universität San Diego in den USA untersucht, ob Prämien wie etwa Einkaufsgutscheine die Impf-Bereitschaft erhöhen könnten. Was ist dabei rausgekommen?
Wir haben einen einfachen Zugang und monetäre Zahlungen untersucht. Beides wirkt. Gerade die bildungsferneren Menschen werden so abgeholt, die besonders Corona-gefährdet sind. Bei 100 Euro sind 80 Prozent aller Erwachsenen impfbereit. Für 500 Euro sind es fast 90 Prozent.
Also sollte die Bundesregierung eine Prämie für Impfmuffel auflegen?
Ja. Die Aufwandsentschädigung sollte an alle gezahlt werden, die sich haben impfen lassen - auch rückwirkend. Laut ifo-Institut beträgt der soziale Wert der Impfung 1500 Euro. Davon sollten wir den Menschen zumindest einen Bruchteil abgeben. 500 Euro wären nur ein Drittel, sind aber für die meisten Menschen sehr viel Geld. Das sollten wir auszahlen.
Von welchen Gesamtkosten sprechen wir hier?
Da der soziale Wert der Impfung laut ifo Institut bei 1500 Euro liegt, gibt es nur Gewinner – die Impfbereiten ebenso wie die Gemeinschaft. Es ist einfach wichtig, dass die, die impfbereit sind, nun auch erreicht werden. Dann können wir hoffentlich eine vierte Welle vermeiden, die Schulen im Herbst offenlassen, einen neuen Lockdown unnötig werden lassen und viele Menschenleben retten. Die Kosten aus Long Covid sind übrigens vermutlich bei Weitem unterschätzt in diesen Berechnungen. Long Covid betrifft ja leider viel mehr Menschen als wir noch vor wenigen Monaten gehofft hatten. Auch viele junge Menschen erkranken daran. Es lässt sich noch gar nicht absehen, wie gut Menschen davon geheilt werden können. 
Aber würde der Staat bei einem solchen Vorgehen nicht ein völlig falsches Signal für künftige Fälle senden mit der Botschaft: Besser erst mal abwarten, um zu schauen, welche Goodies es möglicherweise gibt?
Wenn Sie rückwirkend an alle für die Impfung das Gleiche zahlen, ergibt sich dieses Problem nicht. So ist es fair und alle Geimpften werden gleichbehandelt.

Steigerung der Impfbereitschaft: „Monetäre Anreize mit festen Terminen kombinieren“

Könnte man die Impfbereitschaft nicht auch günstiger stimulieren, zum Beispiel, indem jeder Nicht-Geimpfte einen festen Termin von der jeweiligen Kommune erhält?
Unsere Studien zeigen, dass das tatsächlich hilft. Aber wir kommen damit allein nicht auf 85 Prozent Impfquote. Da braucht es einfach mehr. Es macht Sinn, monetäre Zahlungen mit vororganisierten Terminen zu kombinieren. Kurze Wege zur Impfung sind auch hilfreich, das wissen wir bereits von der Grippe-Impfung. Viele Menschen sind impfbereit, aber bis jetzt haben wir nur die ins Boot geholt, die bereit waren, sehr viel Aufwand - ohne Entschädigung - auf sich zu nehmen. Viele haben zig Ärzte angerufen, sind in andere Städte gefahren und haben weit entfernte Impfzentren aufgesucht. Das machen nur die, die die Impfung sehr dringend haben möchten. Andere haben nichts gegen die Impfung einzuwenden, möchten aber nicht tausend Handstände dafür vollführen. Die müssen wir jetzt erreichen.
Eine günstige Alternative könnte ja auch eine Lotterie sein: Jeder, der etwa bis zum 15. Dezember geimpft ist, könnte an der Verlosung teilnehmen. Der Gewinner erhielte beispielsweise eine Million Euro, der Zweite und der Dritte 500.000 bzw. 250.000 Euro. Was hielten Sie von solch einem Modell?
Solche Lotterien können helfen. Aber auf 85 Prozent Impfquote werden wir damit nicht kommen. Das schaffen andere Länder, die so etwas bereits machen, auch nicht.

*Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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