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„In fünf Jahren hat jeder 5G-Empfang“

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Von: Sebastian Hölzle

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Traktor wendet in Scheidegg im Allgäu Heu auf einer Wiese, im Hintergrund ist ein Mobilfunkmast zu sehen.
Bis Ende 2025 soll der letzte Winkel Bayerns an das 5G-Netz von Telefónica-O2 angeschlossen sein. © David Weyand, Imago

München – Beim Ausbau seines Mobilfunknetzes in dem neuen Funkstandard 5G (5. Generation) macht Telefónica Deutschland Fortschritte. Es seien inzwischen 1000 Antennen in mehr als 30 deutschen Städten aktiviert, berichtet das Unternehmen mit seiner Marke O2 in München. In den kommenden Monaten will die Firma das Ausbautempo deutlich anziehen. Über den Netzausbau und die Probleme damit sprachen wir mit Markus Haas, dem Vorstandschef von Telefónica Deutschland.

Telefónica Deutschland hat seinen Sitz in einem prominenten Gebäude in München, dem 146 Meter hohen O2-Tower. Steht das Hochhaus seit Beginn der Pandemie leer, weil die Belegschaft im Homeoffice arbeitet?

Zumindest phasenweise lag die Auslastung des Towers bei etwa zehn Prozent. Und auch jetzt wird der größte Teil des Gebäudes noch immer nicht genutzt. Bei uns kann jeder, der will, meistens von zuhause aus arbeiten. Und weil das sehr gut funktioniert, wollen wir dieses hybride Arbeiten auch nach der Pandemie beibehalten. In Zukunft soll niemand mehr morgens im Stau oder in einer vollen S-Bahan stehen müssen, um zu Telefónica zu kommen.

Das heißt, Sie brauchen das Hochhaus nicht mehr?

Doch, die Flächen im Tower benötigen wir auch weiterhin. Wir verfolgen ja eine klare Wachstumsstrategie. Zudem ziehen wir gerade die Mannschaften aus Nebengebäuden wieder im Tower zusammen. Der O2-Tower bleibt auch künftig der O2-Tower.

Im Herbst haben Sie den Startknopf für den Ausbau des 5G-Netzes gedrückt, unter anderem in München wird gebaut. Wie weit sind Sie?

Insgesamt haben wir im Stadtgebiet München mehr als 500 Antennenstandorte. Davon sind inzwischen rund zehn Prozent mit 5G-Antennen bestückt. Und es werden ständig mehr.

Liegen Sie damit im Zeitplan? Gemeinsam mit Ihren Mitbewerbern hatten Sie in einem Brief beklagt, dass in München der Ausbau „im bundesweiten Vergleich herausfordernd“ sei. Offenbar befassen sich fünf städtische Referate gleichzeitig mit 5G.

Natürlich gab es in München an einigen Stellen Diskussionen, insbesondere was das Stadtbild angeht. Die 5G-Antennen sind etwas höher als die 4G-Antennen. Aber hier hat sich der Oberbürgermeister persönlich eingesetzt. Es gibt nun durch einen parteiübergreifend getragenen Beschluss deutlich bessere Rahmenbedingungen für den Netzausbau in München.

Das bedeutet?

Inzwischen haben wir einen kurzen Draht ins Rathaus und zu den Stadtwerken. Wir reden miteinander und nicht übereinander. Unser Eindruck ist, dass es insgesamt ein gestiegenes Bewusstsein dafür gibt, dass München auch bei 5G in der Champions League spielen muss. Wir geben jetzt Vollgas und halten an unserem Ziel fest, bis Ende 2021 in München ein rasend schnelles 5G-Netz für die Stadt aufzubauen.

Markus Haas, Vorstandsvorsitzender von Telefónica-O2
Tellefónica-Chef Markus Haas © Telefónica

Wie viele Kunden nutzen inzwischen das doch recht überschaubare 5G-Netz? Die meisten Handys verfügen ja nicht einmal über die 5G-Technologie.

Das ist richtig. Derzeit unterstützen nur etwa fünf Prozent aller benutzten Endgeräte 5G. Aber bei rund 45 Millionen Telefónica-Kunden sind auch das immerhin über zwei Millionen. Und für die lohnt sich das 5G-Netz: Eine Fernsehserie lässt sich damit innerhalb einer halben Minute aufs Handy herunterladen.

Wann wird 5G den Massenmarkt erreicht haben?

Das wird in den kommenden zwölf bis 18 Monaten der Fall sein. Entscheidend ist, dass es bis dahin günstigere Endgeräte gibt. Gleichzeitig bauen wir das Netz in der Fläche aus. In fünf Jahren wird jeder in Deutschland 5G-Empfang haben, egal wo er wohnt.

Wie entwickelt sich die Nachfrage von Industriekunden?

Jede neue Fabrik, die jetzt gebaut wird, wird mit 5G ausgestattet. Das schafft einen flexiblen Maschinenfuhrpark. Ein Beispiel: Wenn ich alle Maschinen zentral über 5G steuern kann und nicht von einem Kabel abhängig bin, dann kann ich morgens einen 1er-BMW produzieren und nachmittags einen 3er-BMW. Wir haben bei 5G eine Verzögerung in der Datenübertragung von unter einer Millisekunde. Wenn ich dagegen einen Roboter über das WLAN-Netz ansteuern will, dann ruckelt es. Noch ist der Großteil der Maschinen nicht internetfähig, aber das ändert sich jetzt. Für Daimler haben wir im Werk Sindelfingen bereits die erste 5G-Fabrik gebaut, hier wird die S-Klasse mit 5G-Unterstützung gefertigt.

Für die Daten dürften sich auch Dritte interessieren. In der Bundesregierung und im Bundestag gab es Streit darüber, ob Huawei-Technik aus China im deutschen 5G-Netz verbaut werden darf. Befürchtet wurde, das Netz könnte für Spionage missbraucht werden. Wie viel Huawei steckt letztlich im 5G-Netz von Telefónica-O2?

Bei Industrieanwendungen entscheidet das der Kunde. Er hat letztlich die Wahl zwischen vier Herstellern. Bei Daimler haben wir die Technologie des schwedischen Netzwerkausrüsters Ericsson verwendet – auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden.

Wie sieht es beim öffentlichen Handy-Netz aus?

Zunächst einmal plant die Bundesregierung, dass kritische Komponenten der 5G-Netze zukünftig vom BSI, also dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, zertifiziert werden müssen. Wir haben uns grundsätzlich dazu entschieden, den sensiblen Kernbereich unseres Netzes mit Ericsson-Technik auszustatten. Bei den Antennen unseres Zugangsnetzes wollen wir – natürlich unter Einhaltung zukünftiger gesetzlicher Vorgaben – 50 Prozent mit Nokia und 50 Prozent mit Huawei ausbauen.

Sind Spionagebefürchtungen denn gerechtfertigt?

Nein. Sobald die Technologie zertifiziert ist, gibt es für uns keinen Anlass, skeptisch zu sein. Die Antennen sind ohnehin der deutlich weniger intelligente Teil unseres Netzes.

Was entgegnen Sie Menschen, die Sorge um Ihre Gesundheit haben, wenn in Sichtweite ihres Hauses eine 5G-Antenne installiert wird?

Ich kann nur jedem empfehlen, sich zu informieren und die Fakten sprechen zu lassen. Alle Netzbetreiber gemeinsam haben in Deutschland etwa 100 000 Mobilfunkantennen in Betrieb und bezüglich der Sendestärke die niedrigsten Pegelstände in der EU. In Deutschland bleibt man aber nicht deshalb unterhalb der Empfehlungen, weil etwa die Technik schädlich wäre. Nein, man will einfach nur noch vorsichtiger sein. Ich bin nun seit rund 25 Jahren in der Branche und kenne keine einzige Studie, die belegt, dass von Han-dystrahlung unterhalb der gesetzlich definierten Grenzwerte eine gesundheitsschädliche Wirkung ausgeht.

Wenn das 5G-Netz tatsächlich so schnell kommt, wie von Ihnen geplant. Der Ausbau des 4G-Netzes hat in Deutschland extrem lange gedauert.

Inzwischen haben wir bei 4G eine Netzabdeckung von 98 Prozent. Deutschland ist zwar Nachzügler, aber die Wachstumsraten sind hoch. Die Datenvolumina steigen jedes Jahr signifikant an. 5G wird uns helfen, diesen Anstieg zu bewältigen. In Deutschland liegt das monatliche Datenvolumen noch bei drei Gigabyte pro SIM-Karte – in Österreich sind es 20 Gigabyte. Deswegen geben wir bei 5G Vollgas. Und bei 4G schließen wir im Gleichschritt mit dem Wettbewerb die letzten Lücken.

Wie wollen Sie das schaffen?

Vor allem durch gemeinsame Nutzung von Standorten. Fast jeden Turm, den wir im ländlichen Raum bauen, können unsere Mitbewerber mitnutzen. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Damit sind wir schneller und kostengünstiger. Dadurch werden wir in den nächsten vier Jahren noch einmal rund 7000 zusätzliche Antennenstandorte haben, wo es heute noch keine Abdeckung gibt. So erreichen wir fast 100 Prozent Netzabdeckung.

O2-Tower in München.
O2-Tower in München. © Robert Schmiegelt, Imago

Warum hat der Ausbau in der Vergangenheit so lange gedauert?

Sobald in Deutschland neue Frequenzen vergeben werden, ist die Versteigerung bisher das bevorzugte Mittel der Politik und der Bundesnetzagentur. Das hat dazu geführt, dass wir in den vergangenen 20 Jahren rund 66 Milliarden Euro für Frequenzen ausgeben mussten. Dadurch fehlt Geld für Investitionen in die Mobilfunknetze. Deutschland ist daher in der EU im hinteren Drittel, was die digitale Infrastruktur angeht. Dabei könnten wir schon heute die besten Glasfaser- und Mobilfunknetze haben, wenn man es so machen würde wie andere Länder: Dort gibt es keine Versteigerungen.

Um wie viel Prozent würden die Handykosten sinken, sofern es keine Frequenzversteigerungen mehr gäbe?

So einfach ist die Rechnung nicht, denn wir wollen das Geld ja zunächst in die Standorte stecken. Außerdem: Die Preise im Mobilfunk sind in den vergangenen Jahren gesunken – trotz Versteigerungen. Der Grund ist aber ein anderer: Es gibt seit jeher eine hohe Wettbewerbsintensität im deutschen Mobilfunkmarkt und die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft eines Deutschen für den Mobilfunktarif liegt nur bei 33 Cent am Tag. Das ist europaweit einer der niedrigsten Werte. Zum Vergleich: Ein Cappuccino im Café kostet drei Euro. Der Cappuccino ist in fünf Minuten getrunken, das Smartphone nutzt man den ganzen Tag. Ich kann nach einer teuren Versteigerung nicht sagen, ich erhöhe jetzt mal die Mobilfunktarife. Das geht bei der Wettbewerbsintensität gar nicht.

Sehen Sie Chancen, dass sich an der Versteigerungspraxis etwas ändert?

Das wird im Bundestag derzeit diskutiert. Bayern hat sich als Bundesland dafür eingesetzt, dass es zumindest bei der Verlängerung bestehender Frequenzen keine Versteigerung gibt. Die bayerische Staatsregierung unterstützt das, weil sie natürlich sieht, dass man jeden Euro nur einmal ausgeben kann. Und wenn uns Corona eins gezeigt hat, dann das: Jeder in die digitale Infrastruktur investierte Euro ist ein guter Euro.

Telefónica ist gemeinsam mit Partnerfirmen nun ins Glasfasergeschäft eingestiegen. Ist es überhaupt sinnvoll, dass in Gemeinden nach der Telekom jetzt ein weiterer Anbieter die Straßen aufreißt?

Das wird nicht passieren. Gemeinsam mit der Allianz wurde mit „Unsere Grüne Glasfaser“, UGG, eine Infrastrukturgesellschaft gegründet, um Gebiete mit Glasfaser bis an die Haustür zu erschließen, in denen es heute nur Kupferleitungen gibt. Das betrifft in Deutschland immer noch 15 Millionen Haushalte.

Und in zwei Jahren kommt die Telekom und verlegt dort ihre eigenen Kabel.

Auch das sollte nicht passieren. Die UGG bietet die Nutzung des Glasfasernetzes allen anderen Telekommunikationsunternehmen an. Wir sind lediglich der erste Kunde der UGG. Es macht keinen Sinn, zweimal zu graben. Ich kenne auch kein Gebiet in Deutschland, wo es zwei parallel verlaufende Glasfaserinfrastrukturen gibt. Die Kosten sind schlicht zu hoch.

Gab es in den vergangenen Jahren im spanischen Mutterkonzern Überlegungen, sich angesichts des komplizierten Netzgeschäftes aus Deutschland zu verabschieden?

Nein, ganz im Gegenteil. Telefónica hat den Anteil an seiner deutschen Tochter vor fünf Jahren sogar auf 70 Prozent ausgeweitet. Die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen ja. Im Konzern ist Spanien der starke Heimatmarkt, der südamerikanische Markt steht für große Wachstumschancen, und Deutschland ist – neben dem britischen Markt – der sichere Hafen mit Wachstumspotenzial im Konzern.

Interview: Sebastian Hölzle

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