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So stellen sich Audi und Airbus die Zukunft vor: Beim Betrieb in der Luft hängt eine Fahrerkabine an einem Flugmodul bestehend aus vier Propellern, beim Betrieb auf der Straße sitzt die Fahrerkabine auf Rädern.

Zusammenarbeit von Audi und Airbus

Der Traum vom fliegenden Auto in Ingolstadt soll er Wirklichkeit werden

Flugtaxis gelten in der Technologie-Branche als das nächste große Ding. In Ingolstadt könnten die Fluggeräte im Probebetrieb erstmals in Deutschland abheben. Mit dabei sind Audi und Airbus.

Ingolstadt - In Ingolstadt könnten Flugtaxis zum ersten Mal in Deutschland im Testbetrieb fliegen. „Ein Modellversuch für Flugtaxis und für Kranken- oder Organtransport passt hervorragend zu uns“, findet Ingolstadts CSU-Bürgermeister Christian Lösel. Um einen solchen Testbetrieb zeitnah in die Tat umzusetzen, beteiligt sich die oberbayerische Stadt an der EU-Initiative Urban Air Mobility (UAM). Zu deutsch: Luftmobilität in Städten.

Die EU-Initiative will in verschiedenen Städten Europas die Einsatzmöglichkeiten von Drohnen mit und ohne Menschen an Bord testen. In Ingolstadt mit von der Partie sind Audi und Airbus. Das ist naheliegend, da der Autobauer und der Luftfahrtkonzern bereits bei einem Projekt namens Pop-up Next kooperieren. Bei diesem Projekt soll ein vollelektrisches Fortbewegungsmittel auf zwei Weisen zum Einsatz kommen: Einerseits kann eine zweisitzige Passagierkabine auf einen fahrbaren Untersatz montiert werden, andererseits kann ein mit Propellern bestücktes Flugmodul an die Kabine gekoppelt werden. Nicht mehr und nicht weniger als das flugfähige Auto soll damit geboren werden.

Hoffnung auf Zuschüsse zum EU-Projekt

Bürgermeister Lösel, der auf Zuschüsse zum neuen EU-Projekt hofft, kommt die Idee eines fliegenden Autos gerade recht. Letztlich gehe es auch darum, die Arbeitsplätze in Ingolstadt zu halten, sagt er und spielt darauf an, dass Elektromobilität in der Autoindustrie viele traditionelle Jobs zu vernichten droht. Aber noch bleibt das fliegende Auto ein Traum.

Nächster Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung ist ein zweitägiges Treffen der Ingolstädter Projektpartner Ende Juli. Dort sollen konkrete Einsatzszenarien festgelegt werden. Das fliegende Auto von Audi und Airbus gibt es bislang nur als Designstudie. Bis ein Prototyp fliegt, könnte es noch Jahre dauern, heißt es im Kreis des Industrieduos.

Airbus plant auch viersitziges Flugtaxi

Pop-up Next ist nicht das einzige Projekt, an dem Airbus tüftelt. Für den 18. Dezember dieses Jahres plant der Luftfahrtkonzern an seinem Hubschrauber-Standort in Donauwörth den Jungfernflug seines City-Airbus. Der City-Airbus ist ein viersitziges Flugtaxi, die Elektromotoren hat Siemens entwickelt.

Klappt der Jungfernflug, ist ein mehrmonatiger Testbetrieb auf dem Flughafengelände am Airbus-Standort Manching bei Ingolstadts geplant. Allerdings gibt es hier keine Option für den Straßenbetrieb. Der City-Airbus könnte aber die Basis für den straßenfähigen Pop-up Next sein.

Für 53 Sekunden fünf Meter über dem Boden

Schon im Februar hat Airbus in den USA ein kleineres Flugtaxi namens Vahana schweben lassen - wenn auch nur für 53 Sekunden und fünf Meter über dem Boden. „Es kommt darauf an, was Ingolstadt will, möglichst baldigen Praxiseinsatz oder noch ein paar Jahre auf eine maßgeschneiderte Entwicklung warten“, sagt ein Insider. Ersteres bedeutet City-Airbus oder Vahana, letzteres Pop-up Next.

Angesichts konkurrierender Projekte ist Tempo gefragt. Kaum hatte Ingolstadt vor wenigen Tagen verkündet, Flugtaxis im Realbetrieb testen zu wollen, schrieb der FDP-Bundestagsabgeordnete Christian Jung an die Adresse des baden-württembergischen Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann: „Wir brauchen eine schnelle Antwort auf das bayerische Flugtaxi-Testfeld.“ Jung hat Karlsruhe im Visier. Wenige Kilometer davon entfernt liegt Bruchsal, dort entwickelt das Start-up Volocopter, an dem Daimler beteiligt ist, sein gleichnamiges Flugtaxi. Vorigen September war das Fluggerät erstmals in der Luft - nicht in Deutschland sondern in Dubai, der Millionenstadt am Persischen Golf.

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Erfolgreicher Flugtest in Oberpfaffenhofen

Das Rennen um den Startschuss für den Bau von Flugtaxis hat aber in Deutschland begonnen. Bei der Entwicklung sind deutsche Ingenieure ohnehin an der Spitze. Neben Airbus und Audi sowie Volocopter und Daimler ist mit Lilium noch ein zweites deutsches Start-up bereits sehr weit fortgeschritten. Das Unternehmen aus Gilching im Landkreis Starnberg hat 2017 einen Prototypen auf dem Flugplatz in Oberpfaffenhofen erstmals erfolgreich fliegen lassen.

Wenn es um den Test der Praxistauglichkeit im Alltag geht, hat Ingolstadt mit dem Rückenwind der EU-Initiative momentan die Nase vorn. Das Engagement der Stadt wird auch vom Bund von Digitalstaatssekretärin Dorothee Bär und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) unterstützt. „Deutschland ist Luftfahrtpionierland“, betont Scheuer. Flugtaxen zu einem erschwinglichen Tarif gehöre in einem Land mit relativ geringer Fläche und hoher Verkehrsdichte wie Deutschland die Zukunft, assistiert Bär.

Bayern soll als Test- und Produktionsregion für Flugtaxis führend werden

„Wir gehen davon aus, dass ein Flug mit einem Lufttaxi in etwa so viel kosten wird wie eine herkömmliche Taxifahrt auf der Straße“, glaubt Airbus. Auch die Landespolitik schiebt an. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will den Freistaat zur führenden Test- und Produktionsregion für Flugtaxis machen. Ingolstadt passt dabei ins Konzept. Und Audi freut sich darauf, endlich einmal wieder Vorsprung durch Technik zu liefern.

Der kommissarische Chef der stark gebeutelten VW-Tochter, Abraham Schot, wirbt für das Testfeld für Flugtaxis in Ingolstadt. Mobilität in der dritten Dimension könne einen wertvollen Beitrag für mehr Lebensqualität in Städten leisten, findet er. In den Ideen, die Ingolstadt dazu der EU präsentiert hat, ist neben örtlichen Bahnhöfen auch das Audi-Firmengelände als Start- und Landeplatz für Flugtaxis vorgesehen. Wenn alles klappt, könnte diese Zukunft im Lauf des nächsten Jahres in Ingolstadt beginnen.

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Warum Ingolstadt Testregion wird

Ingolstadt liegt mit seinen 136.000 Einwohnern im Herzen Bayerns. Sie gilt auch als Audi-Stadt, weil viele ihrer industriellen Arbeitsplätze an der dortigen Zentrale und dem Stammwerk des Autobauers hängen. Für das Projekt Urban Air Mobility (UAM) der EU, das Flugtaxis im Realbetrieb erproben will, eignet sich Ingolstadt auch, weil in einem Radius von 100 Kilometern um die Stadt die bayerischen Großstädte München, Nürnberg, Augsburg und Regensburg liegen.

Das Städtequartett soll mittelfristig per Lufttaxi mit Ingolstadt verbunden werden. Die Erreichbarkeit anderer Großstädte ist ein wichtiges Kriterium des UAM-Projekts. Bereits oder in Kürze verfügbare Flugtaxis heimischer Hersteller schaffen die nötigen Reichweiten oder stellen sie in Aussicht. Die Industrie hält weniger technische Fragen als vielmehr behördliche Genehmigungen für einen Flaschenhals, durch den auch die Ingolstädter Initiative muss. Regeln zur Zertifizierung von Flugtaxis in Städten durch Luftfahrbehörden gibt es in Deutschland - aber auch anderswo auf der Welt - bislang noch nicht.

Thomas Magenheim-Hörmann

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