Industrie entdeckt die Älteren

- München - Die Deutschen werden immer älter: Jeder Fünfte hat heute 60 oder mehr Jahre auf dem Buckel. Im Jahr 2050 wird es jeder Dritte sein, schätzt das Statistische Bundesamt. Viele Unternehmen haben sich bislang jedoch kaum um diese wachsende Kundengruppe bemüht - was sich langsam ändert.

<P>Da die Seh- und Hörfähigkeit ebenso wie die körperliche Beweglichkeit abnimmt, hat die ältere Generation andere Ansprüche an Produkte und Dienstleistungen als die junge. Das gilt vor allem für technische Geräte, was die Hersteller bislang aber kaum erkannt haben. Zu kleine Tasten, winzige Buchstaben, verwirrende Gebrauchsanleitungen in Englisch: 66 Prozent der Senioren klagen über Probleme bei der Bedienung von elektrischen Haushaltsgeräten, wie aus einer Studie der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen hervorgeht.<BR><BR>"Es fehlt vor allem an genügend Licht und großer Schrift, um die Dinge erkennen zu können", sagt der Geschäftsführer der Agentur für Generationenmarketing in Nürnberg, Andreas Reidl. Zudem seien die Geräte zu komplex und mit Funktionen überfrachtet, was betagtere Anwender überfordere. Nach Reidls Ansicht hat die Wirtschaft die Älteren bislang vernachlässigt, weil sie ihre Kaufkraft unterschätzt hat - ein Fehler:<BR> 78,3 Prozent der 65- bis 85-Jährigen besitzen nach Informationen des Bundesfamilienministeriums ein Vermögen von 190 000 Euro.<BR><BR>Die Über-50-Jährigen repräsentieren laut des Instituts für Demoskopie Allensbach die Hälfte der Kaufkraft der Bevölkerung.<BR><BR>Allmählich erkennen aber immer mehr Firmen das Potenzial. So verkauft etwa Siemens seit diesem Herbst ein kabelloses Festnetztelefon mit extra großen Tasten und breiterem Display. "Wir haben durch Kundenbefragungen herausgefunden, dass es ein großes Bedürfnis nach Telefonen gibt, die leicht zu handhaben sind", heißt es beim Münchner Konzern. Das Gerät finde großen Zuspruch.<BR><BR>Dasselbe behauptet Vodafone von seinem Drei-Tasten-Handy, das seit mehreren Monaten angeboten wird (siehe Foto rechts). Das Gerät richte sich vor allem an ältere Menschen, denen die modernen Mobiltelefone zu kompliziert sind. Jede Taste ist mit einer Rufnummer belegt. Eine davon verbindet den Anrufer mit einer Telefonzentrale, in der unter anderem Ärzte in Notfällen helfen.<BR><BR>Auch Wincor Nixdorf, einer der weltgrößten Hersteller von Geldautomaten, ist gegen ein Alltags-Problem älterer Menschen vorgegangen. "Im höheren Alter gehen viele lieber an den Bankschalter als an eine Maschine", sagt Andreas Reidl. Wincor hat deshalb einen Automaten mit Sprachführung und gut fühlbaren Tasten entwickelt, der leichter zu bedienen sein soll.<BR><BR>Es sind aber nicht nur Technik-Unternehmen, die sich der Betagten-Bedürfnisse annehmen, sondern beispielsweise auch Einzelhandelsketten. In den Supermärkten der Rewe-Gruppe etwa sollen breite Gänge dafür sorgen, dass sich Menschen mit Gehhilfen gut bewegen können. Zudem gibt es Nahrungsmittel in Packungsgrößen für den Einzelhaushalt. Spezielle "Senioren-Supermärkte" wie in Österreich haben in Deutschland allerdings noch nicht geöffnet. Dort hat die Kette Adeg mehrere Filialen alten-gerecht umgebaut (u. a. rutschfester Boden, Blutdruckmessgeräte) und den Umsatz so um 20 Prozent gesteigert.<BR><BR>Das Geschäft mit den Alten ist allerdings nicht immer lukrativ. Besonders wichtig ist es, die Produkte richtig zu benennen. Nach Meinung von Andreas Reidl sollte das Wort "Senior" nicht in der Produktbezeichnung vorkommen. "Das ist negativ besetzt", sagt der Marketing-Experte. So musste etwa der Leipziger PC-Hersteller Lintec vor zwei Jahren die Produktion seines nutzerfreundlichen "Senioren-Computers" trotz großen Medienechos wieder einstellen. Lintec-Finanz-Vorstand Falk Sand: "Der Name war dafür wohl mitentscheidend."</P>

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