Industrie weiter auf dem Rückzug

- München - Deutschland befinde sich in einem Prozess schleichender Deindustrialisierung, warnt Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu: "Ich predige immer, dass wir produzierende Arbeitsplätze nicht verlieren dürfen." Durch den Verlust von Industrieunternehmen drohe eine Abnahme der inländischen Forschung und Entwicklung und damit der Innovationsfähigkeit.

<P>In den letzten 10 Jahren ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Industriearbeitsplätze in Deutschland von 10 auf 6,9 Millionen geschrumpft. Dieser Verlust habe durch die 1,5 Millionen neuen Stellen im Dienstleistungssektor in den Jahren 1992 bis 2003 nicht einmal zur Hälfte ausgeglichen werden können. <BR><BR>In Bayern habe es gleichfalls einen Beschäftigungsabbau im verarbeitenden Gewerbe um 370 000 Stellen gegeben. Allerdings konnte dies durch den Aufbau von Dienstleistungsarbeitsplätzen kompensiert werden, steht im "Industriebericht Bayern 2004".<BR><BR>Bayern gehört mit 27,4 Prozent Industrie-Erwerbstätigen gleich nach Baden-Württemberg (32,1 %) und noch vor Nordrhein-Westfalen (24,2 %) zu den am stärksten durch das verarbeitende Gewerbe geprägten deutschen Ländern. Das waren 2003 immerhin 1,18 Millionen Menschen in 7934 bayerischen Betrieben. An Rhein und Ruhr arbeiteten bei einer um ein Drittel zahlreicheren Bevölkerung "nur noch" 1,35 Millionen Menschen in der Industrie - Zeichen der Deindustrialisierung des einst von Kohle und Stahl dominierten Reviers.<BR><BR>In Bayern sind die Industriegruppen breit gestreut, sowohl von den Branchen wie auch von der geographischen Verteilung her. Die drei größten Branchen sind Fahrzeugbau, Elektroindustrie und Maschinenbau. 95,1 Prozent der Betriebe beschäftigten weniger als 500 Menschen. Der Kraftfahrzeugbau konzentriert sich in Altbayern, während das Textilgewerbe schwerpunktmäßig in Oberfranken ansässig ist. <BR><BR>Ursachen, warum die Beschäftigung in der Industrie sinke, seien laut Wiesheu Kostenprobleme, bürokratische und regulatorische Hemmnisse und vor allem strukturelle Probleme in Deutschland. Der Bundesregierung warf er eine "Verhinderungspolitik" vor - von der Kernenergie über die Biotechnologie bis zum Transrapid. Dagegen forderte er eine offensive Industriepolitik und eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.<BR><BR>"Nur auf Rot-Grün zu schimpfen ist keine Handlungsperspektive", sagte Hildegard Kronawitter, wirtschaftspolitische Sprecherin der bayerischen SPD-Landtagsfraktion. Der Industriebericht belege den drastischen Strukturwandel in zahlreichen traditionellen gewerblichen Branchen mit 14,8 Prozent Arbeitsplatzabbau im Bekleidungsgewerbe, 14,7 Prozent bei Spielwaren und 11 Prozent bei Büromaschinen. <BR><BR>Kronawitter warf Wiesheu vor, eine Antwort schuldig zu bleiben, wie die Staatsregierung auf die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland reagiere.<BR><BR>Im Umgang mit den Mitarbeitern mahnte der Minister zur Zurückhaltung: "Mir persönlich geht die Drohung ,dann gehe ich halt ins Ausland' zu weit", sagte Wiesheu. Das Problem bleibe aber: "Wenn der Arbeitsmarkt so starr ist, wie er ist, sucht sich die Wirtschaft eine Lösung. Da kann man die schönsten Gesetze machen, die Wirklichkeit sieht dann anders aus."</P>

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