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Für Ihren im S-Dax notierten Konzern SKW Stahl-Metallurgie reist Ines Kolmsee (41) kreuz und quer durch die Welt. Doch die Wochenenden gehören fest ihrer Familie. Der Spezialchemie-Hersteller SKW macht 90 Prozent seines Umsatzes mit der Stahlbranche.

Ines Kolmsee: „Es gibt ein Wettrennen um die guten Frauen“

München - Ines Kolmsee gehört zu den wenigen Ausnahmen in Deutschlands Chefetagen. Die 41-Jährige ist die einzige Vorstandsvorsitzende in einem Dax-Segment und leitet seit rund sieben Jahren die Geschäfte des oberbayerischen Stahl-Veredlers SKW Metallurgie.

Wir sprachen mit der dreifachen Mutter über Sinn und Unsinn der Frauenquote, die Lage in der Stahlindustrie und warum sie niemals Lippenstift verkaufen könnte.

Frau Kolmsee, kürzlich haben die Dax-30-Konzerne ihre Vorstellungen zur Frauenförderung präsentiert. 35 Prozent der Führungskräfte sollen demnach bis 2020 weiblich sein. Machbar?

Das sollte für die Dax-30-Unternehmen in jedem Fall machbar sein, zumal der Begriff Führungskraft ja sehr weit gefasst ist.

Wie stehen Sie persönlich zu einer verbindlichen Frauenquote, wie sie durch die EU drohen könnte?

Dem stehe ich skeptisch gegenüber, weil es so pauschal wenig sinnvoll ist. Es gibt Unternehmen, die aufgrund ihrer Geschäftstätigkeit insgesamt mehr Frauen anziehen und das sollte auch die Führungsmannschaft reflektieren. Bei einem Unternehmen wie unserem aus der Stahlzulieferbranche ist es grundsätzlich schwerer, Frauen zu gewinnen. Zudem gibt es immer noch viel zu wenige Frauen, die sich für das Ingenieurs-Studium begeistern. Und die wenigen, die es gibt, sind stark nachgefragt, schließlich bereiten sich viele große Firmen bereits auf mögliche Quoten vor. Zwischen den Konzernen hat ein kleines Wettrennen um die guten, die hochqualifizierten Frauen begonnen.

Erfolgreichen Frauen mit Familie wird in Deutschland gerne vorgeworfen, dass sie ihre Rolle als Mutter vernachlässigen. Ist das ein typisch deutsches Problem?

Es ist definitiv ein Problem in Deutschland, wo sich doch noch traditionelle Vorstellungen halten. Ganz anders in Frankreich oder Skandinavien. Auch in den USA ist es selbstverständlich, dass Frauen trotz Familie arbeiten.

Die Männerriege im SKW-Vorstand ist seit Anfang Oktober geschrumpft, Ihr Finanzvorstand Gerhard Ertl nicht mehr Mitglied. Die knappe Pressemitteilung ohne Dankesworte für seine Arbeit spricht Bände. Können Sie das erklären?

Das ist ein laufendes Verfahren, welches ich nicht kommentieren kann.

Ist schon ein neuer Finanz-Chef in Sicht?

Die Suche läuft und in den kommenden zwei bis drei Monaten wird sicherlich ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin benannt sein.

Als Sie 2004 die Führung übernommen haben, war die Firma ein Sanierungsfall, jetzt steht SKW glänzend da, hat die Weltmarktspitze erklommen. Sind Sie stolz auf sich?

(lacht) Ja klar. Ich bin stolz auf mich und das Team. Wir sind Weltmarktführer in einer Nische, sozusagen „the biggest fish in a small pond“ (der größte Fisch in einem kleinen Teich, d. Red.).

Nach einem konjunkturellen Höhenflug sieht es nun wieder etwas düsterer aus. Wie schätzen Sie die Lage auf dem Stahlmarkt ein?

In Europa werden Kapazitäten rausgenommen, was aber an sich kein dramatisches Signal ist. Mit einigen dieser Reaktionen haben wir bereits gerechnet.

Also sehen wir eine Bereinigung in der Stahlbranche?

Es gibt in Europa eine gewisse strukturelle Überkapazität, die nun ausgeglichen wird. Das beunruhigt mich nicht. Auch, dass größere wettbewerbsfähige Stahlwerke ihre Produktion drosseln, ist ein normaler Zustand. Aber wir sehen auch eine Situation, die ich als Stau-Phänomen der Rezession beschreibe.

Wie darf man das verstehen?

Wenn man auf der Autobahn unterwegs ist und ein Fahrer bremst ohne Grund, dann bremsen die dahinter auch und irgendwann stehen alle. Es gibt einen Stau, ohne dass es einen wirklichen Anlass dafür gab. Ich fürchte, dass die Realwirtschaft in solch ein Szenario reinläuft. Ich denke aber auch, dass sich die angespannte Situation noch in Wohlgefallen auflösen kann.

Wenn was passiert?

Es muss wieder mehr Vertrauen und Ruhe in die Märkte kommen – vor allem durch eindeutige Signale aus der Politik. Dann würde sich der drohende Stau auflösen.

Können Sie Ihre Ziele für 2011 halten, also die über 380 Millionen Euro Umsatz aus 2010 deutlich übertreffen und 32 Millionen Euro operativen Gewinn erreichen?

An diesen Vorgaben halten wir fest.

Und Ihr positiver Ausblick auf 2012?

Ich sehe aktuell keinen Grund, auch an diesem grundsätzlich positiven Ausblick etwas zu ändern.

Wie besorgt sehen Sie die strategischen Änderungen beim Stahlriesen Thyssen-Krupp, der seine Stahl-Produktion spürbar verringern möchte? Der Konzern ist ja sicherlich ein wichtiger Kunde für SKW.

Ein Kunde allein ist für uns nicht ausschlaggebend, um Strategien grundlegend zu ändern. Auch ein solch großer Konzern wie Thyssen-Krupp ist nicht so wichtig für uns, wie häufig gedacht wird.

Wie viel macht denn der größte Kunde umsatzmäßig bei Ihnen aus?

Das größte Einzel-Stahlwerk macht höchstens rund drei Prozent aus. Das liegt aber auch daran, dass die Stahlbranche an sich recht kleinteilig ist, und wir sind eben sehr breit aufgestellt.

Wo gebaut wird, braucht man Stahl. Brasilien bereitet sich gerade auf die Olympischen Spiele 2016 und die Fußball-WM 2014 vor. Wie aktiv ist SKW dort?

Sehr. Die sportlichen Großveranstaltungen sind das eine. Aber auch das Thema Öl und Gas ist in Brasilien aktuell. Da gibt es viele Bohrungen vor der Küste, die teilweise staatlich gefördert werden und so der örtlichen Stahlindustrie Aufschwung geben. Solange die Stahlindustrie gut läuft, läuft es auch bei uns gut.

SKW hat Werke in elf Ländern und Sie legen viel Wert auf persönliche Treffen. Sie sitzen also mehr im Flieger als hier in München in Ihrem Büro.

Ja, auf jeden Fall. Im Monat fliege ich mindestens ein- bis zweimal nach Nordamerika, Brasilien oder Asien und dann kommt noch Europa hinzu.

Könnte man das nicht bequemer haben per Telefon oder Videokonferenz?

Das geht nicht immer und liegt an den unterschiedlichen Kulturen. Mit den US-Amerikanern kann man viel per Mail oder Telefon erledigen, was auch daran liegt, dass die Gesellschaften schon lange im Konzern sind. Aber mit Brasilianern oder Indern per Videokonferenz Geschäfte machen, das geht gar nicht. Da muss man persönlich vor Ort sein und so eine Vertrauensbasis schaffen.

Und es stimmt, dass Sie all Ihre Flüge nur mit Handgepäck bestreiten?

Ja, alles andere hält nur auf und ich bin kein Mensch, der gut warten kann.

Was muss dennoch immer mit dabei sein?

Turnschuhe, damit ich zum Sportmachen komme. Ich kann nicht stillsitzen. Das macht mich wahnsinnig (lacht).

Sie haben einmal gesagt, dass Lippenstift zu verkaufen nicht so sexy sei wie Fülldrähte. Was ist an diesen Drähten so reizvoll?

Das ist ja ein bisschen wie Alchemie. Man gibt etwas in den Stahl und damit verändert sich die Eigenschaft von einem Produkt. Bei uns gibt es kein Schema F – jede Mischung muss neu berechnet werden. Das Thema Lippenstift ist da ganz anders. Zudem geht es dabei auch darum, Emotionen zu verkaufen. Ich könnte das definitiv nicht. Überspitzt gesagt: Ich verkaufe lieber etwas an ein Stahlwerk als an eine gelangweilte Ehefrau.

Wie sehr nervt es Sie eigentlich, wenn Sie in Wirtschaftszeitschriften immer wieder etwas über Ihre langen Beine lesen?

(lacht) Das lese ich lieber als kurze Beine.

Aber die breiten Schultern von Telekom-Chef René Obermann werden dort nicht thematisiert.

Das würde ich so nicht sagen. Bei ihm kommt dann vielleicht eine Beschreibung wie jungenhaft. Ein bisschen geht es auch bei den Männern um Äußerlichkeiten. Wobei vielleicht viele einfach äußerlich zu unauffällig sind.

Das Interview führte: Stefanie Backs

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