Infineon: Entscheidung im Machtkampf

Am Donnerstag entscheidet sich der Machtkampf um die Besetzung des Aufsichtsrats bei Infineon. Auf der Hauptversammlung soll es zur Abstimmung zwischen zwei Kontrahenten um das Amt des Chefkontrolleurs kommen. Doch der Sieger hat eine weitere Hürde vor sich.

Bis zuletzt schenkten sich die Rivalen nichts. „Die Kandidatur wird aufrechterhalten“, hieß es gestern aus dem Umfeld von Willi Berchtold, dem Herausforderer. Der bisherige Finanzchef von ZF Friedrichshafen tritt für eine Gruppe unzufriedener Infineon-Investoren als Kandidat für den Aufsichtsratsvorsitz bei dem Chipkonzern an. Damit wurde er gegen Klaus Wucherer, den Wunschkandidaten des bisherigen Amtsinhabers, Max Dietrich Kley, in Stellung gebracht. Und auch von dessen Seite wurde gestern unmissverständlich angekündigt: „Herr Wucherer hält an der Kandidatur fest.“ Es lief also alles auf eine Kampfabstimmung in der heutigen Hauptversammlung heraus. So etwas hat es nie zuvor bei einem Konzern dieser Größenordnung gegeben.

Kley hatte sich persönlich in einem Brief an die Aktionäre für Wucherer eingesetzt. Dieser könne „mit vielen für Infineon wertvollen Erfahrungen aufwarten“, lobte er. Doch genau diese Erfahrungen sind es, die die oppositionellen Aktionäre Wucherer ankreiden. Denn dieser gehört dem Infineon-Aufsichtsrat seit zehn Jahren als einfaches Mitglied an. In dieser Zeit gab es vier Wechsel an der Konzernspitze, die Pleite der Tochter Qimonda und vor einem Jahr sogar die Gefahr eines Zusammenbruchs des gesamten Konzerns. Dass Wucherer auch mehrere Jahre Vorstand bei Siemens war, wo er in einem Vergleich wegen des dortigen Bestechungsskandals 500 000 Euro zahlte, werfen die Investoren ihm ausdrücklich nicht vor. Sie fordern aber einen „wirklichen Neuanfang bei Infineon“ – und zwar ohne Kley-Intimus Wucherer.

Wofür Berchtold steht, ist allerdings unklar. Er äußerte sich selbst lediglich in einem Interview – und das nicht gerade deutlich. Infineon solle „alle Energie auf die wirklich wichtigen Dinge“ richten. Dies seien „die Stärkung der Innovationskraft, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen und auch die Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit im Kapitalmarkt“. Seine Gegner streuten Gerüchte von Zerschlagungsplänen für den Konzern. Mancher Finanzanalyst hätte tatsächlich nichts dagegen, wenn Infineon zum Beispiel sein Geschäft mit Handy-Chips abspalten würde. Doch der Zerschlagungstheorie wurde aus Berchtolds Umfeld widersprochen. Im auch nicht feineren Stil unterstellte man Kley wiederum den Versuch, angebliche Verfehlungen durch einen ihm gewogenen Nachfolger vertuschen zu wollen.

Ob sich Bewahrer Wucherer oder Erneuerer Berchtold durchsetzt, war bis zuletzt nicht abzusehen. Infineon hat nur drei Aktionäre, die mehr als drei Prozent der Anteile besitzen. Dies sind Finanzinvestoren, die insgesamt rund 18 Prozent der Aktien halten, sich aber nicht zu ihrem Abstimmungsverhalten geäußert haben. Daneben gibt es viele Aktionäre mit Anteilen von etwa einem Prozent oder weniger.

Auf der Hauptversammlung hätte man wohl schon mit gut 25 Prozent der Anteile eine Mehrheit. Denn bei den Abstimmungen ist ausschließlich das auf der Hauptversammlung vertretene Kapital maßgeblich. Und das lag in den vergangenen Jahren nur bei rund 50 Prozent aller Aktien. Auch für heute rechnete Infineon mit keiner wesentlich höheren Beteiligung.

Einige Investoren – federführend der britische Pensionsfonds Hermes – stehen hinter Berchtold und wollen dessen Wahl mit Gegenanträgen auf die Tagesordnung bringen. Zunächst sollen die Aktionäre demnach darüber abstimmen, ob über die Wahl Berchtolds entschieden werden soll. Würden mehr als zehn Prozent des anwesenden Kapitals dafür stimmen, käme es zur Wahl. Stimmten dann mehr als 50 Prozent für Berchtold, wäre er für den Aufsichtsrat gesetzt. Danach blieben für noch fünf zu besetzende Plätze sechs Kandidaten, darunter Wucherer. Derjenige, der die wenigsten Stimmen erhält, würde dann nicht in das Gremium kommen. Wird zuvor Berchtold gewählt, dürfte das Wucherer treffen – außer einer der anderen Kandidaten verzichtet. Doch so einen Trick lehne Wucherer ab, heißt es. „Es wäre ein Weg am Aktionärsvotum vorbei.“

Allerdings ist ohnehin nicht sicher, dass die Wahl so abläuft. Berchtold-Befürworter schließen nicht aus, dass Kley als Versammlungsleiter Einfluss auf die Abfolge der Wahlgänge nimmt, um seinem Favoriten eine günstigere Ausgangsposition zu verschaffen.

Berchtold verkündete, er sei zuversichtlich, eine Mehrheit auf der Hauptversammlung zu erhalten. Doch Vorsitzender des Infineon-Aufsichtsrats wäre er damit noch nicht. Den Vorsitzenden bestimmt das Kontrollgremium nämlich selbst in einer konstituierenden Sitzung, die direkt im Anschluss an die Hauptversammlung geplant ist. Dem Gremium werden zwölf Mitglieder angehören – je zur Hälfte Vertreter der Anteilseigner und der Arbeitnehmer. Ob die fünf von Kley vorgeschlagenen Anteilseigner-Aufsichtsräte dann den Gegenkandidaten Berchtold zu ihrem Vorsitzenden machen würden, ist offen – ebenso wie das Abstimmungsverhalten der Arbeitnehmervertreter, denen eher eine Nähe zu Wucherer nachgesagt wird.

Berchtold kündigte an, notfalls auch als einfaches Mitglied im Aufsichtsrat zu arbeiten. Es wird spannend bleiben bei Infineon.

von Dominik Müller

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