Prof. Gabriel Felbermayr: Der Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft erwartet weiter steigende Preise in diesem Jahr.
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Prof. Gabriel Felbermayr: Der Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft erwartet weiter steigende Preise in diesem Jahr.

Interview

Wie gefährlich ist die steigende Inflation für die deutsche Wirtschaft, Herr Professor Felbermayr?

  • Thomas Schmidtutz
    vonThomas Schmidtutz
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Im Kampf gegen Lieferengpässe bei vielen Gütern hat der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Prof. Gabriel Felbermayr, vor Handelsbarrieren gewarnt. Dies sei „nicht hilfreich“, sagte er Merkur.de

München – In Deutschland ziehen die Preise auf breiter Front an. Im April lag die Inflationsrate bei 2,0 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit zwei Jahren. Seit dem Jahresende sind die Verbraucherpreise damit zum vierten Mal in Folge gestiegen.
 
Angesichts von Lieferengpässen und teils deutlich steigender Preise bei wichtigen Vorprodukten wie Öl, Halbleiter, Holz oder Stahl wächst die Nervosität in vielen Branchen. Welche Entwicklung der Chef des renommierten Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Prof. Gabriel Felbermayr, bei der Inflation im laufenden Jahr erwartet, wie gefährlich die Entwicklung für die deutsche Wirtschaft ist, erklärt er im Interview mit Merkur.de.

Herr Prof. Felbermayr, die Autobauer klagen über Engpässe bei Halbleitern, den Zimmerern geht das Holz aus, den Getränkeherstellern fehlen Aludosen. Dazu ziehen die Preise für Kaffee, Kunststoff, Pappe oder Kraftstoff teils deutlich an. Haben Sie einen solch breiten Preisanstieg schon mal erlebt?
Ich habe das aktiv noch nicht erlebt. Aber die Wirtschaftsgeschichte kennt solche Episoden natürlich. Wenn die Nachfrage wächst, es aber angebotsseitig Engpässe gibt, dann kommt es zu Knappheiten und die Preise steigen. Lange Jahre war das Nachfragewachstum in den Konsumländern des Westens eher bescheiden, aber der Output in den Produktionsländern Asiens wuchs rapide. Das Ergebnis war niedrige Inflation und eine Güterschwemme. Jetzt ist es mal anders, und die Überraschung ist groß.
Woran liegt das? 
Es liegt an vielen Dingen gleichzeitig. Die USA haben durch gewaltige Konjunkturprogramme einen gewaltigen Nachfragesog entwickelt, auf den die Produzenten weltweit nicht eingestellt waren. Wir haben am Institut für Weltwirtschaft einen V-förmigen Wachstumsverlauf prognostiziert, aber viele Praktiker haben mit einer längeren Krise gerechnet, wie nach der letzten großen Rezession. Darum hat man Kapazitäten stillgelegt, zum Beispiel in der Schifffahrt. Jetzt explodieren die Frachtraten. Außerdem erleben wir, auch wegen staatlicher Förderungen, gerade den Durchbruch der Elektromobilität; so schnell hatten das wohl viele Zulieferindustrien nicht auf dem Radar. Und dann gibt es bei vielen landwirtschaftlichen Produkten Engpässe wegen Missernten. Da kommt also einiges zusammen.
Wie gefährlich werden diese Engpässe für den Aufschwung in der EU und Deutschland?
Die Engpässe reduzieren natürlich die Wachstumsdynamik und sie treiben die Inflation nach oben. Aber man sollte nicht überdramatisieren. Wenn nun die Coronakrise abebbt, wird der Rest des Jahres 2021 wirtschaftlich gut verlaufen, und auch 2022 können wir insgesamt mit solidem Wachstum rechnen.
Welche Branchen leiden hierzulande besonders unter der Entwicklung? 
Die Baubranche hat schon eine lange recht starke Wachstumsphase hinter sich, dort steigen die Materialpreise schon länger. Dass nun auch Holz teurer wurde, obwohl gerade noch von einem Überschuss die Rede war, überrascht viele. Der plötzliche Boom in der Autoindustrie hat auch viele auf dem falschen Fuß erwischt, darum sind hier wichtige Vorprodukte knapp und teuer. Ähnlich sieht es in der Feinchemie aus, oder in manchen Teilen der Pharmaindustrie.
Sägewerk: Am Bau wird Holz knapp. In den vergangenen Monaten sind die Preise um bis zu 300 Prozent gestiegen. Für viele Unternehmen wird das inzwischen zum Problem.

Inflationssorgen: US-Notenbank könnte Zinswende einleiten

Ist das nur ein vorübergehendes Problem von wenigen Wochen oder muss sich die Wirtschaft auf längere Engpässe bei wichtigen Gütern einstellen?
Ich gehe davon aus, dass sich die Lage bei vielen Produkten schnell beruhigt. Wenn in einer Marktwirtschaft die Preise steigen, dann fahren die Unternehmen die Produktion hoch, das Angebot weitet sich aus und die Preise gehen wieder zurück. Wichtig ist hier, dass diese Produktionsausweitungen nicht politisch behindert werden. Auch Handelsbarrieren wären jetzt sicher nicht hilfreich. Bei manchen wichtigen Gütern bleibt es aber wohl noch länger eng. Für batterieelektrische Autos braucht es nun mal Chemikalien, die global sehr knapp sind.
Was bedeutet das für die Preise? Wo sehen Sie die Inflation in Deutschland im Jahresverlauf?
Wir müssen temporär mit Preissteigerungsraten rechnen, die an drei Prozent heranreichen könnten. Das ist im Vergleich zu den letzten zehn Jahren viel, aber im historischen Vergleich immer noch sehr moderat. Wenn der Corona-Schock und der Biden-Stimulus verdaut sind, dann werden die Preise wieder langsamer steigen.
Wie hoch ist das Risiko, dass die US-Notenbank und die EZB angesichts dieser Entwicklung die Zinsen im Jahresverlauf anheben?
Das Risiko ist vor allem in den USA durchaus gegeben. In der Eurozone ist die Gefahr geringer, weil keine großen Konjunkturpakete geplant sind.
Und dann wird es an den Börsen richtig turbulent?
Die Volatilität an den Börsen nimmt zu. Aber leicht steigende Zinsen sind schon eingepreist; das sieht man zum Beispiel an der Entwicklung der Umlaufrenditen von Staatsanleihen. Es gibt aber nach wie vor reichlich Liquidität, nicht nur wegen der Geldpolitik der Notenbanken, sondern auch, weil sehr viel private Ersparnis da ist. Daher müsste schon noch etwas Dramatischeres passieren, damit es an den Börsen zu starken Reaktionen kommt.

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