Inflation auf höchstem Stand seit `93

München - Das Leben in Deutschland wird immer teurer. Die explodierenden Energie- und Lebensmittelpreise haben die Inflation im Juni auf den höchsten Stand seit knapp 15 Jahren getrieben. Die Leidtragenden sind vor allem Familien und Rentner.

Die jährliche Teuerungsrate betrug 3,3 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit und bestätigte eine erste Schätzung. Damit stand bei der Inflationsrate in diesem Jahr schon zum dritten Mal nach März (3,1 Prozent) und Mai (3,0) eine Drei vor dem Komma. Von Mai auf Juni stiegen die Verbraucherpreise um 0,3 Prozent. Zuletzt hatte die Teuerung im Dezember 1993 mit 4,2 Prozent höher gelegen. Der Preisauftrieb bei Lebensmitteln und Energie ist nach Angaben des Bundesamts für weit mehr als die Hälfte der gesamten Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahr verantwortlich. Allein diese Bereiche machen rund 20 Prozent der Ausgaben privater Haushalte aus. Ohne Einrechnung der Preisentwicklung für Strom, Heizung und Sprit hätte die Teuerungsrate nur bei 1,9 Prozent gelegen.

Im Jahresvergleich kostete leichtes Heizöl 61,9 Prozent mehr. Autofahrer mussten für Kraftstoffe 15,0 Prozent mehr ausgeben, wobei Diesel um 30,0 Prozent und Super um 10,5 Prozent teurer war als im Juni 2007. Strom kostete 7,2 Prozent, Umlagen für Zentralheizung und Fernwärme 6,3 Prozent und Gas 5,3 Prozent mehr. Gesunken sind dagegen die Preise technischer Geräte wie Notebooks (-27,6 %), Handys (-16,2 %) oder Fernseher (-18,9 %).

Index nicht 1:1 übertragbar

Sogenannte Preiserheber stellen im Auftrag des Statistischen Bundesamts jeden Monat einen Warenkorb "mit gängigen Produkten" zusammen. Dessen Mischung spiegelt die Ausgabenverteilung privater Haushalte wider und bildet die Basis für den Verbraucherpreisindex (siehe Grafiken). Dessen Gewichtung, die Statistiker sprechen von "Wägungsschema", wird alle fünf Jahre dem aktuellen Stand angepasst. Das war zuletzt im Februar 2008 der Fall.

Großartige Verschiebungen gab es dabei allerdings nicht. So wirkten sich die 2007 in einigen Bundesländern eingeführten Studiengebühren zwar teils mit Steigerungen der privaten Ausgaben für Bildung um über 30 Prozent aus. Auf die Gewichtung im bundesweit geltenden Index der Statistiker hatten die Gebühren aber nur eine minimale Auswirkung: Die Kategorie Bildungswesen stieg von 0,6 auf 0,7 Prozent.

"Es gibt wohl keinen Haushalt in Deutschland, auf den der Verbraucherpreisindex zu hundert Prozent zutrifft", erklärt Timm Behrmann vom Statistischen Bundesamt. Der Index sei eine komplexe, vielschichtige Zahl, ein theoretisches Gebilde. Wer nur mit dem Fahrrad unterwegs sei, den treffe die Kraftstoff-Teuerung ebenso wenig wie der Preisanstieg im Nahverkehr - hier dürfte die persönliche Inflation demnach unter dem Mittelwert liegen. Eine vierköpfige Familie dagegen, deren Haushaltsgeld vor allem in der Supermarktkasse landet, könnte der Preisexplosion nicht entgehen und komme auf eine höhere Teuerungsrate.

Jeder Haushalt zahlt 650 Euro mehr

Seit Jahresanfang hat die Teuerungswelle bei Heizöl, Benzin und Strom einen Durchschnittshaushalt mit 650 Euro Zusatzkosten belastet, hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) berechnet. Familien mit Kindern schneiden schlecht ab, vor allem, wenn die Eltern wenig verdienen. Das Energiesparen funktioniere dort kaum: "Viele Eltern müssen ihre Kinder mit dem Auto zum Kindergarten oder zur Schule bringen. Häufig fehlt Familien und Geringverdienern auch schlicht das Geld, um Wohnungen zu dämmen, neue Heizungen einzubauen oder eine Solaranlage aufs Dach zu bauen", sagt Rainer Kambeck vom RWI.

Stark betroffen von den Preiserhöhungen beim täglichen Einkauf sind Rentner und Hartz-IV-Empfänger. Die Renten haben wegen vieler Nullrunden in den vergangenen Jahren weitgehend stagniert. Bei beiden Gruppen machen Lebensmittel und Energie einen überdurchschnittlich hohen Anteil am Budget aus, und ihre Bezüge werden langsamer als die Einkommen der Erwerbstätigen angehoben. "Diese Inflation spaltet die Gesellschaft", schreibt der Schweizer Ökonom Hans Wolfgang Brachinger. "Das Geld der Ärmeren verschwindet schneller als das Geld der Wohlhabenden."

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