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Dr. Maximilian Pluta von der Anwaltskanzlei Pluta, die zur Spitzengruppe der Insolvenzverwalter- und Sanierungskanzleien in Deutschland gehört.

Versteckter Sanierungsbedarf

Klippen unter der Oberfläche

Viele Unternehmen, die eigentlich Sanierungsfälle wären, leben derzeit ganz gut, weil es immer jemanden gibt, der Geld nachschießt. Eine langfristige Strategie sieht anders aus.

Seit einigen Jahren überschwemmt eine riesige Geldflut die Wirtschaft. Immobilienpreise steigen, die Zinsen fallen ins Bodenlose. Investoren suchen schier verzweifelt nach lukrativen Anlagemöglichkeiten. Dies wirkt sich sogar auf das Feld der Unternehmenssanierungen aus. Wie das?

Wenn Dr. Maximilian Pluta und Stephan Ammann aus ihrem Arbeitsalltag erzählen, werden die Zusammenhänge deutlich. Die beiden Geschäftsführer der Pluta Rechtsanwalts GmbH in München stellen derzeit – wie viele aus der Branche – rückläufige Insolvenzzahlen und eine eher verhaltene Beratungsnachfrage fest.

Als Ursache dafür wird gerne auf die gute Wirtschaftslage in Deutschland und die niedrigen Zinsen verwiesen. Doch unter der Oberfläche lassen sich auch andere Phänomene erkennen. Die beiden Juristen beobachten, dass sie in Insolvenzfällen und Sanierungsberatungen mit immer mehr Parteien auf der Finanzierungsseite zu tun haben.

„Es gibt sehr viele, die Geld anlegen wollen“

„Früher saßen hauptsächlich Banken am Tisch“, erinnert sich Pluta. Heute kommen Anleihegläubiger, Private Equity-Investoren und weitere Geldgeber dazu. „Es gibt einfach sehr viele Investoren, die Geld anlegen wollen“, konstatiert der Sanierungsexperte. Problem: Die Finanzierer schießen Geld in Unternehmen, bei denen ohne solche Mittel Strukturprobleme sichtbar würden. „Die Probleme werden mit dem Geld einfach zugedeckt.“

Oft besteht gar kein Interesse daran, strukturelle, vielleicht zunächst schmerzhafte Veränderungen vorzunehmen. Zum Beispiel Banken: „In der Praxis stellen wir immer wieder fest, dass einige Banken zu spät reagieren in der Hoffnung, den ausgereichten Kredit zurückzuerhalten. Aber ein Weiter so macht die Situation oft nur schlimmer“, erklärt Ammann. Die Banken lassen indes den Kredit einfach weiterlaufen. Außerdem bekommen sie Zinsen, die vielleicht über dem Niveau liegen, das sie beim aktuellen Neugeschäft erzielen könnten. Und wenn dann doch mal eine Schieflage auftritt, kommt schon ein anderer Geldgeber auf der Suche nach einer lukrativen Anlage vorbei.

Strukturschwächen in einigen Branchen

Etwas anders verhält es sich mit Anleihegläubigern. Vor wenigen Jahren gab es einen Boom bei Mittelstandsanleihen. Einige Unternehmen leiden allerdings unter Finanzschwäche – deswegen haben sie ja Anleihen begeben. Günstigere Kredite haben Banken verwehrt. „Das Problem wird massiv sichtbar, wenn die Anleihen fällig werden und große Summen zurückgezahlt werden müssen“, sagt Ammann. „Wer gibt dann das Geld?“ In solchen Fällen folgt oft der Zusammenbruch, weiß der Insolvenzspezialist.

Besser für das Unternehmen und die Mitarbeiter wäre eine gründliche Sanierung, die wieder zu einer strategischen Stabilität verhilft. In einer Krise kommen die Manager auch zu den Sanierungsberatern. „Doch wenn neue Gelder fließen, versäumen es viele Unternehmen, den begonnenen Sanierungsprozess fortzusetzen“, bedauert Pluta. „Wenn Investoren einem klammen Unternehmen Geld geben, hat der Geschäftsführer keine Verpflichtung mehr, einen Antrag auf Insolvenz zu stellen, was er ohne die Mittel tun müsste“, ergänzt Ammann.

Die Sanierungsspezialisten stellen häufig fest, dass es auch für die Investoren besser wäre, das Unternehmen erst wieder flott zu machen, indem sie vielleicht aus einer Insolvenz das restrukturierte Unternehmen zurück kaufen. „Doch die Gesellschafter scheuen oft das Risiko des Kontrollverlustes, das die Insolvenz mit sich bringt“, sagt Ammann. Zudem sei in Deutschland das Wort Insolvenz immer noch sehr negativ besetzt und einem persönlichen Scheitern gleichgesetzt. Ganze Branchen seien von strukturellen Schwächen durchzogen, die zunächst durch stillhaltende Finanzierer verdeckt werden, beobachten Pluta und Ammann. Oft sind es branchenspezifische Probleme, die schließlich doch zu Marktbereinigungen wie etwa im Handel führen. Viele Unternehmen müssen sich anpassen, da sich die Märkte schneller denn je ändern. Allein durch die Digitalisierung sind einige Branchen von erheblichen Umbrüchen betroffen. Und die Firmen, die zu spät reagieren, werden zum Sanierungsfall. Woran erkennt man sie? Die Experten verweisen auf die Zahlen, die alles verraten: Eigenkapital, Rendite, Cashflow, Kapitaldienst. Würden auch die Geschäftsführer, Gesellschafter und Geldgeber genauer hinschauen, könnte vielleicht manch ein Unternehmen langfristig gesichert werden – auch für Zeiten, in denen die Geldflut einmal verebben wird.

Jürgen Grosch

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