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Intel plant Mega-Fabrik: Oberbayerische Gemeinde zittert - „Größe nicht zu stemmen“

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Von: Alexandra Pöhler

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Penzing aus der Luft, darüber der Fliegerhorst mit seiner Start- und Landebahn.
Penzing aus der Luft, darüber der Fliegerhorst mit seiner Start- und Landebahn. Das Areal wäre aber womöglich zu klein für die Intel-Fabrik, umliegende Felder müssten dann auch bebaut werden. © Förg

Der US-Konzern Intel will in Europa ein gewaltiges Chipwerk bauen – und hat ein Auge auf den alten Fliegerhorst Penzing geworfen. In der Gemeinde ist man nervös.

Penzing - Dieter Förg steht am Ortsrand und blickt nach Westen. Dort, nur durch eine Straße von der 3800-Seelen-Gemeinde Penzing getrennt, liegt der alte Fliegerhorst. Fast ein ganzes Jahrhundert hat er den Ort begleitet. Förg ist in Penzing aufgewachsen. „Früher bin ich auf dem Gelände Fahrrad gefahren“, erzählt der 52-Jährige, der für die „Dorfgemeinschaft Penzing“ im Gemeinderat sitzt. Er kennt hier jeden Stein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA besetzt, fiel der Horst Ende der 50er-Jahre wieder an die deutschen Luftwaffe zurück. Ende 2018 zog die Bundeswehr ab. Zurück blieb die Frage: Was wird aus dem gewaltigen Areal? Aktuell steht dort ein Corona-Impfzentrum, Teile der Anlage werden vom ADAC mit einem Mobilitäts-Testzentrum sowie von der Film- und Fernsehproduktion „Penzing Studios“ genutzt. Kleinkram im Vergleich zu dem, was kommen könnte.

Intel will Mega-Fabrik in Deutschland bauen – diese Standorte hat der Konzern im Visier

Im August 2021 bewarb sich der US-Konzern Intel beim Bundeswirtschaftsministerium um einen Standort in Deutschland. Der Chiphersteller will in Europa ein großes Werk bauen, wohl auch, weil man auf Subventionen hofft. Die EU will die Chip-Produktion bis 2030 verdoppeln, um unabhängiger von Lieferketten zu werden. 43 Milliarden Euro öffentliche und private Investitionen will die EU mobiliseren. Neben Penzing hat Intel noch Dresden als Standort im Visier.

Gemeinderat Dieter Förg befürchtet, dass das Mega-Werk Penzing überfordern würde.
Gemeinderat Dieter Förg befürchtet, dass das Mega-Werk Penzing überfordern würde. © Pöhler

In der offiziellen Bewerbung ist laut Förg von 400 Hektar und 3500 Mitarbeitern die Rede. „Amerikanische Bauweise, also Flachbau“, sagt Förg. Im Gemeinderat wurde hitzig diskutiert, denn 400 Hektar wären auf dem nur 275 Hektar großen Fliegerhorst gar nicht möglich, ohne umliegende Wiesen und Felder zu bebauen. Am Ende einigte sich der Gemeinderat, nicht kategorisch Nein zu Intel zu sagen. Denkbar sei eine 130-Hektar-Variante mit mehreren Stockwerken. Also höher und dafür schmaler.

Intel hat große Pläne in Deutschland: Konzern-Chef spricht von 12.000 Mitarbeitern

Intel-Chef Pat Gelsinger denkt aber offenbar noch größer. In einem FAZ-Interview sprach er von 500 Hektar und 12.000 Mitarbeitern. Das sind Zahlen, die Gemeinderat Dieter Förg nervös machen. Er faltet Drohnenaufnahmen vom Fliegerhorst auf, die er mitgebracht hat. Schon dieses Areal ist fast zweieinhalb Mal so groß wie Penzing, würde Gelsingers 500-Hektar-Traum wahr, wäre die Chipfabrik also an die fünfmal größer als der Ort. „Diese Größe ist für uns nicht stemmbar. Straßen, Wohnraum, Schulen – allein die Energieversorgung können wir nicht leisten“, sagt Förg. Die Arbeitsplätze könnten nicht durch Arbeitskräfte aus der Region besetzt werden. Im Landkreis herrscht bei einer Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent nahezu Vollbeschäftigung. In Penzing befürchtet man als Folge massiven Zuzug durch auswärtige Fachkräfte.

Intel: Kommt die Riesen-Fabrik in Penzing? Bund Naturschutz ist alarmiert

Auch der Bund Naturschutz ist alarmiert. „Uns liegen Zahlen vor, dass Intel bis zu 30 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr benötigt – als Kühlwasser und gereinigtes Wasser zur Halbleiter-Herstellung“, sagt Peter Satzger, Chef der Landesgruppe Landsberg. 80 Milliarden Euro will Intel laut Gelsinger investieren, 20 bis 30 Prozent sollen vom Staat subventioniert werden. „Wenn Subventionen fließen, dann muss der Standort energiepolitischen und umweltfreundlichen Kriterien entsprechen“, sagt Satzger.

Bürgermeister Peter Hammer (CSU) ist der ehemalige Kasernenkommandant des Fliegerhorsts, aber auf Anfrage will er zu Intel nichts sagen. Er gehe davon aus, dass das Projekt nicht komme, heißt es nur. Im Gemeindeblatt hatte Hammer erklärt, dass die Entscheidungshoheit bei der Kommune liege. Das betont auch Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen im Landtag (siehe Interview). Förg ist misstrauisch. Auf der Flurkarte gehöre der Fliegerhorst zwar zu 90 Prozent zu Penzing und zu 10 Prozent zu Landsberg. „Aber wenn der politische Wille auf Bundesebene da ist, dass Intel nach Bayern kommen soll, dann hat unsere Gemeinde gar nichts mehr zu husten“, befürchtet er. Am Ende handle es sich um eine militärische Einrichtung des Bundes.

Intel will riesige Chip-Fabrik in Penzing bauen - hält sich mit Infos aber zurück

Weder von Intel noch vom Bund fließen aktuell Informationen nach Penzing. Ob die ganze Aufregung umsonst ist? Niemand weiß es. Eigentlich sollte die Standort-Entscheidung bis Ende Januar gefallen sein. Auf Nachfrage unserer Zeitung teilte Intel nur mit, die Gespräche seien noch nicht abgeschlossen.

Gigantisch: Der Bund Naturschutz stellt die Ausmaße einer 500-Hektar-Fabrik in dieser Karte dar.
Gigantisch: Der Bund Naturschutz stellt die Ausmaße einer 500-Hektar-Fabrik in dieser Karte dar. © openStreetmap/BN

Matthias Spitzer, 58, bekommt als Vorstand des FC Penzing die Stimmungslage im Ort gut mit. Die Haltung der Penzinger sei nicht klar auszumachen, sagt er. Er beschreibt bei einem Spaziergang durch den Ort sein Penzing. Man kennt sich hier, ursprünglich gab es viele landwirtschaftliche Betriebe. Nach dem Krieg und dem Zuzug der Bundeswehr habe sich der Ort strukturell verändert, sagt Spitzer. Er selbst sieht die Sache gelassener als andere: „Die Menschen sollten Veränderungen, wie sie auch damals kamen, als Chance sehen, besonders für jüngere Generationen.“

Geplante Intel-Fabrik spaltet Penzing - „mit dem nötigen Augenmaß entscheiden“

Es sei nicht zielführend, größere Projekte ohne Kenntnis aller Fakten von vorneherein abzulehnen, sagt er. Andere Orte wie Denklingen mit der Firma Hirschvogel oder Kaufering mit dem Werkzeughersteller Hilti seien auch nicht unglücklich über die Gewerbesteuereinnahmen. Außerdem: „Gemeinderat und Bürgermeister werden sicherlich mit Sachverstand und dem nötigen Augenmaß entscheiden.“

Auch Förg ist nicht grundsätzlich gegen Intel. „Tendenziell sind die Gegner in der Mehrheit. Aber sicherlich wären die Arbeitsplätze eine super Chance für Penzing“, sagt er. „Aber für eine klare Meinung und Entscheidung fehlen einfach Informationen.“ Dass der Fliegerhorst genutzt werden soll, darüber sind sich alle einig. Unabhängig von der Diskussion um Intel hält die Gemeinde deshalb am Plan fest, einen Innovationscampus anzusiedeln. Mit ADAC und Penzing-Studios.

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