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Drei Stockwerke über bestehenden Fernbahngleisen – so könnte der Stadt-Flughafen der Zukunft aussehen. Möglich würde das erst durch Fortschritte bei der Lärmvermeidung und dem Ausstoß von Schadstoffen.

Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung

Die Flughäfen der Zukunft – mitten in der Stadt

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Berlin - Wandern Flughäfen von der Grünen Wiese zurück in die Städte? Forschungen des Bauhauses Luftfahrt legen das nahe. So ließen sich Reise- und vor allem Wartezeiten dramatisch verkürzen.

Ein Flug von Stadt zu Stadt innerhalb Europas ist eine Frage von wenigen Stunden. Da scheint es kaum utopisch, dass nach Plänen der EU-Kommission 90 Prozent aller Flugreisen im Jahr 2050 und später nicht länger als vier Stunden dauern sollen. Ehrgeizig ist es aber doch: Die vier Stunden sollen die gesamte Reise von Haustür zu Haustür umfassen.

Bei den meisten Flugreisen ist heute ein Großteil dieser vier Stunden schon abgelaufen, bevor das Flugzeug abhebt. Anreise zum Flughafen: ein bis zwei Stunden. Gepäckabfertigung, Sicherheitskontrollen, Weg zum Gate, Boarding: mindestens eine Stunde. Startvorbereitungen, Warten auf den Slot, Rollen zum Abflugpunkt, Startfreigabe: locker eine halbe Stunde. Viel bleibt da nicht übrig, bis die vier Stunden um sind.

Erreichbar wird das Ziel nach Auffassung von Mirko Hornung, Vorstand des Bauhauses Luftfahrt, nur, wenn man Flughäfen nicht mehr auf der grünen Wiese, abseits von großen Städten baut. Das bedeutet: radikal umdenken. 25 Wissenschaftler der Münchner Flugtechnik-Ideenschmiede und zwölf Studenten der Glasgow School of Art haben das getan und einen Flughafen konzipiert, bei dem ein Flugzeug abhebt, dessen Passagiere den Flughafen 15 Minuten vorher betreten haben. Die zeitraubenden Abfertigungs- und Sicherheits-Prozesse sollen besser abgestimmt werden und die Wege radikal verkürzt. Und schneller hinkommen soll der Passagier auch noch. Den dieser neue Typ von Flughafen soll direkt über Schnellbahngleisen entstehen und vor allen mitten in Städten. Anders sei das vier Stunden Ziel kaum zu erreichen, sagt Hornung.

Vorgestellt wird das ganze seit gestern auf der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Berlin. Ausgerechnet in einer Stadt, die ihren letzten Innenstadtflughafen schon längst dichtgemacht hätte, wenn der neue auf der grünen Wiese endlich einmal fertig werden würde, wird der Stadtflughafen der Zukunft erneut auf den Weg gebracht.

Untersucht wurden für das Projekt Städte in Europa, Amerika und Asien, die alle die Voraussetzungen für eine oder sogar mehrere „CentAirStations“ – so nennt das Bauhaus Luftfahrt die Stadtflughäfen – hätten. Auch München gehörte dazu. In den untersuchten europäischen Städten könnte durch das Konzept die bestehenden Kapazitäten fast verfünffacht werden, heißt es beim Bauhaus Luftfahrt. Dabei besteht der gesamte Flughafen aus einem Gebäude, das 640 Meter lang und 90 Meter breit sein soll. Auf dem obersten Stock: die Start- und Landebahn mit zwei Katapulten zur Startunterstützung an jedem Ende. Ein Stockwerk tiefer liegen die Gates und die Rollwege. Die Flugzeuge werden von dort aus mit rollenden Robotern und riesigen Aufzügen zu den Abflugpunkten gebracht. Noch ein Stockwerk tiefer findet sich die Abfertigungshalle – und ganz unten der Bahnhof für die Zubringer.

Allerdings gibt es Gründe, warum bisher immer mehr Flughäfen aus den Städten auf die Grüne Wiese verlagert wurden: Lärm und Abgase sollten den Stadtbewohnern nicht länger zugemutet werden. Doch in dieser Frage ist Hornung optimistisch, wie er gegenüber unserer Zeitung beteuert. Schon in der Vergangenheit ließ sich der Fluglärm erheblich reduzieren. Und die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft. Er glaubt, dass die Lärmbelastung soweit reduziert werden kann, dass sie im Geräuschpegel der Großstadt kaum mehr auffallen würde.

Dazu braucht man neue, kleinere Flugzeuge mit bis zu 60 Sitzen, die auf die neuen Flughäfen passen wie ein Maßanzug. Vom Fahrwerk bis zum Triebwerk müssten sie so konstruiert werden, dass möglichst wenig Lärm entsteht und ein Großteil des Rests von der Umgebung ferngehalten wird. Flugzeuge sollen entlang der städtischen Verkehrswege bei geringen Geschwindigkeiten stark steigen können, um die Lärmbelastung weiter zu verringern. Schallschutzwände an den Seiten und den Enden der Runways sollen zusätzlich für Abschirmung sorgen.

Schwieriger wird es mit den Abgasen. Denn bei Stickoxiden, die derzeit in den Abgas-Diskussionen die entscheidende Rolle spielen, ist der Luftverkehr kein Musterknabe. Da müssen erhebliche Verbesserungen erreicht werden, um einen Flughafen stadttauglich zu machen.

Das alles ist natürlich Zukunftsmusik. Doch 2040, so die Wissenschaftler, könnte das Konzept „einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Herausforderungen des Luftverkehrs“ leisten, wie das Bauhaus Luftfahrt erklärt.

Freunde könnte das Konzept des Stadtflughafens auch bei vielen Nachbarn des heutigen Münchner Flughafens finden. Viele davon könnten sich mit einer dritten Start- und Landebahn leichter abfinden, wenn sie mitten in München liegen würde. 10,5 Millionen Passagiere könnte ein Stadtflughafen bewältigen. Und mit 30 Flugbewegungen exakt die Zahl an Starts und Landungen erreichen, die auch eine dritte Bahn am Flughafen zusätzlich bringen würde.

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