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Gerade zur Ferienzeit versuchen Gauner, Kinder und Jugendliche per Mausklick zum Abschluss teurer Verträge zu bringen. Eltern brauchen in aller Regel nicht zu bezahlen – und sollten sich von Drohungen nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Internet: Abofallen haben Hochkonjunktur

München - Gerade in der Ferienzeit landen Zehntausende Teenager in versteckten Kostenfallen – entweder beim Surfen am Computer oder mit einem simplen Klick auf ein Werbebanner im Smartphone. Was Eltern tun können:

Die 14-Jährige aus München wollte unbedingt wissen, wo ihre beste Freundin gerade steckt. Nach der Online-Anmeldung bei einem Ortungsprogramm für Handys war sie schlauer – hatte aber plötzlich ein Abo für 4,99 Euro am Hals. Pro Woche. Wie die Schülerin landen gerade in der Ferienzeit Zehntausende Teenager in versteckten Kostenfallen – entweder beim Surfen am Computer oder mit einem simplen Klick auf ein Werbebanner im Smartphone. Die „Massenplage“ habe Hochkonjunktur, warnt Eckhard Benner, Sprecher der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Gauner versuchten, gezielt Minderjährige mit attraktiven Angeboten zu ködern, ihnen dann verschleiert teure Abonnement-Verträge anzudrehen.

In der schulfreien Zeit, wenn die Freunde im Urlaub sind und die Langeweile drückt, tappten in der Regel besonders viele Jugendliche in die Falle, sagt auch Kathrin Köster, Expertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Eltern sollten auf der Hut sein und in den nächsten Wochen verstärkt die Handyrechnungen überprüfen.

Bei den Jüngeren ab zwölf Jahren sind vor allem kostenfreie Liedtexte, Software, Musikbörsen, Spiele, Frei-SMS, Ortungsprogramme, Intelligenztests oder Klingeltöne heiß begehrt, „Auch wenn die Schüler schon gut mit dem Internet umgehen können, sind sie oft noch unbedarft und wissen nicht, dass sie sich nirgends registrieren dürfen“, erläutert Köster. Werden persönliche Daten zur Anmeldung für ein vermeintliche Gratisleistung abgefragt, handelt es sich so gut wie immer um eine Kostenfalle. Postwendend kommen dann Rechnungen über 96, manchmal auch mit über 160 Euro ins Haus.

Die Älteren ab circa 16 Jahren werden neuerdings in Scharen über den Tisch gezogen, weil sie nur auf ein Seitenbanner ihres Smartphones geklickt haben – und schon wird die Identifikationsnummer ihres Handys registriert. Was folgt, sind kleine, rätselhafte Posten auf der Handyrechnung über 2,99, 3,99 oder 4,99 Euro. Nicht pro Monat, sondern alle drei, fünf oder sieben Tage. Die Jugendlichen können sich gar nicht erinnern, ein so teures Abo über Spiele oder Bildchen fürs Handy abgeschlossen zu haben. Und die Summe ganz schnell ins Geld geht.

Was tun? Eltern sollten erst einmal die Ruhe bewahren – und keinesfalls zahlen. Im Fall der dreist untergeschobenen Smartphone-Abos sei „niemals ein gültiger Vertrag zustande gekommen“, sagt Jutta Gurkmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Trotzdem müssen sich die Eltern die Mühe machen, sich schriftlich zu wehren und den Vertragsabschluss in einem Brief an den Telefon–anbieter zu bestreiten.

Bereits abgebuchtes Geld sollte zurückverlangt werden. Ein zweiter Brief muss außerdem direkt an die Firma geschickt werden, die das Werbebanner geschaltet und das Geld letztlich verlangt hat. Der behauptete Abo-Vertrag muss darin zuerst bestritten und dann vorsorglich gekündigt werden. Die Verbraucherzentralen helfen mit Musterschreiben weiter.

Und auch für alle anderen rätselhaften Abo-Verträge gilt: Wer nichts bestellt hat, muss auch nicht zahlen – zumal Minderjährige Abonnements ohne Zustimmung der Eltern sowieso nicht abschließen dürfen. Die angeblichen Verträge sind also doppelt unwirksam.

Eltern sollten auch keine Angst haben, dass sie für ihren Nachwuchs haften müssen, sagt Benner. Sie brauchten sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, wenn schlimmstenfalls mit Strafanzeige wegen Betrugs gedroht wird, weil die Kinder vielleicht beim Alter geschummelt haben. Das ist nicht verboten. Das Risiko falscher Angaben trägt der Anbieter. Oft ist eine korrekte Altersangabe auf deren Seiten technisch von vornherein gar nicht möglich. Auch Drohungen von Rechtsanwälten oder Inkassobüros mit einem Eintrag in das Erziehungsregister sollten getrost ignoriert werden.

Verträge mit Minderjährigen

Kinder, die das 7. Lebensjahr nicht vollendet haben, sind geschäftsunfähig. Ein Vertragsschluss mit ihnen ist immer unwirksam. Vom 7. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sind Heranwachsende beschränkt geschäftsfähig. Das heißt: Die meisten Rechtsgeschäfte, die sie schließen, sind ebenfalls unwirksam, wenn sie nicht mit Einwilligung der Eltern geschlossen werden. Mutter und Vater können einem Vertragsabschluss aber auch nachträglich noch zustimmen oder ihn im Nachhinein noch ablehnen.

Kinder und das Internet: Ein kleiner Ratgeber

Immer häufiger werden neue Medien von Kindern genutzt. Wie aus der Kids Verbraucher Analyse 2011 des Egmont Ehapa Verlags hervorgeht, haben vier von fünf Kindern im Alter zwischen sechs und 13 Jahren Erfahrung mit dem Computer, zwei Drittel waren bereits online. Schon jeder vierte Vorschüler darf zu Hause gelegentlich am Rechner sitzen, fast jedes fünfte Kind in der Altersgruppe von 4 und 5 Jahren ist bereits im Netz. Unter den 6- bis 13-Jährigen haben fast fünf Millionen (81 Prozent) Computer-Erfahrung, 4,5 Millionen (74 Prozent) sind online gewesen, ein Drittel davon sogar täglich.

Für die Studie hat der Verlag 2122 Kinder und jeweils einen Elternteil aus allen Einkommens- und Bildungsschichten befragt. Im Folgenden Fragen und Antworten zum Thema Kinder und Internet:

Ab welchem Alter dürfen Kinder das Internet nutzen?

Kinder sollten in der Regel lesen können, wenn sie das Internet nutzen – also etwa neun bis zehn Jahre alt sein, wie Ulrike Karg, Mitarbeiterin des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (MPFS) empfiehlt. Allerdings gebe es ebenfalls Seiten, bei denen man nicht lesen müsse und die auch für jüngere Kinder geeignet seien, zum Beispiel Seiten von TV-Sendern, auf denen Kindersendungen abgerufen werden könnten.

Wie viel Freiheit sollte man Kindern lassen?

Vor allem kleinere Kinder sollten das Internet nur zusammen mit den Eltern nutzen dürfen. „Man sollte das Kind langsam an das Internet heranführen“, rät Karg. Eine bestimmte Fernsehsendung könne man das Kind auch schon einmal alleine schauen lassen, am Computer sollten die Eltern anfangs danebensitzen.

Mit etwas älteren Kindern solle man möglichst offen über Gefahren und Risiken im Internet sprechen, vereinbaren, dass nur bestimmte Seiten genutzt, dass Regeln eingehalten würden. Wollten die Kinder Mitglied einer Community, zum Beispiel eines sozialen Netzwerks werden, sollten sich die Eltern möglichst gut informieren, zum Beispiel darüber, welche persönlichen Einstellungen gewählt werden sollten, und mit den Kindern darüber reden.

Wie lange dürfen Kinder ins Netz?

Mit den Kindern sollten klare Zeitvorgaben vereinbart werden. Bei Vorschulkindern empfiehlt der Medienpädagoge Stefan Aufenanger einen Internetbesuch zwischen einer viertel und einer halben Stunde, bei Kindern im Grundschulalter bei bis zu einer Stunde. Denn, so erklärt Karg, das Internet zu nutzen sei deutlich anstrengender als fernzusehen – Eltern sollten aufpassen, dass die Kinder nicht überfordert würden. Werden die Kinder älter, können die Regeln gelockert bzw. geändert werden.

Ab wann sollte ein Kind einen eigenen Computer benutzen?

Die Initiative „Schau hin!“ empfiehlt einen eigenen Rechner für Kinder frühestens ab zwölf Jahren. Bis dahin sollten Kinder und Eltern einen PC gemeinsam nutzen. „Schau hin!“ rät weiterhin, dass nur die Eltern Administratorrechte haben sollten: In diesem Fall kann das Kind beispielsweise keine Software installieren, keine Passwörter ändern und nur von den Eltern vorher festgelegte Webseiten besuchen. Der Familien-PC sollte an einem Ort stehen, an dem die Eltern ihre Kinder im Auge haben können.

Von Berrit Gräber

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