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Arbeiten für Auftraggeber auf der ganzen Welt: Auf Internet-Plattformen lagern Mittelständler und Konzerne ihre Dienstleistungen aus. Noch sind es vor allem IT-Aufträge – das ändert sich aber immer mehr.

Jobmarkt

Wie das Internet die Arbeitswelt verändert

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München - Still und heimlich hat das Internet einen neuen Arbeitsmarkt geschaffen: Über Online-Plattformen haben Arbeitgeber Zugriff auf ein Heer von Computer-Arbeitern. Das Potenzial ist erheblich – die Gefahren aber auch.

Vor zwei Jahren verblüffte der Energiekonzern EnBW mit einer unkonventionellen Maßnahme: Beim baden-württembergischen Energieriesen hatten sich stapelweise Postkarten mit Zählerständen von Stromkunden angehäuft. Das Unternehmen hatte den Kunden Kärtchen geschickt, mit der Bitte, im vorgesehenen Feld den Stand des Stromzählers im Hausflur zu notieren. Die Kunden zückten Kugelschreiber oder Bleistift und notierten brav die Ziffern in die freien Felder – nur waren die Krakelschriften der EnBW-Kunden teilweise derart abenteuerlich, dass man Computern die digitale Erfassung nicht anvertrauen konnte. Und eine ganze Abteilung der Stammbelegschaft wollte der Konzern aus Karlsruhe auch nicht damit beschäftigen. Die Lösung: Amazons Arbeiter-Plattform „Mechanical Turk“. Dort kann jeder, der einen Computer und einen Internetanschluss besitzt, Aufträge annehmen und für anonyme Firmen arbeiten. Auf der ganzen Welt konnten Internet-Arbeiter für die EnBW für ein paar Cent pro Ziffer die Handschrift der schwäbischen und badischen Stromkunden entziffern.

Amazons Mechanical Turk (wörtliche Übersetzung: „mechanischer Türke“) ist eine Anspielung auf einen Automaten, der im 18. Jahrhunderts unter dem Namen „Schachtürke“ für großes Aufsehen sorgte. Damals hatte ein Beamter aus Österreich-Ungarn die Idee, die Weltöffentlichkeit mit einem vermeintlichen Schachcomputer zu täuschen. Vor einem Schachbrett saß eine in türkischer Tracht gekleidete mechanische Figur und schlug die besten Schachspieler. Eine komplexe Rechenmaschine im 18. Jahrhundert? Was die Zuschauer nicht ahnten: Im Kasten unter dem Schachbrett ratterte keine ausgeklügelte Mechanik. Ein echter Mensch hielt die Gegner in Schach, indem er den Roboter präzise steuerte. Der Mensch übernahm eine Arbeit, zu der Maschinen nicht in der Lage waren.

Nichts anderes passiert heute. Nur sind die Kopfarbeiter vor den Bildschirmen nicht in einem Holzkasten eingesperrt, sie sitzen zuhause am Rechner oder arbeiten am Laptop im Café. Inzwischen gibt es dutzende Internet-Plattformen, die das anonyme Arbeiterheer an Mittelständler und Konzerne vermitteln. Sie heißen Clickworker, Microworkers, manche Seiten richten sich ausschließlich an IT-Spezialisten oder Designer. Noch.

„Die derzeitige Entwicklung hat eine weitaus größere Bedeutung als die Verlagerung von Produktionsarbeitsplätzen nach Osteuropa oder China“, befürchtet der Arbeitsrechtler Wolfgang Däubler. „Crowdworking“ nennen Experten wie er die neue Auslagerung von Arbeit (work) an eine anonyme Menschenmenge (crowd). Nimmt die neue Form des Arbeitens weiter zu, wäre das für die Rentenkassen ein Problem. Denn Selbstständige sind von Zahlungen an die gesetzliche Rentenversicherung befreit. Die Zunahme von Solo-Selbstständigen werde mehr Altersarmut zur Folge haben, befürchtet Däubler.

Noch ist das Crowdworking ein Nischenphänomen – das Potenzial ist aber riesig. „Es gibt Schätzungen, wonach 50 Prozent aller Tätigkeiten eines Tages in die Crowd ausgelagert werden könnten“, sagt Däubler. Stundenlöhne von zwei bis drei Dollar seien schon jetzt keine Seltenheit. „Selbstständige darf man nicht zu einem lächerlichen Preis bezahlen“, sagt Däubler.

Erste Untersuchungen zeigen aber, dass nicht nur die Firmen durch Produktivitätsgewinne von dem System profitieren. Einer der wenigen Forscher, die das Phänomen wissenschaftlich untersuchen, ist Jan Marco Leimeister von den Universitäten Kassel und St. Gallen. Seine Befragung unter 500 Crowdworkern zeigt: Es sind nicht nur Billiglöhner, die sich im Netz tummeln. Im Mittel liege der Stundenlohn der deutschen Crowdworker bei 25 Euro, sagt Leimeister. Je nach Job seien sogar Jahreseinkünfte von bis zu 300 000 Euro möglich. „Ein Unterschreiten des Mindestlohns von 8,50 Euro beobachten wir nicht“, sagt der Forscher, räumt aber ein: Die Lohnspanne reiche von zehn Euro bis hundert Euro die Stunde.

„Inzwischen gibt es kaum einen Konzern mehr, der kein Crowdworking betreibt“, sagt Leimeister. BMW, Siemens, Daimler – alle großen Firmen experimentierten inzwischen mit der neuen Form der Auslagerung. „Nur nennen sie es nicht Crowdworking, weil der Begriff negativ besetzt ist.“ Er schätzt aber, dass in Deutschland im Jahr zwischenzeitlich 100 Millionen Euro mit Crowdworking umgesetzt werden.

Und noch etwas hat Leimeister in einer Befragung herausgefunden: In Branchen, die ohnehin in einer digitalen Welt zuhause sind, ist das Crowdworking besonders attraktiv. Leimeister spricht von „Hyperspezialisierung“. Zwar lasse sich das Phänomen der Arbeitsteilung seit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert beobachten – aber jetzt werden die Arbeitsprozesse noch kleinteiliger. „Bestimmte Prozesse und Strukturen werden standardisiert und in kleine Teile zerlegt.“ Neben den IT-Dienstleistungen sind das vor allem Aufträge für Designer und Mediengestalter.

Wegen der Sorge um faire Entlohnung sind die Gewerkschaften alarmiert. Sie befürchten eine schleichende Ausbeutung der Crowdworker. Ausgerechnet die IG Metall, eigentlich Vertretung der Beschäftigten der Elektro- und Stahlindustrie, versucht, den Arbeitskampf ins Internet zu verlagern. Die Gewerkschaft will das Internet nutzen und den Druck auf die Online-Arbeitgeber erhöhen. Auf der Seite Faircrowdwork.org können Freiberufler Plattformen wie Amazons Mechanical Turk bewerten. Bislang hält sich die Resonanz aber in Grenzen: Mechanical Turk wird zwar nur mit einem von fünf möglichen Fairnesspunkten bewertet – allerdings haben auch nur zwei Personen eine Bewertung abgegeben.

Die IG Metall stellt sich dennoch auf rauere Zeiten ein. Die Gefahr lauert nicht nur im Internet. Taxi-Dienstleister wie Uber oder Putzdienstleister wie Helpling sorgen für eine weitere Zunahme der Solo-Selbstständigen. Wie ernst es der Gewerkschaft ist, zeigte vergangenes Jahr der Gewerkschaftstag in Frankfurt. Die Delegierten beschlossen nicht nur, dass Solo-Selbstständige und Freiberufler künftig der Gewerkschaft beitreten dürfen. Auch personell wurden die Weichen neu gestellt: Mit Christiane Benner übernahm eine Soziologin eine Spitzenfunktion in der Gewerkschaft. Für die IG Metall untypisch: Bislang waren die Funktionäre meist Werkzeugmacher mit klassischer Industrie-Karriere, immer waren es Männer.

Auch die Bundesregierung reagiert: Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will das Arbeitsrecht anpassen. Wie genau, steht aber noch nicht fest. Diskutiert wird ein berufsständisches Versorgungs-Werk für Crowdworker oder die Öffnung der Rentenversicherung für Solo-Selbständige. Ob eines Tages tatsächlich die Hälfte der Beschäftigten als Crowdworker arbeiten, lässt sich momentan nicht seriös vorhersagen. „Mit der wachsenden Bedeutung von Plattformen wie Uber oder Helpling scheint auch ein weiterer Anstieg der Solo-Selbständigkeit einherzugehen“, sagt ein Ministeriumssprecher. Noch sei eine Verlagerung von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung hin zu Solo-Selbständigkeit aber nicht zu beobachten.

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