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Interview: "Alle Rentner werden die Krise spüren"

Mannheim - Experten der Universität Mannheim schlagen Alarm: Die Wirtschaftskrise lässt die Renten künftiger Ruheständler um bis zu acht Prozent schrumpfen, so der Befund.

Die Deutsche Rentenversicherung und die Bundesregierung weisen die Berechnungen zurück und sprechen von „extrem pessimistischen Annahmen“. Volkswirt Martin Gasche (38), Renten-Experte am Mannheimer MEA-Institut für Demografie, verteidigt die Untersuchung und warnt vor Milliardenlasten für die Sozialkassen.

-Die Wirtschaftskrise hat bereits für einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Staatsverschuldung gesorgt. Wie wird sich die Krise auf die Renten auswirken?

Die Renten werden geringer steigen als vor der Krise erwartet. Das deutsche Rentensystem ist an die Entwicklung der Löhne gekoppelt. Da die Arbeitslöhne wegen der Wirtschaftskrise vorübergehend nicht mehr so stark wachsen werden wie zuvor, werden auch die Altersbezüge vorübergehend nicht so stark steigen und deshalb insgesamt niedriger ausfallen als vor der Krise angenommen.

-Was führt Sie zu der Annahme, dass die Löhne in Deutschland dauerhaft im Keller bleiben?

Sie werden nicht im Keller bleiben. Wegen der Krise werden die Löhne aber über einen gewissen Zeitraum weniger wachsen als bisher erwartet. Selbst wenn es in Zukunft wieder höhere Wachstumsraten gibt, bauen diese auf einem niedrigeren Niveau auf, so dass das Lohnniveau niedriger liegt als ohne Krise.

Die Jahrgänge, die ab 2020 in den Ruhestand gehen, werden die Krise besonders zu spüren bekommen. Wir haben errechnet, dass ein Durchschnittsverdiener, der 2020 erstmals Rente erhält, eine bis zu acht Prozent oder 110 Euro geringere Rente hat, als er noch vor der Krise erwarten konnte. Die Rentenbeträge der Rentnergeneration 2040 sind ebenfalls um acht Prozent geringer, doch nominal fällt der Verlust mit 194 Euro noch höher aus. Auch die derzeitigen Rentner werden von der Krise getroffen, weil ihre Bezüge weniger stark steigen. Vermieden werden könnte das nur durch überproportionale Lohnsteigerungen von 4 bis 5 Prozent über mehrere Jahre. Das halte ich aber aus heutiger Sicht für unrealistisch.

-Minusrunden soll es nicht geben. Jedenfalls hat die Bundesregierung mit einer „Rentengarantie“ klargestellt, dass Ruheständler auch bei sinkenden Löhnen keine Kürzung ihrer Bezüge befürchten müssen. Ist diese Garantie wertlos?

Die Garantie ist nicht wertlos. Aber sie ist sehr teuer für die Beitragszahler. Wenn die Bundesregierung auch künftig Minusrunden vermeiden und trotz niedrigerer Löhne die Renten stabil halten will, muss zusätzliches Geld von den Bürgern aufgebracht werden – in der Regel durch höhere Beitragssätze. Die staatliche „Rentengarantie“ verhindert die Kürzung der Bezüge, doch diese Nullrunden haben ihren Preis: Jeder Prozentpunkt Rentenkürzung, der durch die Rentengarantie verhindert wird, kostet die Beitragszahler über mehrere Jahre gesehen rund 15 bis 20 Milliarden Euro.

-Rechnen Sie damit, dass die neue Regierung den Beitragssatz für die gesetzliche Rentenversicherung erhöht?

Das hängt vom Wirtschaftswachstum ab. Aber fest steht: Wenn die Rentengarantie tatsächlich zum Tragen kommt, wenn die Löhne also 2009 sinken, kann dies den Beitragssatz schon bald nach oben treiben – mit allen negativen Folgen für die Wirtschaft. Höhere Beitragssätze bedeuten höhere Lohnnebenkosten für die Unternehmen und bremsen die Beschäftigung.

-Kritiker werfen Ihrem Institut vor, es würde zum Großteil von der Versicherungswirtschaft finanziert. Verbreiten Sie Horrorszenarien, um die Bürger zum Abschluss privater Vorsorge-Versicherungen zu bewegen?

Ich kann diesen Vorwurf nicht verstehen. Unser Institut wird zu über 80 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert. Warum sollten wir da für eine bestimmte Gruppe Lobbyarbeit machen? Es liegt uns völlig fern, die Rentenversicherung zu diskreditieren oder Lobbyarbeit für Versicherungsunternehmen zu betreiben. Bei der Studie war es unser Anliegen, die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise zu untersuchen – generell von Konjunkturkrisen – auf die gesetzliche Rentenversicherung zu untersuchen. Das hat vorher so noch niemand gemacht.

-Das deutsche Rentensystem gilt im internationalen Vergleich als besonders wetterfest, weil der Großteil der Einlagen nicht in krisenanfälligen Kapitalanlagen geparkt ist – zu Recht?

Deutschland ist bisher gut gefahren mit dem Mischsystem aus einer breiten Umlage-Finanzierung einerseits und der zusätzlichen Kapitaldeckung auf der anderen Seite. Dadurch werden die Risiken generell begrenzt. Von der aktuellen Krise sind jedoch alle Bereiche der Altersvorsorge betroffen. Zwar kommt die gesetzliche Versicherung besser davon als einige private Kapitalanlagen, doch unsere Untersuchung hat gezeigt, dass viele Rentner die Lohneinbußen der Beitragszahler in den kommenden Jahren auch deutlich spüren werden.

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