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Manager an der Maschine: Andrea Illy ist seit 1994 Chef des Triester Espressoproduzenten illycaffè.

Interview mit Andrea Illy

„Espresso ist Luxus für die Krise“

München - Bei einer Tasse Espresso unterhielten wir uns mit Andrea Illy, Chef von illycaffè, über Genuss in Zeiten der Krise und die italienischen Seiten Münchens.

Maßanzug, Manschettenknöpfe und ein Lächeln wie von Michelangelo in Marmor gemeißelt. Andrea Illy, Chef von illycaffè, verströmte durch und durch italienische Eleganz, als er in der Münchner Deutschland-Zentrale des weltweit agierenden Familienunternehmens zum Gespräch bat.

Herr Illy, die italienische Lebensart ist für viele Menschen verbunden mit Genuss und Stil. Haben solche Dinge in der Krise noch Platz?

Ja, und Espresso ist das beste Beispiel dafür. Er ist der günstigste Luxus, den man bekommen kann und hilft einem also auch in einer wirtschaftlich schlechten Situation, gut zu leben.

München wird gern als nördlichste Stadt Italiens bezeichnet. Mit Recht?

Ich sage meinen Münchner Mitarbeitern oft, dass ich mir gut vorstellen könnte, hier zu leben. Es ist fast besser als in Italien, weil es das Beste von Deutschland – wie gute Organisation, Sauberkeit und schöne historische Gebäude – mit italienischem Lebensstil verbindet.

Die Art, wie die Menschen hier ihr Sozialleben pflegen, ist sehr italienisch, ob das nun das Ausgehen, das Essen und Trinken oder die Herzlichkeit betrifft, mit der die Münchner einander begegnen. Und ganz nebenbei ist es die Gegend in Deutschland, in der am meisten Espresso getrunken wird.

Sie haben in München eine „Università del Caffè“ gegründet. Muss man „studieren“, um einen Espresso kochen zu können?

Über Espresso und Kaffee gibt es viel mehr zu lernen als über Wein. Bei Wein bekommt man ein fertiges Produkt geliefert, Espresso und Kaffee muss man selbst zubereiten. Wir wollen den Menschen die Fähigkeit vermitteln, dies perfekt zu tun. Außerdem können sie bei uns lernen, verschiedene Arten und Qualitätsstufen zu unterscheiden. Und sie erfahren etwas über Geschichte und Kultur des Espressos.

Sie arbeiten an einem neuen Nachhaltigkeits-Zertifikat für Kaffee mit. Was soll es von bereits bekannten „Fair gehandelt“-Siegeln unterscheiden?

Die bisher verbreiteten Strategien zielen allein auf Solidarität ab. Die Kunden zahlen mehr, um die Lebensbedingungen der Kaffeebauern zu verbessern. Aber der Wert des Produkts erhöht sich dadurch nicht. Das gibt den Kunden ein gutes Gefühl und ist unter sozialen Gesichtspunkten lobenswert, aber es ist nicht nachhaltig.

Wir haben eine ganz andere Idee. Wir vermitteln den Kaffeebauern das Wissen, das wir in Bezug auf die Auswahl des Saatguts und der Anbauflächen sowie die landwirtschaftliche Praxis und die Erntetechnik haben. So versetzen wir sie in die Lage, qualitativ besonders hochwertigen Kaffee zu erzeugen.

Dafür zahlen wir ihnen Preise, die so weit über den marktüblichen Preisen liegen, dass die Bauern nicht nur die Zusatzkosten reinholen, sondern auch ihre Lebensbedingungen verbessern und Investitionen tätigen können. Wir können dies tun, ohne unseren Gewinn zu schmälern, weil die Kunden bereit sind, für diesen hochwertigen Kaffee auch einen höheren Preis zu zahlen.

Dieses Nachhaltigkeitssiegel soll eventuell auch bei anderen Produkten zum Einsatz kommen. Welche könnten das sein?

Wenn die Standards erst einmal festgelegt sind, kann man das Siegel für alle Produkte vergeben, die sie erfüllen und eine ähnliche Lieferkette haben wie Kaffee. Das könnten zum Beispiel Bananen sein, Tee, Kakao oder Gewürze.

Das Gespräch führte Andreas Zimniok.

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