Prof. Norbert Walter war bis Ende 2009 Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Interview: „Das starke Wachstum in Deutschland ist vorbei“

München - Ökonom Prof. Norbert Walter spricht im Merkur-Interview über den Schuldendeal der USA, was das für Deutschland bedeutet und warum die Ratingagenturen Recht haben.

Herr Prof. Walter, was halten Sie von dem US-Schuldendeal?

Ich habe fest damit gerechnet, dass es einen Deal geben wird und die Akteure dabei beschädigt werden. Die jetzt eingetretene Beschädigung von Obama ist mit Sicherheit die schmerzlichste.

Was sind die Folgen?

Das bedeutet, dass wir ab jetzt eineinhalb Jahre mit einem Wahlkampf in den USA leben müssen, der scharf und aggressiv sein wird. Das wird eine Nation, die ohnehin schon gespalten war, weiter gegeneinander aufbringen.

Sind die Republikaner die Gewinner?

Das glaube ich nicht. Aber die Tea Party hat gezeigt, dass sie Einfluss hat. Und dafür gibt es auch gute Gründe. Es gibt eine Reihe von Fehlern, die traditionelle Republikaner und traditionelle Demokraten gemacht haben. Die Amerikaner haben einfach über ihre Verhältnisse gelebt und tun so, als ob sie das als einzige Nation der Welt ungestraft tun könnten. Das können sie natürlich nicht. Insofern ist die Grundposition der Tea Party sachgerecht. Wie die das dann angehen und welche anderen Implikationen der Einfluss dieser eher national orientierten, unkooperativen Gruppierung noch hat, ist eine andere Frage und etwas, das die Welt sicherlich besorgt zur Kenntnis nehmen sollte.

Reicht der Schuldendeal aus, um die Märkte zu beruhigen?

Ja, das wird in Bezug auf die Zahlungsfähigkeit der USA die Märkte beruhigen.

Aber die erste Reaktion der Börse war negativ.

Ja, aber das haben andere wichtige Informationen verursacht, die durch die Folgen des Schuldendeals noch an Gewicht gewinnen.

Welche Folgen sind das?

Die Sparmaßnahmen werden eine in den letzten Wochen sichtbar schwächer werdende US-Wirtschaft weiter dämpfen. Die Konjunktur wird sich weltweit weiter abschwächen.

Wie stark wird die Konjunkturabschwächung ausfallen?

Für die Konjunkturentwicklung 2011 gilt: Anfang hui, Ende pfui. Für mich ist schon seit einigen Monaten klar, dass sich die stimulierenden Effekte von staatlichen Konjunkturprogrammen, extrem niedrigen Zinsen und hoher Liquidität nicht ewig erwarten lassen. Die Frage war: Wann wird das korrigiert und wie rabiat? Das tritt jetzt ein.

Wie rabiat wird die Korrektur ausfallen? Kommt eine weitere Rezession?

Wir haben die Abschwächung der Konjunktur in den USA eigentlich schon hinter uns. Wir hatten im Grunde im ersten Halbjahr Stagnation. Ich sehe im zweiten Halbjahr keine noch stärkere Abschwächung. Aber auch eine Fortsetzung der Stagnation ist für die USA enttäuschend. Ich rechne mit minimalem Wachstum, nicht mit einer Rezession. Meine Prognose ist: Statt dem gewohnten Wachstum von drei bis vier Prozent werden die USA für einige Jahre nur mit knapp zwei Prozent wachsen.

Was bedeutet das für Deutschland und Europa?

Das bedeutet für Deutschland natürlich eine Dämpfung. Hinzu kommt, dass wir in Europa eigene Probleme haben. Einige Peripherieländer haben es wie die USA beim Konsum übertrieben. Das betrifft nicht nur Euro-Länder, sondern auch Staaten wie England oder Ungarn. Die setzten nun schon seit einem Jahr restriktive Politik um, womit die USA gerade beginnen. Europäer und Deutsche haben daher nicht nur eine schwache Entwicklung wegen der finanzpolitischen Entscheidung in den USA, sondern auch wegen der Restriktionspolitik in Europa. Wir werden daher eine erhebliche Dämpfung der Wachstumsraten in Deutschland sehen. Das starke Wachstum von vier Prozent im vergangenen Jahr ist vorbei.

Ist die Schuldenkrise in Europa nach dem letzten Gipfel zumindest kurzfristig gelöst?

Die Märkte sind nicht beruhigt und die Debatte um die politische Stabilität in Italien und Spanien wird die Unsicherheit weiterhin latent aufrechterhalten. Es gibt leider keinen Grund zur Entwarnung.

Die Ratingagenturen haben angekündigt, dass sie trotz der Einigung die Bonität der USA herabstufen könnten. Warum?

Anlass für die Überlegung, die AAA-Bewertung zu entziehen, ist ja die Frage, ob die Verschuldung exzessiv ist. Was jetzt beschlossen wurde, heißt ja erst einmal, dass die exzessive Verschuldung erhöht werden kann. Dass die Zahlungsunfähigkeit vermieden wurde, bedeutet nicht, dass das Grundproblem gelöst wäre. Die durch die Republikaner dem Präsidenten aufgenötigten Haushaltskürzungen sind mittelfristig, wenn das vernünftig umgesetzt wird, durchaus geeignet, den Anstieg der Verschuldung zu begrenzen. Das könnte dann ein Anlass sein, für die Ratingagenturen noch einmal über ihre Entscheidung nachzudenken.

Aber im Augenblick ist das Urteil richtig?

Ja. Ich habe bei den Ratingagenturen oftmals kein Problem damit, was sie heute über die Kreditwürdigkeit von Ländern sagen. Was ich nicht verstehe ist, dass sie so lange gebraucht haben, bis sie die Verschuldung als überhöht erkannt haben.

Interview: Philipp Vetter

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