Interview zur Erbschaftssteuer: "Viele bereuen frühe Schenkung bitter"

München - Nach der Sommerpause werden die Diskussionen um die Erbschaftssteuerreform in die entscheidende Runde gehen. Um viele Einzelheiten wird heftig gestritten. Wegen der zu erwartenden Steueränderungen könnte im Einzelfall eine vorzeitige Vermögensübertragung sinnvoll sein.

Dennoch warnt Klaus Michael Groll, Fachanwalt für Erbrecht in München und Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht, vor einem solchen Schritt, wenn es allein um die Steueraspekte geht.

- Herr Prof. Groll, was sagen Sie zur andauernden Diskussion über die Erbschaftssteuerreform?

Die Diskussionen über die Erbschaftssteuerreform sind ein Politikum: Erbschaftssteuer ist in hohem Maß Ideologie. Da geht es um Leistungsgerechtigkeit, Neid und Umverteilung. Das ist der falsche Denkansatz. Wer es so sieht, betrachtet eine Familie atomistisch. Doch man sollte sie über Generationen betrachten.

- Warum?

Es ist weitaus motivierender, eine Immobilie zu errichten oder ein Geschäft zu führen, wenn man dieses Eigentum für die Familie erhalten kann. Ich habe ein generationenübergreifendes Bild von der Familie. Wenn man aber weiß, dass das Vermögen hoch besteuert wird und dass man mit einem Verkauf rechnen muss, dann sagen viele, sie fahren lieber dreimal mit der MS Europa um die Welt. Das konservative Bild der Familie muss bewahrt werden, sonst ist die Gemeinschaft gefährdet.

- Und wo bleibt der Staat?

Ihm tut es auch gut, wenn die Familien Vermögen schaffen können. Tendenziell muss die Erbschaftsteuer runter, denn eigentlich geht es den Staat nichts an, wenn jemand Vermögen auf seine Frau oder seine Kinder überträgt.

- Dagegen wird argumentiert, viele Erben kämen "leistungslos" ans Vermögen.

Das ist falsch. In vielen Familien arbeiten die Kinder engagiert mit und tragen damit zum Erwerb des Vermögens bei, ganz zu schweigen vom Verzicht, den viele Eltern üben. Und das Vermögen ist über die Jahre ohnehin bereits vielfach besteuert worden. Die Unternehmen sind die Basis des Staates. Betriebe sollten deshalb steuerfrei übergeben werden können.

- Vorstandsmitglied Claus Matecki vom Deutschen Gewerkschafts-Bund hält dagegen, Betriebsschließungen wegen der Erbschaftssteuer seien nicht zu belegen. Er sieht keinen Anlass für einen kompletten Steuererlass für die Nachfolger.

Das ist zu kurz gedacht. Viele Unternehmer werden vielmehr zu der Auffassung gelangen, dass sich die Führung ihrer Firmen auf Dauer nicht mehr lohnt, und ihre Betriebe aufgeben. Dieses Risiko wird in den Diskussionen völlig unterschlagen.

- Sie sehen also Gefahren durch die Erbschaftssteuerreform?

Es droht Ungemach. Wie immer die aktuellen Verhandlungen über die Reform ausgehen: Es droht die Gefahr, dass es teurer wird, zu verschenken und zu vererben.

- Obwohl jetzt höhere Freibeträge vorgesehen zu sein scheinen?

Die neuen Werte für die Freibeträge klaffen noch weit auseinander. Für Kinder werden sie häufig nicht ausreichen, um die höhere Bemessungsgrundlage für die Steuern zu kompensieren, besonders in teuren Wohngegenden.

- Sollte deshalb schnell gehandelt werden?

Aus steuerlicher Sicht ist eine schnelle Vermögensübertragung empfehlenswert. Wer die derzeitige Rechtssituation noch nutzen will, sollte jetzt an die Übertragung seines Vermögens gehen. Denn es steht fest, dass die wackelige alte Rechtslage noch so lange gelten wird, bis das neue Recht in Kraft tritt. Wer das alte Recht noch nutzen will, kann also noch handeln. Aber man sollte auf keinen Fall allein die Steuerersparnis zum Entscheidungskriterium machen. Viele tun dies nach meiner Erfahrung - eine falsche, sehr einseitige Vorgehensweise.

- Was sollte beim Vererben denn sonst noch beachtet werden?

Vor allem die eigenen Anforderungen der vererbenden Personen. Sie werden dabei völlig außer Acht gelassen. Viele vermuten, dass sie in zehn, 15 oder 20 Jahren weniger brauchen werden als heute. Aber das Gegenteil ist oft der Fall. Man denke nur an teure Operationen, Pflege, Seniorenresidenzen und vieles andere. Oft bereuen es die Eltern bitter, sich zu früh von ihrem Vermögen getrennt zu haben.

- Gibt es weitere bedenkenswerte Aspekte?

Mit der Vermögensübertragung wird häufig regelrecht eine Lawine losgetreten. Nicht selten tritt Unzufriedenheit zwischen Geschwistern zutage. Vermeintliche Benachteiligungen verursachen andauernde Auseinandersetzungen: Der Streit beginnt dann oft schon zu Lebzeiten der Eltern. Aber auch eine Demotivierung der Kinder kann durch eine vorzeitige Vermögensübertragung hervorgerufen werden.

- Inwiefern?

Manch einer, der auf diese Weise früh zu Wohlstand kommt, verändert sich im Wesen. Da gibt es Leute, die aus solchen Gründen schon das Studium geschmissen haben. Der gravierendste Punkt von allen aber ist ein psychisches Problem.

Viele übertragen die Immobilie, in der sie selbst noch wohnen, bedenken aber nicht, wie sie sich dabei dann später fühlen werden. Was werden sie empfinden, wenn ihnen das Haus nicht mehr gehört, der Garten, der Apfelbaum? Darüber wird am wenigsten nachgedacht.

Immerhin ist so ein Haus mit allem Drum und Dran meist Ausdruck einer hart erarbeiteten Lebensleistung. Identifiziert sich derjenige, der früh übertragen hat, dann überhaupt noch mit dem Eigentum? Muss er da plötzlich jedes Mal, wenn irgendetwas verändert werden soll, Sohn oder Tochter fragen?

- Also lieber nicht vorzeitig übertragen?

Aus den genannten Gründen kann ich zu einer frühzeitigen Vermögensübertragung allein aus Steuergründen nur einen Rat geben: Hände weg. Eher sollte man den Kindern eine höhere Steuerbelastung aufbürden, als sich selbst Probleme einzuhandeln.

Das Gespräch führte Lorenz Goslich.

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