Interview mit Harald Strötgen: "Das wirft uns nicht um"

München - Zusammen mit dem Freistaat besitzen Bayerns Sparkassen die Bayerische Landesbank und sollen nun für deren Milliardenrisiken bürgen. Die größte Last hätte im Ernstfall die Stadtsparkasse München zu tragen. Deren Vorstandschef Harald Strötgen spricht im Interview über mögliche Folgen für das Institut und die Pläne für die Landesbank.

Der Vorstandschef der Stadtsparkasse München über die Last der Finanzkrise und Lösungen für die Landesbank

Herr Strötgen, der Sachverständigenrat empfiehlt den Sparkassen, sich über ein Stiftungsmodell für private Anteilseigner zu öffnen, wie es beispielsweise in Italien der Fall ist. Was halten Sie davon?

Nichts. Der Sachverständigenrat geht wohl davon aus, dass die Sparkassen Eigenkapital benötigen. Aber das ist nicht der Fall. Allein die Stadtsparkasse München hat einen Kreditspielraum von vier Milliarden Euro, den wir jedes Jahr durch die Zuführung von Eigenkapital vergrößern. Außerdem lässt sich in München beobachten, welche Folgen ein Sparkassen-Stiftungsmodell haben kann.

Sie spielen auf die Unicredit-Gruppe an, die derzeit für ihre Jobabbaupläne bei ihrer Tochter HypoVereinsbank in der Kritik steht?

Die Unicredit ist aus einigen Sparkassen hervorgegangen, später kamen private Investoren dazu. Das mag anfangs gut gewesen sein, aber heute versucht man, mit den Großen der Branche mitzuhalten. Und das kostet, wie man nun sehen kann, bei der HVB Arbeitsplätze. Dies festigt meine Meinung, dass der öffentlich-rechtliche, gemeinwohlorientierte Charakter im Sparkassensektor erhalten bleiben sollte.

Klopfen schon HVB-Mitarbeiter ­ und womöglich auch empörte Kunden ­ bei Ihnen an?

Beides. Kunden suchen, initiiert durch Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Anwälte, den Weg zu anderen Kreditinstituten ­ auch zu uns. Und wir erhalten regelmäßig Post von Mitarbeitern, die zur Sparkasse wechseln wollen.

Beim Verbandstag in Garmisch vor einigen Tagen haben sich die bayerischen Sparkassen als Hort der Stabilität präsentiert, denen die Finanzkrise nichts anhaben konnte. Über die 50-Prozent-Beteiligung an der Landesbank sind Sie aber doch massiv von den Turbulenzen betroffen . . .

Ja, wir sind tangiert. Angenommen, die Landesbank würde die von den Sparkassen und dem Freistaat zugesagte Ausfallgarantie in Höhe von 2,4 Milliarden Euro komplett abrufen. Dann müsste die Stadtsparkasse München als größte Sparkasse im Freistaat einen Betrag von 208 Millionen Euro abfangen, was dem doppelten Jahresergebnis 2007 entspricht. Hinzu kommt noch, dass wegen der Landesbankenprobleme unser Ruf leidet, weil sich Kunden um ihre Einlagen sorgen.

Wenn Sie wirklich die 208 Millionen Euro verdauen müssten: Haut das die Stadtsparkasse um?

Wir verfügen über stille Reserven, die diesen Betrag um ein Mehrfaches übersteigen. Käme es zu einer Inanspruchnahme der Garantie, dann würden die Reserven um diesen Betrag abschmelzen. Das wirft uns nicht annähernd um. Aber es wäre ausgesprochen ärgerlich, weil wir uns dieses Polster über viele Jahre hart erarbeitet haben.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, dem Risikoschirm zuzustimmen?

Sehr schwer. Wenn man ständig den Mitarbeitern mehr abfordert, um wettbewerbsfähig zu sein, fällt es nicht leicht, der Landesbank das doppelte Ergebnis zuzuschieben. Allerdings darf man nicht verschweigen, dass unsere Beteiligung an der BayernLB über Jahre hinweg rentierlich gewesen ist. Und man muss sehen, ob und in welcher Form die EU-Kommission den Risikoschirm in den kommenden Wochen genehmigt.

Die Sparkassen würden lieber heute als morgen eine Lösung für die Landesbank finden. Die Politik fordert wegen der Landtagswahl jedoch eine Schonfrist bis zum Jahresende. Sind sie verärgert, dass es nicht schneller vorwärtsgeht?

Ob wir sofort oder in ein paar Monaten handeln, macht jetzt auch keinen großen Unterschied mehr. Ohnehin können wir als Miteigentümer nicht alleine eine Regelung vorantreiben. Entscheidend ist, dass beide Seiten eine Lösung wollen, und ich habe den Eindruck, dass der Freistaat mittlerweile sehr daran interessiert ist, eine zu finden.

Welche Lösung unterstützen Sie?

Dass die BayernLB künftig alleine bleibt, lehnen die bayerischen Sparkassen ab. Wir wünschen uns eine Fusion der BayernLB mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dabei werden wir aber Zugeständnisse machen müssen. Sollte der Sitz einer solchen fusionierten Bank ­ hypothetisch gesprochen ­ Stuttgart sein, dann müssen wir dazu bereit sein. Möglicherweise werden dann aber die Versicherungsaktivitäten der LBBW mit denen der Sparkassen-nahen Versicherungskammer Bayern in München gebündelt. Ich glaube, dass am ehesten eine solche Paketlösung zu erwarten ist, die auch unter politischen Aspekten gut zu verkaufen wäre.

Der Wettbewerb gerade am Münchner Bankenmarkt ist hart, die Erträge stehen unter Druck. Was tut die Stadtsparkasse, um sich zu behaupten?

Wir haben gemerkt, dass wir noch enorme Ressourcen in unserer Bank haben. Das durchschnittlich bewältigte Bilanzvolumen und das durchschnittlich erreichte Betriebsergebnis je Mitarbeiter ist im Vergleich zu anderen Großsparkassen noch steigerungsfähig. Daran arbeiten wir.

In welcher Form?

Wir haben eine Untersuchung abgeschlossen, wonach im Stab- und Servicebereich etwa 100 von knapp 1000 Stellen abgebaut werden. Die betroffenen Mitarbeiter bleiben jedoch w eiterhin beschäftigt, wir wollen sie ­ wenn möglich ­ für den Vertrieb nutzen, um mit der gleichen Anzahl an Mitarbeitern mehr Geschäft zu machen.

Die Stadtsparkasse hat im vergangenen Jahr das beste Jahr ihrer Geschichte geschrieben. Stellen Sie heuer neue Rekorde auf?

Das Jahr 2008 wird keine großen Sprünge bei der Bilanzsumme oder den Einlagen bringen. Das Jahresergebnis 2008 wird sich auf dem Niveau von 2007 einpendeln. Diesem stagnierenden Trend versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir das Stiftungsmanagement, das Private Banking, den mobilen Vertrieb und die Betreuung ausländischer Kunden ausbauen.

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