Interview: „Kassenchefs spielen mit den Hausärzten“

München - Mit dem Ausstieg aus dem Kassensystem sind Bayerns Hausärzte vergangenes Jahr gescheitert. Im Merkur-Interview spricht der Ex-Chef der Hausärzte, Wolfgang Hoppenthaler, über neue Proteste und alte Fehler.

Vor einem Jahr scheiterten Bayerns Hausärzte mit dem Ausstieg aus dem Kassensystem. Hausärzte-Chef Wolfgang Hoppenthaller trat zurück. Der neue Verbandschef Dieter Geis setzte auf Dialog statt Konfrontation. Weil bisher jedoch die Erfolge ausbleiben, wächst die Unruhe an der Basis. Wir sprachen mit Hoppenthaller über neue Proteste und alte Fehler.

Bisher hat nur die Techniker Krankenkasse (TK) einen neuen Hausarzt-Vertrag abgeschlossen. Müssen Bayerns Hausärzte den Druck erhöhen?

Ohne Druck geht es nicht. Die Krankenkassen haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass sie auf freiwilliger Basis nicht bereit sind, vernünftige Hausärzteverträge abzuschließen.

Ganz konkret: Wie wollen Sie den Druck auf die Kassen erhöhen?

Wir brauchen beim Hausärzteverband Urabstimmungen über Praxisschließungen.

Wollen Sie notfalls auch wieder mit dem Ausstieg aus dem Kassensystem drohen?

Nein, so weit würde ich zunächst nicht gehen. Aber Bayerns Hausärzte könnten geschlossen eine Woche ihre Praxen zusperren.

Die neue Verbandsspitze setzt auf Verhandlungen statt Konfrontation – der falsche Weg?

Verhandlungen sind richtig. Bisher gibt es jedoch noch keine Erfolge. Seit Anfang des Jahres werden wir hingehalten. Die Kassenchefs spielen mit der Spitze des Hausärzteverbandes. Das dürfen wir uns nicht länger bieten lassen.

Trägt die Mehrheit der Hausärzte einen solchen Protestkurs mit?

Da bin ich skeptisch. Viele Hausärzte haben resigniert. Die sagen: Ich mache noch ein paar Jahre und dann sperre ich meine Praxis zu. Allein deshalb brauchen wir dringend neue Verträge. Ansonsten gehen viele Mediziner vorzeitig in den Ruhestand und der Hausärztemangel verschärft sich.

Sie fordern, den TK-Vertrag schnellstmöglich zu kündigen. Warum?

Der Vertrag bringt den Hausärzten höchstens ein paar Euro zusätzlich. Dafür müssen sie allerdings strenge Auflagen erfüllen. Im Kollektivvertragssystem bekommen wir bisher etwa 60 Euro pro Patient im Quartal. Beim TK-Vertrag sind es rund 63 Euro.

Die Verbandsspitze nennt deutlich höhere Zahlen.

Die haben sich kolossal verrechnet. Wir haben die Zahlen überprüft – sie stimmen nicht. Ich werfe der Verbandsspitze daher vor, völlig unrealistische Fallwerte veröffentlicht zu haben. Inzwischen rudert der Verband zurück: Erst hieß es, es gibt 87 Euro pro Patient im Quartal, dann 76 Euro, jetzt 70 Euro. In der Realität werden es nicht mehr als 63 Euro sein.

Wie hoch müssten nach Ihrer Auffassung die Fallpauschalen sein?

Um eine Praxis vernünftig führen zu können, brauchen Sie pro Patient im Quartal gut 80 Euro. Davon sind wir jedoch meilenweit entfernt.

Ihre Kritik an der Verbandsspitze hat bei der jüngsten Mitgliederversammlung für hitzige Debatten gesorgt. Manche fürchteten bereits eine Spaltung des Verbandes.

Ein starker Verband muss solche Diskussionen aushalten. Das stärkt auch den Vorstand. Ich warne aber vor einer Spaltung. Wenn dies passiert, haben die Hausärzte endgültig verloren.

Schließen Sie persönlich eine Rückkehr an die Verbandsspitze aus?

Ich stehe für Führungsaufgaben nicht mehr zur Verfügung. Ich glaube, ich habe meine Leistung für die Hausärzte in Bayern erbracht.

Der Hausärzteverband ist Ihr Kind. Jetzt müssen Sie zusehen, wie die Kassen den Verband bei den Verhandlungen hinhalten. Schmerzt das?

Natürlich mache ich mir Sorgen. Deshalb habe ich deutlich Kritik am Kurs geäußert.

Wenn sich nichts ändert, treten Sie dann aus und gründen einen neuen Hausärzteverband?

Nein, ich trete nicht aus. Dies würde nur zu einer Spaltung und damit zur Schwächung der Hausärzte führen.

Im Rückblick: War der Versuch, aus dem Kassensystem auszusteigen, ein schwerer Fehler?

Im Rückblick ist eigentlich alles falsch, das nicht gelingt. Die Staatsregierung hat damals den Druck auf die Hausärzte massiv erhöht, so dass zum Schluss bei den meisten Medizinern die Existenzangst überwog.

Haben Sie dies unterschätzt?

Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Staatsregierung eigens Anzeigen schaltet, um den Hausärzten Angst zu machen.

Nur durch den Aufruf zum Kassenausstieg konnten die Versicherungen die gut honorierten Hausarztverträge kündigen.

Die Krankenkassen haben schon vor der Ausstiegsdrohung angekündigt, die Hausarztverträge an die Wand fahren zu lassen. Noch im Sommer 2010 haben wir daher der AOK Bayern Verhandlungen angeboten. Wir haben auch den damaligen Gesundheitsminister Markus Söder gebeten, in der Auseinandersetzung zu vermitteln. Alles ohne Erfolg. Erst dann ist der Streit eskaliert.

Interview: Steffen Habit

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