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Der Stromversorger Eon rechnet damit, dass bis zum Jahr 2020 der Stromverbrauch in Privathaushalten sinkt. In den Folgejahren ist wegen der erwarteten Verbreitung von Elektroautos und Wärmepumpen mit einem Anstieg zu rechnen.

„Die Bayern sind sparsamer geworden“

Interview mit Eon-Manager Hieber über den sinkenden Stromverbrauch im Freistaat

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Warum sinkt in Bayern der Stromverbrauch? Und wird er noch weiter sinken? Darüber sprachen wir mit dem Leiter der Eon-Abteilung „Strategische Prognosen“, Stefan Hieber.

Seit Jahren sinkt in Bayern der Stromverbrauch von Privathaushalten. Das belegen Daten des Energieversorgers Eon (siehe Tabelle unten). Woran das liegt und ob der Stromverbrauch noch weiter sinken wird, darüber sprachen wir mit dem Leiter der Eon-Abteilung „Strategische Prognosen“, Stefan Hieber.

-Wie hat sich der Stromverbrauch in den vergangenen zehn Jahren in Bayern entwickelt?

Stefan Hieber: Die Bayern sind sparsamer geworden und der Verbrauch ist im Schnitt gesunken – um etwa 50 Kilowattstunden pro Haushalt und Jahr. Jetzt liegen wir bei einem jährlichen Verbrauch zwischen rund 2700 und 2800 Kilowattstunden. Das sind ungefähr 15 bis 20 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Wir sehen aber auch: In Bayern ist der Verbrauch pro Haushalt eklatant höher als beispielsweise in Brandenburg. In Bayern verbrauchen die Menschen bis zu 500 Kilowattstunden mehr.

-Warum ist das so?

Hieber: Darüber können wir nur spekulieren. Aber die tendenziell höheren Einkommen und die Wirtschaftskraft in Bayern dürften bestimmt mit ein Grund dafür sein, dass mehr elektrische Geräte im Haushalt stehen und damit mehr verbraucht wird. Was wir in unseren Daten eindeutig sehen: Je weiter man aufs Land geht, desto größer ist in der Regel der Stromverbrauch, was vermutlich auch mit den in der Regel größeren Haushalten zusammenhängt.

-Ihre Daten zeigen aber: Das gilt nicht für den Kreis Garmisch-Partenkirchen.

Hieber: Hier vermuten wir, dass die hohe Zahl an Ferienwohnungen die Statistik verzerrt. Ferienwohnungen verbrauchen in der Zeit, in der sie nicht belegt sind, ja auch keinen oder nur sehr wenig Strom.

-Und warum ist der Stromverbrauch insgesamt im Laufe der Jahre gesunken?

Hieber: Verantwortlich dafür sind vor allem die Elektrogeräte, die immer weniger Strom verbrauchen. Selbst wenn Sie heute mehrere Notebooks oder Tablets gleichzeitig laufen lassen, verbrauchen diese zusammen weniger Strom als ein einziger PC mit Röhrenmonitor, wie er noch vor 15 Jahren üblich war. Auch Kühlschränke sind im Laufe der Jahre deutlich effizienter geworden. Und diese gehören neben Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine und Herd zu den sogenannten Elektrogroßgeräten, die für einen Großteil des Stromverbrauchs im Haushalt verantwortlich sind.

-Heißt das, die EU war mit ihrer Strategie erfolgreich, den Stromverbrauch dieser Geräte zu senken?

Hieber: Das Ziel wurde erreicht. In den vergangenen Jahren waren es vor allem die Fortschritte in der Beleuchtung, die den Stromverbrauch gesenkt haben. Zwar kommt die Beleuchtung bei den größten Verbrauchern im Haushalt erst an fünfter Stelle, die Einsparungen durch die Verbreitung von LED-Lampen sind aber enorm: 2013 benötigte ein Haushalt für die Beleuchtung noch etwa 300 Kilowattstunden Strom, 2020 wird es voraussichtlich nur noch die Hälfte sein. Zudem geht man sorgsamer mit Energie um.

-Eigentlich ärgerlich für ein Unternehmen, das Geld mit dem Verkauf von Strom verdient. Ihre große Hoffnung dürfte doch die Elektromobilität sein. Setzt sie sich durch, dürfte der Stromverbrauch pro Haushalt wieder anziehen.

Hieber: Da sind wir sehr gelassen. Eon hilft den Kunden ja dabei, Strom zu sparen und neue Dienstleistungen werden umso wichtiger. Übrigens kaufen wir schon heute einen Teil des Stroms für das Jahr 2020 ein. Welche Rolle 2020 die Elektroautos spielen werden, kann man heute noch nicht genau sagen. Wir rechnen mit etwa einer halben Million Fahrzeuge. Und es ist heute noch unklar, ob die Elektroautos öfter am Arbeitsplatz oder öfter zu Hause aufgeladen werden.

-Wenn schon die Elektroautos kein Thema sind: Gibt es andere Trends, die Sie bei Ihrer Planung für das Jahr 2020 berücksichtigt haben? Etwa die schnelle Verbreitung von Elektrofahrrädern?

Hieber: Die Elektroräder wirken sich kaum merklich auf den Stromverbrauch aus. Viel interessanter ist für uns ist die Verbreitung von Wärmepumpen in Privathaushalten. Sie funktionieren wie ein Kühlschrank, nur umgekehrt und heizen mit der abgegebenen Wärme die Wohnung. Damit sind sie sehr effizient.

-Und der Stromverbrauch steigt?

Hieber: Nicht zwingend. Wir haben hier zwei gegenläufige Effekte: Wenn ein Kunde bislang ausschließlich mit Strom geheizt hat, braucht er bei der Nutzung einer Wärmepumpe nur noch ein Drittel oder ein Viertel des Stroms. Es gibt aber einen zweiten Effekt: Wer sein Haus bislang mit Öl geheizt hat und jetzt auf eine Wärmepumpe umsteigt, verbraucht mehr Strom im Jahr, dafür sinkt aber der Verbrauch anderer nicht so effizienter Energieträger wie Öl.

-Welcher der beiden Effekt überwiegt?

Hieber: Wir gehen davon aus, dass die Wärmepumpen unterm Strich zu einem höheren Strombedarf führen und alte Ölheizungen ablösen werden.

-Wird damit der Stromverbrauch pro Haushalt bis 2020 insgesamt steigen?

Hieber: Nein, er wird noch einmal um ein bis zwei Prozent abnehmen. Die Folgen der effizienteren Beleuchtung machen sich – zumindest aktuell – noch stärker bemerkbar als die Wärmepumpen. Über einen Effekt haben wir aber noch gar nicht gesprochen: Immer mehr unserer Kunden erzeugen einen Teil ihres Stromes selbst.

-Das heißt, was der Haushalt tatsächlich an Strom verbraucht und was Eon am Stromzähler abliest, wird in Zukunft immer seltener übereinstimmen?

Hieber: Früher haben Besitzer von Solaranlagen ihren Strom ins Netz eingespeist und waren gleichzeitig Stromkunde. Inzwischen ist es für viele wirtschaftlicher, den selbst erzeugten Strom auch – soweit möglich – selbst zu verbrauchen. Legen sich diese Kunden in den kommenden Jahren noch einen Batteriespeicher zu, können sie sogar bis zu 70 Prozent des eigenen Stroms vom Dach nutzen.

-Dann schauen wir uns einmal die Jahre nach 2020 an: Werden die Kunden dann noch weniger Strom bei Ihnen kaufen?

Hieber: Nein, denn der Rückgang des Stromverbrauchs wird immer geringer werden und um das Jahr 2020 vermutlich stagnieren. In den Folgejahren werden Wärmepumpen und Elektroautos dann wieder zu einem allmählichen Anstieg des Verbrauchs führen.

-Steigt damit auch der Preis, wenn die Nachfrage wieder anziehen wird?

Hieber: Der Preis entsteht auf dem Markt. Es hängt daher auch davon ab, was auf der Angebotsseite passiert. Und hier sehen wir, dass der Strom knapper wird. Am Ende ist es eine Frage, wie sich Angebot und Nachfrage gemeinsam entwickeln. Wir vermuten, dass der Börsenpreis in den kommenden Jahren auch wieder steigen könnte.

-Werden die Endkunden das spüren?

Hieber: Kaum. Der Börsenstrompreis spielt am Endpreis nur eine untergeordnete Rolle. Den größten Anteil haben Steuern, Abgaben und Umlagen, nämlich mehr als 50 Prozent. Dazu kommen Netzentgelte mit 28 Prozent – und erst dann folgt der Börsenstrompreis.

-Inzwischen mehren sich Stimmen, die sagen, für die massenhafte Verbreitung von Elektroautos und Wärmepumpen ist das Stromnetz in Bayern nicht vorbereitet, es ist mit Stromausfällen zu rechnen. Teilen Sie diese Ansicht?

Hieber: Wenn die Leute in zehn Jahren massenhaft um 17 Uhr von der Arbeit nach Hause fahren und danach alle zur gleichen Zeit ihr Elektroauto laden, stehen wir vor großen Herausforderungen. Die lassen sich aber dank des technischen Fortschritts und der Smartmeter bewältigen. Dadurch werden wir es schaffen, die Autos dann zu laden, wann es am besten passt.

Durchschnittlicher Stromverbrauch pro Haushalt in der Region

Landkreis

Verbrauch 2017 in kWh

Rückgang zum Vorjahr in kWh

Garmisch-Partenkirchen

2389

-80

Landkreis München

2579

-57

Bad Tölz-Wolfratshausen

2609

-55

Weilheim-Schongau

2611

-59

Fürstenfeldbruck

2668

-47

Miesbach

2701

-38

Landsberg am Lech

2708

-255

Starnberg

2741

-58

Traunstein

2746

-51

Ebersberg

2757

-47

Rosenheim

2771

-61

Freising

2784

-62

Dachau

2836

-51

Erding

3079

-5

Mühldorf am Inn

3127

-42

Durchschnitt Bayern

2880

-01

Quelle: Eon

Interview: Sebastian Hölzle

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