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Die EZB in Frankfurt am Main.

Interview mit Volker Wieland

„Die EZB schafft die Grundlage für die nächste Krise“

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München - Am Donnerstag tagt in Frankfurt der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) und entscheidet über die weitere Ausrichtung der Geldpolitik. Wir sprachen mit dem Wirtschaftsweisen Volker Wieland über die Risiken niedriger Zinsen.

Volker Wieland ist seit März 2013 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – oft als „Rat der fünf Wirtschaftsweisen“ bezeichnet. Aufgabe der Wissenschaftler ist die Beratung der Bundesregierung. Wieland ist seit 2012 Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability an der Universität Frankfurt und Professor für Monetäre Ökonomie. Davor hatte der Volkswirt an der Hochschule den Lehrstuhl für Geldpolitik und Geldtheorie inne. In den 1990er-Jahren hat Wieland unter anderem für die US-Notenbank Fed in Washington gearbeitet.

Sollte die EZB nach dem Referendum in Italien an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten?

Volker Wieland: Nein. Es ist Zeit, die Geldpolitik zu ändern und die Aufkäufe von Staatsanleihen zu verlangsamen und schließlich zu beenden. Die EZB muss sich an der Entwicklung im Euro-Raum insgesamt orientieren, nicht an der politischen Situation in Italien.

Wird die EZB das machen?

Volker Wieland: Ich befürchte nein. Die EZB wird die äußerst lockere Geldpolitik vermutlich fortsetzen. Erst wenn die Inflation gemessen am Verbraucherpreisindex in die Nähe von zwei Prozent rückt, bleibt ihr aber nichts anderes mehr übrig, als auszusteigen.

Wann ist das der Fall?

Volker Wieland: Vermutlich wird die EZB am Donnerstag andeuten, dass sie das Anleihekaufprogramm, das im März 2017 ausläuft, noch einmal um ein halbes Jahr verlängert. Möglicherweise könnte sie sich im Frühjahr entschließen, eine Wende anzukündigen.

Was finden Sie an einem Leitzins von null und dem Anleihekaufprogramm eigentlich so verkehrt?

Volker Wieland: Zunächst einmal sind beides geldpolitische Instrumente, die unter gewissen Umständen eingesetzt werden können. Aber wie bei jeder Medizin geht es um die angemessene Dosierung. Die Wirtschaft erholt sich in der Eurozone allmählich und die Inflation zieht an. Darauf sollte die EZB reagieren.

In der Eurozone haben sich Produkte im November um gerade einmal 0,6 Prozent zum Vorjahr verteuert. Viel ist das nicht.

Volker Wieland: Sie sprechen vom harmonisierten Verbraucherpreisindex. Tatsächlich ist dieses Inflationsmaß seit April recht zügig von minus 0,2 auf 0,6 Prozent angestiegen. Die niedrigen Inflationsraten wurden primär durch wiederholte Ölpreisrückgänge ausgelöst. Aber Öl wird größtenteils importiert. Anders sieht es aus, wenn man sich die Preise der Güter anschaut, die in der Eurozone hergestellt werden: Tatsächlich steigen die Preise im Euro-Raum bereits seit fünf Jahren um jährlich etwa ein Prozent. Die EZB ist für Preisstabilität insgesamt zuständig, nicht nur für den Verbraucherpreisindex, auf den sie ihre Kommunikation konzentriert. Deshalb kann und sollte sie die Dosis ihrer Medizin reduzieren. Die hat nämlich negative Nebenwirkungen.

Wo beobachten Sie Nebenwirkungen?

Volker Wieland: Am Finanzmarkt bauen sich Zinsänderungsrisiken auf. Das bedeutet: Je länger die Zinsen niedrig sind, umso mehr vergeben die Banken langfristige Kredite mit niedrigen Zinsen. Sobald die EZB die Zinswende einleitet, werden die Einlagenzinsen bei den Banken steigen – in den Büchern stehen aber noch immer die kaum verzinsten langfristigen Kredite. Das kann Banken schnell ins Wanken bringen. Liegen die Erträge aus den Krediten unter den Einlagezinsen, droht die Pleite.

Wollen Sie damit sagen, dass schon wieder eine Finanzkrise droht?

Volker Wieland: Zumindest schafft die Niedrigzinsphase Grundlagen dafür. Natürlich kann die EZB als Bankenaufseherin versuchen, die Banken dahin zu bewegen, Vorkehrungen zu treffen. Ob die Banken das schaffen, ist allerdings unklar.

Wo sehen Sie Lücken in der Regulierung?

Volker Wieland: Manche Risiken werden vom Regulierer gar nicht berücksichtigt. Beispielsweise gelten Staatsanleihen formal gesehen als risikolos. Banken halten Staatsanleihen im großen Stil. Dabei zeigt das Beispiel Griechenland: Es kann auch bei Staatsanleihen zu Ausfällen kommen. Noch ist die Schuldenkrise im Euroraum schließlich nicht überstanden.

Glauben Sie, dass die Banken darauf achten?

Volker Wieland: Ich halte es für fraglich. Wir haben in der letzten Finanzkrise gesehen, dass Banken Risiken eingegangen sind, die sie nicht tragen konnten. Viele haben schlicht damit gerechnet, dass der Staat aushilft. Genau das ist ja auch passiert.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sehenden Auges in die nächste Bankenkrise schlittern?

Volker Wieland: Seriös lässt sich das nicht schätzen. Immerhin haben die europäischen Gesetzgeber die Bankenregulierung verstärkt und höhere Eigenkapitalvorschriften vorgegeben. In der Bankenunion liegt die Verantwortung für alle systemrelevanten Banken jetzt bei einer Institution – der EZB. Allerdings bauen sich nicht nur bei den Banken Risiken auf, sondern auch bei den Vermögenspreisen.

Glauben Sie, dass es am Immobilienmarkt zu einer Blasenbildung kommt?

Volker Wieland: Der Begriff Blase erweckt den Eindruck, es ginge um irrationales Verhalten von Käufern und Verkäufern. Aber wenn die Zinsen langfristig niedrig sind, ist es völlig rational, dass die Immobilienpreise nach oben gehen. Schließlich können sich Käufer ein viel höheres Kreditvolumen leisten – und gleichzeitig ändert sich auf der Angebotsseite zunächst kaum etwas, da neue Häuser erst gebaut werden müssen. Sobald die Zinsen steigen, kann sich das in rückläufigen Immobilienpreisen niederschlagen. Das sind Übertreibungen, aber irrational ist das nicht.

Sehen Sie solche Übertreibungen in Deutschland?

Volker Wieland: Hier steigen die Immobilienpreise tatsächlich sehr stark. Wir kommen aber von einem sehr niedrigen Niveau. Im europäischen Vergleich liegen wir immer noch weit zurück. Trotzdem bleibt ein Risiko: Die Preisanstiege in Deutschland liegen etwa 15 Prozent über Trendmaßen, die man als Referenzgröße verwendet. In der Ampel ist das mindestens gelb wenn nicht sogar orange-rot.

Wann steht die Ampel auf Rot?

Volker Wieland: Das gilt bereits jetzt für einige Regionen. In Großstädten wie München oder Frankfurt lässt sich der Preisanstieg zumindest durch den anhaltenden Zuzug begründen. Besonders verwundbare Regionen sind weniger attraktive Städte und Gebiete, die nicht direkt im Einzugsbereich der Großstädte liegen. Dort ziehen die Preise auch an – obwohl es kaum Zuzug gibt.

Das wäre für Deutschland eigentlich das richtige Zinsniveau?

Volker Wieland: Wenn Deutschland eine eigene Geldpolitik hätte, aber die Auslastung der Wirtschaft genauso hoch und die Preisentwicklung dieselbe wäre, dürfte das Zinsniveau bei zwei bis drei Prozent liegen. Die Geldpolitik der EZB wird selbstverständlich nicht allein für Deutschland, sondern für den Euroraum insgesamt gemacht. Aber die Lage im Euroraum spricht dafür, bei den Aufkäufen von Anleihen vom Gaspedal herunter zu gehen.

Kann eine so unterschiedliche Eurozone überhaupt funktionieren?

Volker Wieland ist seit März 2013 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – oft als „Rat der fünf Wirtschaftsweisen“ bezeichnet. Aufgabe der Wissenschaftler ist die Beratung der Bundesregierung. Wieland ist seit 2012 Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability an der Universität Frankfurt und Professor für Monetäre Ökonomie. Davor hatte der Volkswirt an der Hochschule den Lehrstuhl für Geldpolitik und Geldtheorie inne. In den 1990er-Jahren hat Wieland unter anderem für die US-Notenbank Fed in Washington gearbeitet.

Volker Wieland: Die Eurokrise ist noch nicht ausgestanden. Derzeit wird etwa wieder die Frage diskutiert, ob es sinnvoll ist, dass Griechenland in der Eurozone bleibt.

Wo liegt der Konstruktionsfehler der Eurozone?

Volker Wieland: Es war primär eine politische Entscheidung, eine gemeinsame Währung zu schaffen. Rückblickend würde ich sagen, es wäre besser gewesen, erst andere Politikbereiche zu integrieren als die Geldpolitik. Jetzt, da wir den Euro haben, sollten wir ihn jedoch nicht rückabwickeln, sondern die Währungsunion so aufstellen, dass sie stabil ist.

Wie soll das gelingen?

Volker Wieland: Die Entscheidung über die Staatsfinanzen liegt auf nationaler Ebene. Dort muss auch die Verantwortung für ihre Tragfähigkeit wahrgenommen werden. Die Defizitvorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts werden von der EU-Kommission leider nicht durchgesetzt. Entscheidend ist, die Nichtbeistandsregel wieder zu beleben. Dann würden die Anleihemärkte die nationale Haushaltspolitik disziplinieren. Derzeit wird die Marktdisziplin jedoch durch das Kaufprogramm der EZB ausgehebelt. Solange die Zinsen so niedrig sind, können Regierungen Konsolidierung und Reformen aufschieben.

Und wie wollen Sie die Märkte disziplinieren?

Volker Wieland: Der Europäische Stabilitätsmechanismus sollte um eine Insolvenzordnung für Staaten ergänzt werden. Private Investoren werden dann nicht aus dem Risiko einer Schuldenstreckung oder eines Schuldenschnitts entlassen. Wer Staatsanleihen kauft, würde somit nicht nur an den Erträgen, sondern auch an den Risiken beteiligt.

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