Interview mit Sigmar Gabriel: Große Autos müssen teurer werden

München - Nie zuvor war ein deutscher Umweltminister so gefragt: Die Diskussion um Klimaschutz hat Sigmar Gabriel (48) zu einem der bekanntesten Kabinettsmitglieder gemacht. Der streitbare Sozialdemokrat legt sich mit der Autoindustrie genauso an wie mit Fluglinien und Stromkonzernen.

Herr Minister, wie viel Kohlendioxid bläst Ihr Dienstwagen in die Luft?

Mein neuer Dienstwagen liegt unter 200 Gramm pro Kilometer. Das ist schon bedeutend weniger als beim vorherigen Dienstwagen, reicht mir aber nicht. Ich hoffe, dass die deutschen Hersteller es den Mitgliedern der Bundesregierung in Zukunft leichter machen, unter sparsamen Serienmodellen auch bei größeren Fahrzeugen wählen zu können und so beispielhaft Umweltinnovationen vorzuführen. Ich bin dabei, den gesamten Fuhrpark meines Ministeriums nach und nach so umzustellen, dass wir mit unserer Dienstwagenflotte das europäische Ziel - einen Durchschnittswert von 120 Gramm pro Kilometer - deutlich vor 2012 erreichen.

Die deutsche Automobil-Industrie ist weltweit führend. Warum hat sie beim Klimaschutz so lange geschlafen?

Leider ist das fast schon eine Tradition in der deutschen Autoindustrie: Wirtschaftlicher Erfolg hat die Konzerne schon mehrfach dazu verleitet, den Umweltschutz zu vernachlässigen - denken Sie an den Widerstand der Branche gegen den Katalysator und den Rußfilter. Das ist umso ärgerlicher, als Wettbewerber aus Frankreich oder Asien sich dadurch Marktvorteile verschaffen konnten. Wenn sich die deutsche Autoindustrie nicht stärker auf den Klimaschutz einstellt, wird sie im Ausland bald massive Absatzschwierigkeiten bekommen. Deswegen bin ich froh, dass die Industrie mit dem neuen VDA-Präsidenten Matthias Wissmann an der Spitze das Thema jetzt offensiver angeht.

Auf der IAA präsentierten sich die deutschen Autobauer diese Woche als Öko-Ingenieure. Ist es glaubwürdig, wenn der Chef von Porsche ein neues 530-PS-Modell vorstellt und beteuert, für sein Unternehmen sei "Klimaschutz immer wichtig gewesen"?

Ich schätze Herrn Wiedeking außerordentlich, bezweifle aber, dass Porsche das Öko-Auto der Zukunft produziert. Ich habe nichts dagegen, wenn Autohersteller große Wagen bauen, die mehr Sprit verbrauchen. Nur muss die verursachte Umweltzerstörung künftig im Kaufpreis enthalten sein. Wer meint, er müsse trotz der komfortablen deutschen Straßen einen Geländewagen fahren, der muss sich auch damit abfinden, dass er bei der Kfz-Steuer zur Kasse gebeten wird.

Porsche sieht seine Existenz auf dem Spiel, falls der von der EU geplante Grenzwert tatsächlich auch von Sportwagen-Herstellern eingehalten werden muss.

Da wird gegen Dinge zu Felde gezogen, die niemand vorgeschlagen hat. Die von der EU geforderten 120 Gramm CO2 pro Kilometer sind ein Durchschnittswert für die Neuwagenflotte der europäischen Fahrzeugindustrie. Es ist überhaupt nicht die Rede davon, dass jedes einzelne Modell oder jeder einzelne Hersteller oder jedes einzelne Herstellerland diesen Wert erreichen muss, sondern die europäische Flotte insgesamt. Das heißt, dass alle europäischen Hersteller herangezogen werden müssen, ihre Autos sparsamer zu machen - egal ob Kleinwagen oder Straßenkreuzer.

Werden wir bald "ein Volk von Kleinwagenfahrern", wie Bayerns Wirtschaftsminister Huber fürchtet?

Das ist doch reine Panikmache ohne sachliche Grundlage. Natürlich wird es weiterhin Fahrzeuge für jeden Geschmack geben - große, mittlere und kleinere, Sportwagen ebenso wie Kompakte und Kleinwagen. Die Einführung der verbindlichen Grenzwerte wird die Vielfalt der Automodelle nicht einschränken. Aber sie wird die Ingenieure dazu bringen, sparsamere Motoren und neue Antriebstechniken zu entwickeln. Das liegt auch im eigenen Interesse der deutschen Autoindustrie, wenn sie das Geschäft in China, Indien und anderswo nicht anderen überlassen will. Spritfresser haben auf dem Weltmarkt immer schlechtere Karten.

Warum sperren Sie sich gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen?

Ich sperre mich nicht dagegen. Ich sehe nur, dass es im Bundestag dafür gegenwärtig keine Mehrheit gibt. Ein Tempolimit von 130 km/h würde bis zu 3 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Zum Vergleich: Das Klimapaket der Bundesregierung kann 270 Millionen Tonnen einsparen. Wichtiger als Tempo 130 sind spritsparende Motoren und die Umstellung auf nachhaltige Biokraftstoffe. Ein Tempolimit hat hohen Symbolwert, aber es wäre allein deshalb wünschenswert, um die Zahl schwerer Verkehrsunfälle zu senken.

Der Bund will jährlich 2,6 Milliarden Euro für den Klimaschutz ausgeben. Neue intelligente Stromzähler, Nachtspeicherheizungen, Wärmedämmung: Wie hoch ist der Preis, den die Bürger zahlen müssen?

Mit dem Klimaschutz-Paket steigert die Regierung ihre Ausgaben für den Klimaschutz um 200 Prozent. Wir haben dafür keine Steuern erhöht, sondern auch leistungslose Gewinne der Stromkonzerne abgeschöpft. Was die einzelnen Maßnahmen betrifft, gibt es immer zwei Seiten: Der Austausch der alten Stromzähler wird bundesweit zwar 600 Millionen Euro kosten, spart aber für die Zukunft Energiekosten in Höhe von 2,6 Milliarden. Natürlich kostet auch die Investition in Gebäude-Isolierung Geld, doch die Einsparungen auf der Heizkostenrechnung sind enorm. Und es mag sein, dass die sparsameren Autos in der Anschaffung etwas teurer sind. Aber jeder kann sich selbst ausrechnen, nach wie vielen Tankfüllungen sich das rentiert hat. Unterm Strich werden sich die Investitionen in den Klimaschutz auf Dauer bezahlt machen.

Dürfen Mieter ihre Heizkosten kürzen, wenn die Vermieter zu wenig in Wärmedämmung investieren?

Wir wollen, dass sich privater Immobilienbesitz in Deutschland weiter lohnt. Deshalb werden wir die Vermieter nicht überfordern. Doch es gibt Eigentümer, die sich nicht um eine vernünftige Isolierung und Beheizung ihres Hauses scheren und ihre Mieter die Zeche zahlen lassen. Manchmal sind die Nebenkosten fast so hoch wie die Miete, weil die Wärmedämmung fehlt oder der Heizkessel veraltet ist. Ich bin dafür, dass Mieter ein Kürzungsrecht bekommen sollen, wenn ein Vermieter in gravierender Weise gegen seine Pflicht zur Einhaltung energetischer Standards verstößt. Wir haben auf der Kabinettsklausur in Meseberg vereinbart, genau diese Frage zu prüfen.

Welche Erwartungen knüpfen Sie an die Anfang Dezember auf der indonesischen Insel Bali geplanten Klimaschutz-Verhandlungen?

Symbole helfen uns nicht weiter. Die Weltöffentlichkeit erwartet von der Staatengemeinschaft, dass sie nicht länger um den heißen Brei herumredet. Alle wissen, was zu tun ist. Wir dürfen jetzt nicht Angst vor der eigenen Courage haben. Wir brauchen für Bali ein klares Ziel und das kann nur lauten: 30 Prozent weniger Kohlendioxid bis 2020, mindestens 50 Prozent weniger bis 2050.

Es gibt die Überlegung, bis zum Jahr 2050 jedem Menschen auf der Welt die gleiche Ausstoßmenge an Kohlendioxid zuzugestehen - zwei Tonnen pro Jahr.

Das hat etwas mit Gerechtigkeit auf der Welt zu tun. Aber das kann nur ein langfristiges Ziel sein. Die USA produzieren derzeit 20 Tonnen Treibhausgase pro Kopf und Jahr, in Deutschland sind es 11, in China 3,5 Tonnen. Daran sieht man, wie schwer unser Ziel zu erreichen ist.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kartellvorwürfe: Durchsuchungen bei BMW in München
Aufregung um deutsche Autobauer: Einem Medienbericht zufolge durchsuchen Ermittler Räumlichkeiten von BMW. Der Grund: Kartellvorwürfe.
Kartellvorwürfe: Durchsuchungen bei BMW in München
Anleger verlässt der Mut - Dax unter 13 000 Punkten
Frankfurt/Main (dpa) - Die Anleger am deutschen Aktienmarkt hat zum Wochenschluss doch noch der Mut verlassen. Ungeachtet neuer Rekorde an den US-Börsen gab der Dax …
Anleger verlässt der Mut - Dax unter 13 000 Punkten
Immer mehr Firmen verlegen ihren Sitz aus Katalonien
Madrid (dpa) - Seit der Zuspitzung der Katalonien-Krise Anfang Oktober haben 1185 Unternehmen ihren rechtlichen Sitz in andere spanische Regionen verlegt. Diese Zahl …
Immer mehr Firmen verlegen ihren Sitz aus Katalonien
Verkauf von Teilen Air Berlins an Easyjet noch offen
Nach der Vereinbarung mit Lufthansa wird die Zeit für den Verkauf der übrigen Air-Berlin-Teile knapp. Mit Easyjet wurde die insolvente Fluggesellschaft bislang nicht …
Verkauf von Teilen Air Berlins an Easyjet noch offen

Kommentare