Bayern-Schock: Müller verpasst wohl Leipzig-Doppelpack

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Siegfried Naser ist seit acht Jahren Sparkassenpräsident in Bayern und vertritt die 75 Sparkassen im Freistaat.

„Drei-Säulen-Modell ist jetzt unantastbar“

München - Interview mit Bayerns Sparkassenpräsident Siegfried Naser

Siegfried Naser gibt sich entspannt und gut gelaunt, als er sich am Konferenztisch unserer Redaktion niederlässt. Nur die Augenringe scheinen noch von einer turbulenten letzten Woche zu zeugen, an deren Ende die Fraktionschefs im Landtag den Kopf des 57-Jährigen forderten. Der Sparkassenpräsident von Bayern, Mitglied im Kontrollgremium der Landesbank, sei mitschuldig an deren Milliardenlasten, hieß es. Im Gespräch nimmt Naser zu den Vorgängen Stellung, nicht ohne sein Lieblingsthema einzubringen: die Sparkassen im Freistaat und wie sie in der Krise an Stärke gewinnen.

Herr Naser, worüber wollen Sie zuerst sprechen: BayernLB oder Sparkassen?

Am liebsten nur über die Sparkassen. Aber da würden Sie wohl nicht mitziehen. Also lassen Sie uns erst über die Landesbank reden.

Die hat Sie zuletzt Zeit und Nerven gekostet. Sie mussten im Landtag vorsprechen, einen Rettungsplan ausarbeiten, die Sparkassen dafür gewinnen und für Vorstandschef Michael Kemmer einstehen. Haben Sie sich gewundert, wie sehr sich die Lage zuspitzte?

Ich bin ein Mensch, der nicht gerne zurückblickt. Für mich gilt, was die Sparkassen und der Freistaat als Anteilseigner zuletzt mitgeteilt haben: Wir werden eng zusammenarbeiten, um die Landesbank aus ihrer schwierigen Lage herauszuführen. Also Schwamm drüber über diese Tage, die nicht wiederholungsbedürftig sind.

Haben Sie je an einen Rücktritt gedacht?

Nie im Leben.

Diese Forderung ist aber laut geworden.

Ich könnte als bayerischer Sparkassenpräsident zurücktreten. Doch diese Aufgabe erledige ich außerordentlich erfolgreich, wie mir die Gremienmitglieder bescheinigen. Ich sehe deshalb keinen Anlass für einen Rücktritt. Als Mitglied des Verwaltungsrates der Landesbank kann ich nicht einfach abtreten. Das Landesbankengesetz verlangt, dass der Sparkassenpräsident im Rat sitzt. Gleichwohl hatte ich dem Vorstand des Sparkassenverbands meinen Rückzug angeboten. Daraufhin ist mir und den anderen Verwaltungsratsmitgliedern aus dem Sparkassenlager einstimmig das Vertrauen ausgesprochen worden.

Sie sitzen seit acht Jahren im Verwaltungsrat. Wie groß ist ihre Schuld an den Milliarden-Lasten?

Der Verwaltungsrat ist jedes Jahr von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften entlastet worden. Auch Bundesbank und Bafin haben nie etwas beanstandet. Eines ist aber richtig: So wie alle Aufsichtsbehörden der Welt, wie die Ratingagenturen und unsere 600 Mitarbeiter im Risikomanagement habe ich nicht erkannt, welche Verwerfungen sich am US-Immobilienmarkt auftürmen und welche Weltfinanzkrise aufzieht. Diese Verantwortung muss ich tragen.

Anders als bisher sollen künftig auch externe Fachleute im Verwaltungsrat sitzen und nicht nur Politiker und Sparkassenvertreter. Ein guter Plan?

Die Eigentümer der Landesbank haben vereinbart, nach dem Regierungswechsel über die Neuausrichtung der BayernLB zu sprechen. Wir sind zu allem bereit, auch zu einer Diskussion über die Besetzung des Verwaltungsrates. Dabei gebe ich zu bedenken, dass weltweit auch Privatbanken in Schwierigkeiten geraten sind, deren Aufsichtsräte mit vermeintlichen Experten besetzt waren.

Die Eigner der Landesbank hatten letzte Woche einen Rettungsplan präsentiert, der eine Kapitalspritze von 6,4 Milliarden Euro vorsieht. Am Wochenende hieß es dann, der Bund wolle doch nicht 5,4 Milliarden zuschießen. Scheitert das Hilfsprogramm noch?

Nein. Wir haben am Donnerstag vor einer Woche einen Antrag an die zuständige Bundesagentur gestellt, und der wird jetzt sachlich bewertet. Dass schon am Samstag darauf zu lesen war, er sei abgelehnt worden, passt nicht zusammen. Wenn unsere Unterlagen ausgewertet sind, wird man sehen, dass wir Recht haben.

Der Chef der Deutschen Bank hat gesagt, er würde sich schämen, Geld vom Bund anzunehmen. Warum schämen Sie sich nicht?

Ich schäme mich nicht, weil wir nichts geschenkt nehmen. Das ist eine Investition der Bundesrepublik Deutschland in die BayernLB. Sie kriegt dafür einen Anteil an der Bank. Wenn es gut läuft, wird der Staat nach ein paar Jahren mit Gewinn aussteigen.

Und wenn nicht, müssen die Sparkassen und der Steuerzahler die Milliarden erstatten?

Das weiß derzeit niemand. Heute sagt man, Ende 2009 wird die Finanzkrise ausgestanden sein. Dann könnte die Welt 2010 oder 2011 wieder ganz anders aussehen.

Mit dem Bund bekommt die BayernLB einen dritten Eigentümer. Fürchten Sie, dass er sich zu sehr einmischen wird?

Wir brauchen den Bund als Kapitalgeber und haben deshalb keine andere Wahl. Aber ich kenne die handelnden Personen. Das sind kompetente Persönlichkeiten, sodass ich mich auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Bund einstelle.

Seit Jahren wird über die Zukunft der Landesbank gesprochen, über eine Fusion mit der LBBW in Stuttgart oder einem privaten Investor. Wann tut sich was?

Die Sparkassen in Bayern und Baden-Württemberg haben seit Jahren eine Präferenz: Wir schaffen eine Südbank und eine Südversicherung und redimensionieren damit die BayernLB. Weil wir nicht weitergekommen sind, haben wir uns im Frühjahr grundsätzlich für einen Privatinvestor geöffnet und Gespräche aufgenommen. Aktuell ist aber Krisenbewältigung angesagt. Verhandlungen, wie es strukturell weitergehen soll, kann es heuer nicht mehr geben. Wir müssen sehen, wohin die Finanzkrise führt, und wir müssen der neuen Staatsregierung Zeit geben.

Kommen wir zu den Sparkassen: Wie stellen die sich ihre Zentralbank künftig vor?

Wir brauchen keine sieben Landesbanken, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Aber wir brauchen ein international vertretenes Spitzeninstitut. Wenn wir das nicht haben, verlieren wir Sparkassen-Kunden, die ins Ausland begleitet werden wollen. Außerdem brauchen wir eine Bank, die uns einen Zugang zu den Weltfinanzmärkten ermöglicht.

Die Sparkassen leiden unter dem Landesbanken-Debakel, auf der anderen Seite können sie sich in den turbulenten Zeiten als Anker der Stabilität profilieren. Sind die Sparkassen die Gewinner der Krise?

Die Sparkassen haben durch die Weltfinanzkrise wieder an Gewicht gewonnen. Jeder hat gesehen, dass das deutsche Bankensystem gerade deshalb vernünftig durch die Krise gekommen ist, weil es die Sparkassen und Genossenschaftsbanken gibt, die kaum in Kreditersatzgeschäften engagiert waren. Unser Drei-Säulen-Modell, das die EU-Kommission oder der IWF angegriffen hatten, ist damit unantastbar geworden. Auf der anderen Seite wird im Zuge der Krise der Wettbewerb für uns noch härter. Die privaten Banken stürzen sich auf das reale Geschäft, weil das Investmentbanking weggebrochen ist.

Die Sparkassen haben zuletzt Einlagen dazu gewonnen. Ist damit ihre Bereitschaft zur Kreditvergabe gewachsen?

Derzeit ist oft zu hören, dass die Banken kein Geld mehr rausrücken. Bei den Sparkassen ist das Gegenteil der Fall. Wir haben in den ersten neun Monaten des Jahres 16 Prozent mehr Firmenkredite ausgereicht als 2007, und die Zusagen für Darlehen stiegen um 27 Prozent.

Daraus resultieren aber auch Risiken, wenn die Wirtschaft tatsächlich in eine Rezession rutscht.

Die Sparkassen haben bewiesen, dass sie wegen ihres regionalen Geschäftsmodells die Leute vor Ort sehr gut kennen und deswegen Risiken sehr gut bewerten können. In den letzten Jahren hatten wir deshalb historisch niedrige Risiken. Dennoch haben Sie Recht: Ich schließe nicht aus, dass wir in den nächsten Jahren höhere Abschreibungen sehen werden. Aber damit können wir umgehen.

Werden die Sparkassen bei der Vergabe von Darlehen knausern?

Nein. Die Finanzierung des Mittelstands durch die Sparkassen ist gesichert. Wenn die Risiken zunehmen, werden unsere Betriebsergebnisse zurückgehen . . . -

. . . und Kredite teurer.

Nein. Der Kampf um mittelständische Kunden ist voll im Gange, da lässt sich eine Verschlechterung der Konditionen nicht durchsetzen.

Auch Bayerns Sparkassen haben Zertifikate der US-Pleitebank Lehman vertrieben. Zuletzt hieß es, dass die Sparkassen kulant sein wollen, wenn Kleinanleger ihre Ersparnisse verloren haben. Wie viele Fälle von Kulanz gibt es in Bayern?

Dazu gibt es keine Statistik. Sollte es den Fall des alten Mütterchens geben, das 2000 Euro absolut sicher anlegen wollte und Lehman-Papiere besaß, dann wird das jedes Institut vor Ort vernünftig regeln. Man muss dazu sagen, dass niemand diese Pleite kommen sah. In meinen Augen war es ein historischer Fehler, das Institut über den Jordan gehen zu lassen. Die Finanzkrise hätte sich dann nicht so zugespitzt.

Finanzminister Peer Steinbrück hat gesagt, er habe sein Geld sicher angelegt und komme gut durch die Krise. Kann das Bayerns Sparkassenpräsident auch von sich behaupten?

Wir empfehlen unseren Kunden: Legt nie alle Eier in einen Korb. Das habe ich auch getan und auf Aktien, Zertifikate und Festgeld gesetzt. Irgendwas bewährt sich immer.

Zusammengefasst von Florian Ernst.

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