+
Abschied nach zwölf Jahren: Ende Dezember geht Harald Strötgen mit 67 Jahren in den Ruhestand. Die Stadtsparkasse München leitete er seit Anfang 2002. Sein Nachfolger, Ralf Fleischer, stammt wie er aus dem Ruhrgebiet.

Interview mit Stadtsparkassen-Chef Harald Strötgen

„Ich werde nicht bis elf Uhr im Bett liegen“

München - Seit zwölf Jahren ist Harald Strötgen Chef der Stadtsparkasse München. Zum Jahresende geht der 67-Jährige in Rente, am heutigen Dienstag wird er offiziell verabschiedet.

Wer ihn derzeit trifft, bekommt von ihm ein kleines Büchlein: „Die Kunst sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit.“ In seinem letzten Interview als Vorstandschef erzählt Strötgen, was er im Ruhestand plant, warum er kein Online-Banking nutzt und wie man heute noch gewinnbringend das eigene Geld anlegen kann.

Herr Strötgen, am 31. Dezember gehen Sie in den Ruhestand. Haben Sie Pläne für die Zeit danach?

Meine Frau ist weiter berufstätig, deshalb gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich bringe sie morgens zur Haustür und warte dann bis sie abends zurückkommt. Oder: Ich teile mir die Tage ein und verplane sie. Ich habe mich für letzteres entschieden und meine Frau findet das auch gut so.

Wie soll Ihre Woche künftig aussehen?

Ich werde ein Viertel der Zeit verwenden, um einige Mandate weiterzuführen, zum Beispiel bei der Palliativstation, den Münchner Symphonikern, der Bayerischen Landesstiftung und beim Tierpark Hellabrunn. Ein Viertel der Zeit werde ich an der Seniorenuniversität oder der Volkshochschule verbringen, Philosophie studieren oder Fremdsprachen lernen. Ein Viertel werde ich Sport treiben und ein Viertel ist für einige Beirats- und Aufsichtsratsmandate reserviert.

Klingt nach einem vollen Terminkalender.

Nein, nein. Von Januar bis März kann man ja zum Beispiel nicht Golf spielen – da habe ich schon mal ein Viertel der Woche frei (lacht). Aber ich finde es einfach wichtig, den Übergang in den Ruhestand so zu planen, dass man nicht anfängt, morgens vier Stunden lang Zeitung zu lesen oder bis um elf im Bett liegen zu bleiben.

In welchen Aufsichtsräten werden Sie sitzen?

Das weiß ich noch nicht, das entscheide ich frühestens am 2. Januar.

In den Verwaltungsrat der Stadtsparkasse zieht es Sie nicht?

Nein, das geht ja gar nicht, auch, weil es das Sparkassengesetz gar nicht zulässt

Andere Banker wie Landesbankchef Gerd Häusler, wollen direkt vom Vorstand in den Aufsichtsrat.

Das würde ich nicht tun. Ich brauche für das, was ich tue, die Freiheit des Denkens und des Handelns. Ich wage zu behaupten, dass man die nicht hat, wenn man bis zum 31. Dezember Vorstandsvorsitzender und ab 1. Januar Verwaltungsratschef ist. Dann müsste ich in den ersten Monaten Entscheidungen kontrollieren, die ich noch selbst getroffen habe. Bin ich da frei? Ich glaube nicht. Ein solcher direkter Wechsel sollte daher aus meiner Sicht vermieden werden.

Häusler geht bei der Landesbank und hinterlässt offene Baustellen, da ist Ihr Abschied leichter, oder?

Schon der Vergleich ist ziemlich weit hergeholt (lacht). Wir haben keine offenen Baustellen. Aber die Zeiten werden auch bei der Stadtsparkasse herausfordernder.

Inwiefern?

Die aktuelle Niedrigzinsphase hält nun schon einige Zeit an und nach unserer Einschätzung wird es auch noch eine ganze Weile so weitergehen. Da wird es für alle Kreditinstitute schwieriger.

Wie spüren Sie die Niedrigzinsphase? Sparen die Menschen weniger?

Nein, zumindest bei uns nicht. Die Einlagen wachsen, obwohl es fast keine Zinsen gibt. Das hat damit zu tun, dass die Alternativen fehlen. Der Dax ist zur Zeit auf einem Rekordhoch Die Immobilienpreise steigen mancherorts ins Unermessliche. Deshalb legen die Kunden ihr Geld auf ein Spar- oder Festgeldkonto.

Obwohl das Geld durch die Inflation weniger wird.

Real wird es weniger, das stimmt.

Was raten Sie denn Ihren Kunden, wenn die fragen, was sie mit ihrem Geld machen sollen?

Nerven behalten! Ich habe eine ganz einfache Prämisse: Aus dem Geld, das ich mir erarbeitet habe, würde ich nicht versuchen, mit Gewalt mehr machen zu wollen. Wer vier Prozent Rendite möchte, es aber gerade nur 0,75 Prozent Zinsen gibt, schafft das nur mit einem größeren Risiko – und damit wird das gefährdet, was man sich erarbeitet hat.

Aber mit 0,75 Prozent Zinsen verliere ich bei zwei Prozent Inflation Geld.

Das stimmt. Aber es gibt Alternativen. Sie können zum Beispiel in München an einem guten Standort eine Immobilie kaufen. Die Stadtsparkasse hat zum Beispiel vor einem Jahr am Rodenstockgelände zwei Objekte gekauft. Der Preis ist innerhalb nur eines Jahres um rund 1000 Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Ist das kein Zeichen für einen überhitzten Immobilienmarkt?

Dagegen spricht, dass die Stadt München in den nächsten 20 Jahren mit einem Zuzug von 200.000 Bürgern rechnet. Da die Fläche Münchens nicht größer wird, müssen immer mehr Menschen auf gleicher Fläche leben. In München gibt es keine Immobilienblase.

Das ist aber doch ein gesellschaftliches Problem, wenn sich große Bevölkerungsteile nicht mehr leisten können, in München zu wohnen. Was können Sie als Sparkasse da tun?

Da sind wir nicht der richtige Ansprechpartner. Wir als Sparkasse zahlen jungen Azubis einen Mietzuschuss von bis zu 200 Euro im Monat, damit sie sich das Leben in München leisten können. Aber es gilt auch: Wer weniger Geld zur Verfügung hat, der darf eben nicht den Wunsch haben, in Bogenhausen oder Solln zu wohnen, sondern muss überlegen, wo die Mieten, auch in München, günstiger sind.

Aber bereitet Ihnen das keine Sorge, dass selbst Bankazubis auf Zuschüsse angewiesen sind?

Diese Entwicklung ist auf Dauer, wenn sie sich ungebremst fortsetzt, sicherlich nicht gut. Tatsächlich könnte es dann dazu kommen, dass nur noch Vermögende sich eine Wohnung in München leisten können.

Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon hat gefordert, dass der Staat Vorteile durch niedrige Zinsen an die Sparer weitergeben soll. Was halten Sie davon?

Ich bin ein Anhänger der freien Marktwirtschaft, jede Regulierung ist im Zweifelsfall eine Regulierung zu viel. Es gibt diese Unterstützungsleistungen für Sparer ja bereits, zum Beispiel die Förderung zum Erwerb eines Eigenheims. Das würde ich alles weiterführen, aber ich habe Zweifel, ob wir davon noch mehr brauchen.

Wie muss die Stadtsparkasse auf die Niedrigzinsphase reagieren?

Es gibt die klare Entscheidung unserer Sparkasse, nicht zu spekulieren, sondern sich auf die geänderten Bedingungen einzustellen. Die Sparer legen ihr Geld für drei Monate und kürzer bei uns an, Wohnungsbaukunden wollen vorzugsweise1 fünf Jahre feste Konditionen. Diese Diskrepanz versuchen wir durch den Kauf von Derivaten zu bewältigen, die Zinsänderungsrisiken abmildern. Das ist nichts anderes als eine Versicherungsprämie und kostet uns zur Zeit etwa 35 Prozent unseres Gewinns. Das ist eben so.

Werden Sie also dauerhaft ein Drittel weniger Gewinn machen?

Ob das dauerhaft so bleibt, weiß ich nicht. Solange wir diese Derivatekosten haben, wird es so bleiben, ja.

Wenn Ihr Gewinn sinkt, wird dann auch weniger Geld an die Stadt München ausgeschüttet?

Darüber entscheidet der Verwaltungsrat. Aber wir haben vor, uns auch weiterhin zum Wohl Münchens zu engagieren – die Gewinnausschüttung ist an eine gemeinnützige Verwendung gebunden.

Also soll bei niedrigerem Gewinn der gleiche Betrag gezahlt werden?

Im Augenblick haben wir nicht vor, die Ausschüttung für 2013 geringer zu gestalten als 2012, weil es noch Spielräume gibt.

Woher kommen diese Spielräume?

Indem wir uns anstrengen, immer besser zu werden. Die Arbeitsabläufe werden verschlankt, wir wachsen, aber mit einer geringeren Zahl von Mitarbeitern. Entlassungen wird es aber weiterhin nicht geben.

Dann werden Stellen nicht nachbesetzt?

Ja.

Wie viele Stellen werden wegfallen?

Da gibt es keine Zahl. Wir untersuchen, ob das, was wir machen, vielleicht noch schneller geht. Ob sich ein Konto nicht auch fünf Minuten schneller eröffnen lässt. Wenn dadurch Mitarbeiter an einer Stelle nicht mehr benötigt werden, setzen wir sie woanders ein. Wir können angesichts der gestiegenen Kosten für die Zinsabsicherung nicht einfach den Kopf in den Sand stecken, sondern müssen reagieren. Dafür werden wir bezahlt.

Ist dieser Prozess schon abgeschlossen oder gibt es weiteres Potenzial?

Ein gutes Beispiel für weiteres Potenzial ist das veränderte Kundenverhalten. Von unseren 800 000 Kunden kommen inzwischen mehr als 200 000 kaum noch in eine Filiale. Sie erledigen ihre Bankgeschäfte über das Internet. Das hat dazu geführt, dass wir vor einigen Wochen neun weitere Filialen in Selbstbedienungsgeschäftsstellen umgewandelt haben.

Die Entscheidung ist kurz nach dem Start Ihres Nachfolgers verkündet worden, ist das der neue Wind bei der Stadtsparkasse?

Die Entscheidung wurde bereits vorher getroffen.

Nutzen Sie selbst das Online-Banking?

Ich gehöre zu denen, die einen persönlichen Kontakt bevorzugen.

Wegen Sicherheitsbedenken?

Nein, aber ich bin generell nicht sehr technikaffin. Gestern ist bei uns zuhause zum Beispiel der Sky-Empfang ausgefallen – das schaffe ich nicht, das zu reparieren. Dann füge ich mich in mein Schicksal. Das ist auch ein bisschen Bequemlichkeit. Ab dem 2. Januar werde ich einiges machen müssen, was ich bis dahin nicht gemacht habe.

Vielen Kunden geht es ähnlich, die müssen sich dann aber künftig doch ans Online-Banking wagen.

Es gibt weiterhin 80 bediente Filialen, die maximal nur wenige Kilometer von jedem Kunden entfernt liegen. Wir bieten den Münchnerinnen und Münchnern weiterhin das mit Abstand dichteste Filialnetz in der Stadt. Der Unmut der Kunden über die Umwandlungen hält sich deshalb auch sehr in Grenzen. Weniger als ein Promille der betroffenen Kunden haben sich beschwert.

Das klingt alles so, als wären die Zeiten der Prämien zum Jahresende für alle Mitarbeiter vorbei.

Das weiß ich nicht. Wir haben das als Vorstand immer so gemacht, dass wir mit den aktuellsten Zahlen in den Verwaltungsrat gegangen sind und dann spontan vorgeschlagen haben, jedem Mitarbeiter 1000 Euro oder manchmal auch 1500 Euro zusätzlich zu zahlen. Das hatte den Charme, dass die Mitarbeiter alle überrascht waren.

Wird es dieses Jahr einen Bonus geben?

Das wird schwierig. Wir haben gestiegene Derivatekosten, wollen die Ausschüttung an die Stadt München in Höhe von fünf Millionen Euro auch in diesem Jahr zusammenbekommen und möchten auch die Spenden- und Sponsoringleistungen nicht verringern.

Nur der Bonus für die Mitarbeiter bleibt auf der Strecke.

Aus der Prämie soll ja auch kein Automatismus werden.

Sind Sie wehmütig so kurz vor Ihrem Abschied?

Wehmütig bin ich nicht, nein. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt und ich blicke nach vorne. Ich gehe alles, was ich mache, optimistisch an.

Wie stellen Sie sich Ihren letzten Tag in der Stadtsparkasse vor?

Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Vor kurzem habe ich 30 portugiesische Studenten gesehen, die spielten an einer Straßenkreuzung ganz tolle Lieder und verdienten sich so ihren Aufenthalt in München. Ich habe sie spontan gefragt, ob sie Lust hätten, für eine halbe Stunde in der Sparkassenzentrale zu spielen. Die Leute dort denken jetzt, dass ich ein bisschen verrückt bin – stimmt ja auch. Nach der halben Stunde habe ich den Studenten aus meinem privaten Portemonnaie einen Beitrag für ihrem München-Aufenthalt gegeben. Wenn mir so etwas ähnliches am 30. Dezember passiert, bin ich in der Gefahr, das zu wiederholen.

Und was passiert am 2. Januar?

Da bringe ich meine Frau zur Haustüre und sage: Ich wünsche Dir einen schönen Arbeitstag! (lacht)

Interview: Corinna Maier und Philipp Vetter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Besucherrückgang bei IAA
Frankfurt/Main (dpa) - Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt am Main hat in diesem Jahr weniger Besucher angelockt als vor zwei Jahren. Wie der Verband …
Besucherrückgang bei IAA
Uber signalisiert Gesprächsbereitschaft in London
Der Fahrdienst-Vermittler Uber steht in London vor dem Aus. Dagegen regt sich Widerstand, vor allem bei jüngeren Kunden. Das Unternehmen geht unterdessen auf die …
Uber signalisiert Gesprächsbereitschaft in London
Experte: Keine steigenden Preise nach Air-Berlin-Aufteilung
Berlin - Bei der Aufteilung der insolventen Fluglinie Air Berlin sieht ein Reiseexperte derzeit nicht die Gefahr steigender Ticketpreise. "Es sind weder ein Monopol noch …
Experte: Keine steigenden Preise nach Air-Berlin-Aufteilung
US-Banken weitaus profitabler als europäische Konkurrenz
Zehn Jahre nach der Finanzkrise sprudeln an der Wall Street die Gewinne. Europas Banken hinken hinterher. Nach Einschätzung von Experten wird sich daran so schnell auch …
US-Banken weitaus profitabler als europäische Konkurrenz

Kommentare