Irland: Die Insel der Call-Center zieht auch viele Deutsche an

- Dublin - Neidvoll blicken viele nach Irland. In der EU zählt das ehemals arme Land zu den Boomregionen (4,3 Prozent Arbeitslosenquote). Viele neue Stellen in der Pharmaindustrie, im Maschinenbau und im Hochtechnologie-Sektor sind entstanden, aber auch in der Bauwirtschaft und im Dienstleistungsbereich.

Deutsche Muttersprachler haben zudem in mehrsprachigen Call-Centern gute Chancen, wie Stephan Westphal festgestellt hat. Nach seiner Ausbildung zum Bürokaufmann hat er in Deutschland monatelang erfolglos versucht, einen Job zu finden. Über eine Zeitungsanzeige sah er, dass in Irland deutschsprachige Mitarbeiter gesucht würden. "Viele deutsche Unternehmen wickeln Call-Center-Geschäfte in Irland ab, weil es dort günstiger ist", sagt Westphal. Letztes Jahr wechselte er aus der Arbeitslosigkeit in der Finanzbranche in eine Festanstellung in einem irischen Call-Center. Für Westphal ein Job auf Zeit. Er will mit seiner Auslandserfahrung und perfekten Englischkenntnissen seine Aussichten auf dem deutschen Arbeitsmarkt verbessern. Zuvor möchte er aber von Irlands Boom profitieren.

Denn auf der Grünen Insel lässt sich gutes Geld verdienen: Die durchschnittlichen Bruttomonatsgehälter liegen zwischen 2000 und 2900 Euro. Elektroingenieure können zwischen 2900 und 4100 Euro verdienen, Computerprogrammierer erhalten 2300 bis 2900 Euro und Buchhalter von 2000 bis 2900 Euro. Aber: In Irland liegen die Lebenshaltungskosten um bis zu 15 Prozent höher als in Deutschland. Ein Teil des Gehalts geht für höhere Mieten und ein teureres Leben drauf.

Gleichzeitig aber können sich Deutsche auf ein günstigeres Steuerrecht freuen. Die Belastungen für Arbeitnehmer sind in der Regel um bis zu 60 Prozent geringer als in Deutschland: So zahlen Alleinverdiener kaum mehr als 15 Prozent Abgaben, Familien sogar unter zehn Prozent.

Bereits seit rund zehn Jahren arbeitet Jörg Beuge in Irland - als selbstständiger Fotograf. "Damals habe ich einfach keine berufliche Zukunft in Deutschland gesehen." Sein letzter Besuch in der Heimat hat ihm in Erinnerung gerufen, warum er so gerne in Irland lebt: "Die Menschen hier sind entspannter, privat, aber auch im Job - und sie sind flexibler als in Deutschland." Sein Rat: "Professionelle Sprachlehrer erleichtern wirklich die Integration."

Einzig im Gesundheitswesen werden die Nerven von Deutschen und Iren gleichermaßen strapaziert. "Man muss lange warten und immer erst zu seinem Hausarzt laufen, selbst wenn man im Krankenhaus besser aufgehoben wäre", berichtet die jüngst nach Irland gezogene Deutsche Tanja Johnson. Nach zwei Wochen Jobsuche begann sie als Kellnerin in einem kleinen Restaurant. "Meine Lebensqualität ist besser, als sie in Deutschland je sein könnte."

Wer sich von Deutschland aus auf Jobsuche begeben möchte, sollte wissen, dass für eine Bewerbung in Irland ein Anschreiben (covering letter) und ein Lebenslauf (curriculum vitae) genügen. Da oftmals Berufsabschlüsse und Tätigkeitsmerkmale nicht vergleichbar sind, fragen Arbeitgeber während des Vorstellungsgesprächs gezielt nach dem letzten Gehalt, um mögliche Kandidaten fachlich einordnen zu können. Für die Jobsuche empfiehlt Stephan Westphal die Suche über das Online-Angebot der irischen Arbeitsverwaltung FAS (www.fas.ie).

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