IWF: In Deutschland brummt es

- Singapur - Mit seiner unerwartet robusten Konjunktur hat Deutschland die Wachstumprognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) in diesem Jahr deutlich übertroffen. Die Organisation rechnet jetzt mit zwei Prozent Zuwachs, 0,7 Prozentpunkte mehr als noch im Frühjahr. Weltweit rechnet der IWF dieses Jahr mit 5,1 Prozent Wachstum, was eine vierjährige Erfolgsstrecke wie seit Anfang der 70er-Jahre nicht mehr bedeuten würde.

Die Finanzorganisation warnte aber gleichzeitig vor wachsenden Risiken durch die globalen Ungleichgewichte. "In Deutschland brummt es", sagte Chefökonom Raghuram Rajan bei Vorlage des Weltwirtschaftsausblicks.

Vom Hartz-IV-Gesetz mit der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II zeigte er sich aber enttäuscht. "Das Resultat ist weniger erfreulich als erwartet", sagte Rajan. Er empfahl Lohnsteuersenkungen, um den Konsum anzukurbeln, mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt und mehr Wettbewerb bei Banken und Versorgungsunternehmen. "Deutschland muss mehr Schwung in die Wirtschaft bringen", sagte Rajan.

Das bedeute nicht die Aufgabe des Sozialstaates oder erzwungene Einkommenskürzungen. Er forderte die Regierung zu entschlossenen Reform-Entscheidungen auf. "Man kann nicht alles haben: sichere Arbeitsplätze, großzügige Sozialleistungen und hohe Wachstumsraten", sagte Rajan. "Ein gutes soziales Sicherheitsnetz funktioniert aber, wenn mehr Flexibilität für die Industrie besteht."

Die Risiken für eine Abkühlung der Weltwirtschaft seien gestiegen, heißt es in dem Bericht. Das US-Leistungsbilanzdefizit erreiche im nächsten Jahr 6,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Gleichzeitig sind die Reserven in Asien immens. "Die Erfahrung zeigt aber, dass hohe De-fizite, gemessen als Prozentsatz des BIP, nicht über lange Zeit aufrechterhalten werden können."

Als kurzfristige Risiken nannte Rajan eine stärkere Konjunkturabkühlung in den USA als erwartet, höheren Inflationsdruck, der Notenbanken zum weiteren Anziehen der Zinsschraube zwingen könnte, und höhere Ölpreise. Für 2006 nimmt der IWF pro Barrel einen Durchschnittspreis von 69,20 Dollar an, für 2007 von 75,50 Dollar.

Mit 2,0 Prozent Wachstum in diesem Jahr liegt Deutschland immer noch am unteren Rand der Industrieländer. Nur für Italien ist die Prognose mit 1,5 Prozent schlechter. Die deutschen Wirtschaftsinstitute liegen mit ihren Vorhersagen für 2006 zwischen 1,6 und 2,4 Prozent. Durch die Mehrwertsteuererhöhung falle Deutschland 2007 voraussichtlich auf 1,3 Prozent Wachstum zurück und wäre damit zusammen mit Italien wieder Schlusslicht unter den Industrieländern.Für die USA erwartet der IWF 3,1 Prozent (2007: 2,9).

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