Ein Jahr Paradestrecke - ICE und TGV sollen weiter Tempo aufnehmen

Frankfurt/Main - Zur Premiere der Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Deutschland und Frankreich vor einem Jahr war feierlich von einer "neuen Ära" die Rede. An den Bahnhöfen entlang der ICE-Strecke von Frankfurt über Mannheim, Kaiserslautern und Saarbrücken bis Paris herrschte Festtagstimmung.

Im Gegenzug schickte die französische Bahn SNCF erstmals ihren Vorzeigeexpress TGV über die Grenze und fährt seitdem von Paris über Straßburg und Karlsruhe nach Stuttgart und teils bis nach München. Der erste "Geburtstag" der milliardenteuren Trasse an diesem Dienstag (10. Juni) wird da fast unbemerkt verstreichen. Die neuen Verbindungen sind Normalität geworden und Teil eines weiter wachsenden Netzes im europäischen Bahnverkehr.

"Das Angebot hat unsere Erwartungen weit übertroffen", sagt der Geschäftsführer des deutsch-französischen Betreiberunternehmens Alleo, Frank Hoffmann. Die Marke von einer Million Fahrgäste im Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen beiden Ländern wurde bereits knapp vor dem Jahrestag am 19. Mai erreicht. Der deutsche ICE, der inzwischen fünfmal täglich die Städte an Main und Seine in knapp vier Stunden verbindet, trägt 56 Prozent zum Umsatz bei. Die übrigen 44 Prozent entfallen auf den TGV von Stuttgart nach Paris mit vier täglichen Direktverbindungen. Die Auslastung der Züge liegt bei 56 Prozent und damit höher als im üblichen Schnitt des Fernverkehrs. Insbesondere der Service mit gemischten deutsch-französischen Teams komme an, sagt Hoffmann.

Dennoch sei bei der Nachfrage "noch Platz drin", wissen auch die Planer. Denn die Ziele sind ehrgeizig: Bis 2012 soll mit jährlich 1,5Millionen Reisenden im internationalen Verkehr ein Zuwachs von 50Prozent eingefahren werden, lautete die Vorgabe zum Start vor einem Jahr. Im Visier steht dabei vor allem, in Zusammenarbeit mit Tourismusverbänden mehr französische Kunden anzulocken. Auch bei Geschäftsreisenden sieht Alleo-Chef Hoffmann noch Potenzial, nicht zuletzt in der Finanzmetropole Frankfurt. In Mannheim hätten Firmen wie BASF, EnBW und Alstom schon Mitarbeiter auf den Zug umgelenkt.

Die Konkurrenz am Himmel gibt sich derweil gelassen. Dass die Züge mit Spitzentempo 320 auch dem Flugzeug den Kampf angesagt haben, habe keinen drastischen Nachfragerückgang zur Folge gehabt, heißt es bei der Lufthansa. Weder am Flugangebot noch an der Auslastung habe sich etwas geändert, zumal viele Reisende Zubringer zu Langstreckenflügen ab Paris oder Frankfurt bräuchten, sagt ein Sprecher. "Wir sehen uns weiter sehr gut aufgestellt." Die größte deutsche Fluggesellschaft bietet täglich zwölf Flüge zwischen Frankfurt und Paris sowie drei Flüge von Stuttgart nach Paris an. Ohnehin sei das Auto der größte Wettbewerber der Schiene, heißt es beim Verkehrsclub Deutschland. Das grenzüberschreitende Angebot sei eine gute Verbesserung für Reisende. Neben den prestigeträchtigen Tempostrecken dürften vernetzte Angebote im gesamten Fern- und Nahverkehr aber nicht vernachlässigt werden.

Neben der deutsch-französischen Kooperation haben die ICE ihren Radius inzwischen auch in andere Nachbarländer ausgeweitet - unter anderem per Ostseefähre in die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Nach dem Vorbild des Luftverkehrs riefen die Deutsche Bahn und sechs Partnergesellschaften die Allianz "Railteam" ins Leben. Sie soll den oft noch reichlich komplizierten Ticketkauf im internationalen Verkehr für die Kunden erleichtern. Bei aller Zusammenarbeit bringen sich die großen Anbieter auch schon für die 2010 erwartete Öffnung der europäischen Personenverkehrsmärkte in Stellung. Nicht zuletzt dafür erhofft sich Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Schub durch den geplanten Börsengang. Denn noch haben grenzüberschreitende Routen in der Fernzugsparte einen Umsatzanteil von kaum einmal zehn Prozent.

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