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125 Jahre Allianz

Als man das Reisewetter versichern konnte

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München - Unfall, Krankheit, den Laptop und das Leben: Bei der Allianz kann man heute fast alles versichern. Begonnen hat die Geschichte des Münchner Konzerns vor 125 Jahren mit handgeschriebenen Transportpolicen.

Jahrmarkt. Ein junges Pärchen sitzt im Zelt einer Wahrsagerin. Die ältere Dame zieht aus einem Stapel Karten den Sensenmann. Die junge Frau schreit, entsetzte Blicke. Jahre später lässt sich das Paar erneut die Karten legen; an der Hand den Sohn, auf dem Arm die neugeborene Tochter. Auch diesmal liegt die Unheil bringende Karte auf dem Tisch. Da zückt der Familienvater seine Lebensversicherungspolice. Die Kinder lachen, die Frau atmet erleichtert auf. Auf dem Bildschirm erscheint der Slogan: Eine Allianz fürs Leben.

Wie die Familie aus dem Werbe-Spot, der in den 1980er-Jahren im deutschen Fernsehen zu sehen war, halten es heute Millionen Menschen. Allein in Bayern ist jeder vierte bei der Allianz versichert. Lebens-, Unfall-, Kranken- und Kfz-Policen hat das Unternehmen im Angebot, mittlerweile aber auch Versicherungen für den Fall, dass das Haustier krank wird oder das Smartphone den Geist aufgibt. „Die Bedürfnisse der Menschen ändern sich – und mit ihnen die Allianz“, sagt Barbara Eggenkämper, 52.

Niemand kennt die Geschichte des Versicherungsunternehmens, das heute vor 125 Jahren gegründet wurde, besser als die Historikerin. Ein Schlagwort reicht, und sie erzählt von den Anfangsjahren, als jede Police noch handschriftlich verfasst wurde und von den Fräuleinabteilungen nach 1900, in denen ausschließlich Frauen an den Schreibmaschinen saßen. Eggenkämper hat das historische Archiv der Allianz aufgebaut und leitet es seit über 20 Jahren. „Erinnerungen brauchen einen Ort, sonst verblassen sie schnell“, sagt die Frau mit den blonden Haaren und den Lachfältchen um die Augen.

Bei der Allianz liegt dieser Ort an der Giselastraße 24 in einer denkmalgeschützten Villa mit grünen Fensterläden. Dort steht mitten im Raum ein zerbeulter Kleinwagen. Im Technikzentrum der Allianz werden jedes Jahr rund 80 Crash-Tests gefahren – Forschung für die Kfz-Versicherung. Neben dem demolierten Wagen stehen Büromöbel aus den 1920er-Jahren. Die Wände schmücken alte Feuerversicherungsschilder – kam es früher zu einem Hausbrand, löschte die Feuerwehr nur, wenn ein solches Schild an der Fassade hing. In einer Vitrine liegt das Aktienbuch – dort sind die Inhaber der ersten Allianz-Papiere verzeichnet. Daneben hängen die Gemälde zweier streng dreinblickender Herren mit Anzug und Fliege, die Gründerväter der Allianz: Carl Thieme und Wilhelm Finck.

Die Geschichte der Allianz beginnt im Jahr 1890. Der wirtschaftliche Aufschwung im Kaiserreich ist in vollem Gange. Unternehmen schießen wie Pilze aus dem Boden. Bismarck hat gerade seine Sozialgesetze erlassen. Sich zu versichern, wird populär. Carl Thieme, der zehn Jahre zuvor die Münchener Rück ins Leben gerufen hat, gründet gemeinsam mit dem Bankier Wilhelm Finck die Allianz-Versicherungs-AG. Am 5. Februar 1890 wird das Unternehmen ins Handelsregister eingetragen. Erster Firmensitz wird Berlin – in Preußen ist es zu dieser Zeit einfacher, eine Lizenz zu bekommen; außerdem gilt Berlin bis zum Zweiten Weltkrieg als eines der Zentren der Versicherungswirtschaft. Thieme führt die Geschäfte von München aus. So finden sich auch die Wahrzeichen beider Städte im ersten Logo der Allianz – der Berliner Bär und das Münchner Kindl, eingerahmt vom deutschen Kaiseradler.

Nach ihrer Gründung versichert die Allianz zunächst Unternehmen gegen Unfälle und Transportschäden. Auch beim Untergang der Titanic sitzt die Allianz mit im Boot – allerdings mit einer vergleichsweise geringen Summe. Richtig teuer wird es dagegen später beim Absturz der Hindenburg. Auch wenn sich bereits damals verschiedene Versicherer über einen sogenannten Luftpool die Risiken teilen, trägt

125 Jahre Allianz: Ein Jubiläum in Bildern

Um die Jahrtausendwende wächst die Produktpalette. Eine Maschinenversicherung wird eingeführt. Es folgen Feuer-, Einbruch- und Diebstahlversicherungen, Policen gegen Hagel- und Sturmschäden und eine Kfz-Versicherung. Ab 1922 bietet die Allianz auch Lebensversicherungen an – heute die wichtigste Sparte im Unternehmen.

Im Jahr 1933 ist die Allianz größter Versicherer in Deutschland – und arrangiert sich widerstandslos, zum Teil unterstützt sie das Nazi-Regime. Die Aktien von Juden werden eingezogen, jüdische Mitarbeiter entlassen. Die Allianz hat diesen Abschnitt ihrer Geschichte später im Rahmen eines Forschungsprojekts aufgearbeitet, die Ergebnisse wurden 2001 veröffentlicht. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Allianz, Henning Schulte-Noelle, betonte: „Die Allianz steht zu ihrer moralischen Verantwortung. Deshalb unternehmen wir heute alles in unseren Kräften stehende, um jene Familien unserer Kunden, die zu den Opfern des Holocausts gehörten, zu helfen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt die Allianz ihren Hauptsitz nach München. Das Gebäude im Berliner Osten ist zum Teil zerstört. Private Versicherer dürfen nicht mehr arbeiten. Alle großen Versicherungsgesellschaften wandern in den Westen ab. Die Allianz entscheidet sich für München – auch wegen ihrer Verbindung zur Münchener Rück. Bis in die 1990er-Jahre sind die Unternehmen mit jeweils 25 Prozent aneinander beteiligt.

Die Allianz kauft von der bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung und der Kirche ein Grundstück am Englischen Garten und bezieht 1954 mit 500 Mitarbeitern vier Gebäude an der Königinstraße. Die Häuser werden alphabetisch durchnummeriert. Seit 2001 reicht der Gebäude-Komplex bis zur Leopoldstraße. Unterirdisch sind die Häuser über einen Tunnel verbunden – so gelangen die Mitarbeiter trockenen Fußes von A bis Z.

Das historische Archiv sitzt mittendrin. Hier hängen dutzende Werbetafeln, die die Geschichte der Allianz illustrieren. Auf einem Bild hebt ein Sensenmann den Finger: „Unfallgefahr droht. Versichere dich!“, mahnt er. Mit Särgen, Knochenhänden, erlöschenden Lebenslichtern und abgelaufenen Sanduhren wirbt die Allianz in den 1920er- und 1930er-Jahren für Lebensversicherungen. „Die Werbung mit der Angst“, nennt das Allianz-Archivarin Eggenkämper. „Damit ist nach dem Zweiten Weltkrieg Schluss.“ Die Allianz druckt nun stoppelbärtige Einbrecher, bunte Feuerwehrmänner und glückliche Rentner auf Streichholzschachteln. Mit kleinen Cartoon-Helden kommt Humor in die Werbung. Der zugehörige Slogan „Hoffentlich Allianz versichert!“ soll jedem Schaden die Schwere nehmen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kommen neue Versicherungen in Mode – zum Beispiel die Reisewetter-Police. Auf dem dazugehörigen Werbeplakat („Beschirme deine Urlaubsfreude“) sitzt eine Familie unter einem Schirm mit Allianz-Logo. „Für ein paar D-Mark konnte man sich gegen schlechtes Wetter im Urlaub versichern“, erzählt Eggenkämper. Die Italien-Urlauber nehmen das Angebot zuhauf in Anspruch. Für die Allianz ist es am Ende ein Minusgeschäft, weshalb die Reisewetter-Versicherung Mitte der 1960er-Jahre wieder eingestellt wird.

Doch über schlechte Geschäfte können sich die Münchner nicht beschweren. In den 1970er-Jahren steigt die Allianz zum größten Versicherer in Europa auf. Es gibt bereits gut laufende Niederlassungen in Paris und Italien. Nach der Wiedervereinigung übernimmt die Allianz die Mehrheit der Staatlichen Versicherung der DDR. Die Internationalisierung schreitet schnell voran – auch weil die Kommunikation immer leichter fällt. 1984 verschickt ein Allianz-Mitarbeiter die erste E-Mail in der Firmengeschichte, 1995 geht die erste Website online. Kürzlich hat die Allianz angekündigt, bald alle Policen auch im Internet anzubieten.

Barbara Eggenkämper hat die 125-jährige Geschichte der Allianz gemeinsam mit zwei Kollegen in einer Chronik zusammengefasst. Ende Februar kommt „Die Allianz. Geschichte des Unternehmens 1890-2015“ (H.C.Beck Verlag, 38 Euro) in den Handel. Auf der letzten Seite ist die Allianz-Arena abgebildet. Das Fußballstadion trägt nicht nur den Namen des Versicherungskonzerns, es ist natürlich auch bei der Allianz versichert, die seit dem Jahr 2000 den FC Bayern sponsert. Seit vergangenem Jahr gibt es sogar eine Fan-Versicherung. Für zwei Euro pro Heimspiel springt die Allianz ein, wenn man zu spät zum Anpfiff kommt oder im Eifer des Gefechts den Schlüssel verliert.

Manuela Dollinger

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