160 Jahre Siemens: Von der Hinterhofwerkstatt zum Weltkonzern

München - 6842 Taler war das Startkapital, mit dem vor 160 Jahren die Geschichte von Siemens begann. Heute ist der Konzern an der Börse rund 90 Milliarden Euro wert. Im Interview berichtet der Wirtschaftshistoriker und wissenschaftliche Leiter des Siemens-Firmenarchivs, Wilfried Feldenkirchen, von revolutionären Erfindungen, verbotenen Reden und einer Flucht nach München.

- Als die Telegraphenbauanstalt von Siemens & Halske vor 160 Jahren in Berlin eröffnete, handelte es sich um eine Hinterhofwerkstatt. Und selbst für die mussten sich die Gründer das Geld leihen. Welcher Investor hat an den Erfolg des Unternehmens geglaubt?

Siemens & Halske ist eine gemeinschaftliche Gründung von Werner Siemens und Johann Georg Halske gewesen. Es ist typisch für die damalige Zeit, dass der eine das Fachwissen und die Ideen für innovative Produkte hatte - Werner Siemens - und der zweite die handwerkliche Fähigkeit, diese Ideen umzusetzen. Da beide Gründer kaum Geld besaßen, benötigten sie einen Dritten, der das Gründungskapital zur Verfügung stellte. Dieser Dritte war Johann Georg Siemens, ein Vetter von Werner und der Vater des späteren Gründers der Deutschen Bank. Schon nach wenigen Jahren hat er ein Vielfaches der Summe zurückbekommen, die er eingezahlt hatte. Modern gesprochen war die Investition in Siemens & Halske durchaus ein lohnendes Investment.

- Wie konnte aus der Hinterhofwerkstatt ein Weltkonzern entstehen?

Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: zum einen die Person Werner Siemens. Damals gab es sehr viele Erfinder, die es aber nicht verstanden haben, ihre Entdeckungen zu marktgängigen Produkten zu entwickeln. Werner Siemens dagegen war Erfinder und Unternehmer. Zum anderen das Produkt: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts setzt die industrielle Revolution ein, die internationale Verflechtung nimmt enorm zu. Diese Entwicklung wäre nicht möglich gewesen, wenn parallel zur industriellen Revolution nicht auch eine Kommunikationsrevolution stattgefunden hätte. Zu der der Zeigertelegraph, das zentrale Produkt der neu gegründeten Firma, maßgeblich beitrug.

- Innovationen werden noch heute als Lebenselixier des Konzerns bezeichnet. War der Zeigertelegraph die wichtigste Erfindung in der Firmengeschichte?

Nein. Auch wenn es eine Reihe von bedeutenden Erfindungen gibt, war die wichtigste die Entdeckung des dynamo-elektrischen Prinzips 1866. Auch deshalb, weil Werner Siemens früher als andere erkannte, welche ungeheuren wirtschaftlichen Möglichkeiten in dieser Entdeckung und deren technologischer Weiterentwicklung lagen. Während der erste Apparat gerade genügend Strom für eine Glühbirne lieferte, gelang es, die Leistungsfähigkeit der Dynamomaschine innerhalb weniger Jahre so weit zu verbessern, dass einer allgemeinen Elektrifizierung Deutschlands nichts mehr im Weg stand. Zu den frühen Anwendungen zählen etwa die elektrische Straßenbahn oder auch die Straßenbeleuchtung.

- Werner Siemens gilt als Vorreiter bei sozialen Errungenschaften wie Mitarbeiterbeteiligung oder Pensionskassen. Wie wichtig war dies für das Unternehmen?

In diesem Zusammenhang sind zwei Dinge zu beachten: Zum einen entsprach die Sozialpolitik der Grundüberzeugung von Werner Siemens. Er hat einmal geschrieben: "Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich treuen Gehülfen nicht den erwarteten Antheil gäbe." Hier spielt auch eine Rolle, dass Siemens selbst aus sehr bescheidenen Verhältnissen kam. Er war das dritte von 14 Kindern und hat sich zeitlebens für seine Geschwister verantwortlich gefühlt, weil seine Eltern früh verstorben sind.

Zum anderen gab es handfeste wirtschaftliche Gründe für seine Sozialpolitik: In der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets zum Beispiel wechselte damals im Schnitt einmal pro Jahr die gesamte Belegschaft eines Unternehmens. In dieser Branche benötigten Arbeitskräfte nur geringe Spezialkenntnisse. Und wenn ein neu gegründeter Betrieb zehn Pfennig mehr Lohn bot, wechselten die Mitarbeiter reihenweise. Mit Blick auf diese hohe Fluktuation war betriebliche Sozialpolitik auch ein Mittel, qualifizierte Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden.

- Den tiefsten Einschnitt in der Firmengeschichte brachte der Zweite Weltkrieg. Welche Rolle spielte Siemens im Dritten Reich?

Bei damals 180 000 Mitarbeitern war die Siemens-Belegschaft ein Spiegelbild der deutschen Bevölkerung: Es gab - man könnte sagen: leider zu wenige - offene Widerstandskämpfer. Es gab die große Gruppe der Mitläufer und natürlich hat es auch Leute gegeben, die deutlich Hurra geschrien haben.

Was die Haltung der Führungsspitze angeht: Carl Friedrich von Siemens - der jüngste Sohn des Firmengründers, der von 1919 bis 1941 an der Spitze stand - war während der Weimarer Zeit parallel zu seiner unternehmerischen Tätigkeit Reichstagsabgeordneter der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, was seine politische Grundüberzeugung verdeutlicht. Auch hat er sich bereits 1931 in einer Rede an der Columbia University in New York sehr kritisch zu den wachsenden Stimmenzahlen der Nationalsozialisten geäußert. Bei seiner Beerdigung 1941 war - entgegen den sonstigen Gepflogenheiten - keine einzige der damaligen politischen Größen anwesend. Die Trauerreden wurden behördlich eingezogen und ihre Verbreitung untersagt. An dieser Stelle muss man der Vollständigkeit halber erwähnen, dass Siemens - wie andere Unternehmen auch - in die Kriegswirtschaft einbezogen wurde.

- Zu den düsteren Kapiteln der Siemens-Geschichte gehört auch die Beschäftigung von Zwangsarbeitern.

Das ist richtig. Siemens hat etwa 50 000 Zwangsarbeiter beschäftigt, darunter eine geringe Zahl von KZ-Insassen. Größer war die Zahl der Menschen, die zunächst freiwillig gekommen sind - und die dann an der Rückkehr in ihre Heimatländer gehindert wurden. Das Unternehmen ist sich dieser Tatsache und der daraus erwachsenden Verantwortung bewusst und leistete Menschen, die damals zur Zwangsarbeit für Siemens gezwungen wurden, humanitäre Hilfe: Bereits 1961 wurden ein Vertrag mit der Jewish Claims Conference geschlossen und Entschädigungszahlungen geleistet. Darüber hinaus hat Siemens schon vor dem nationalen Fonds "Erinnerung und Zukunft" einen eigenen humanitären Hilfsfonds aufgelegt, der damals mit 20 Millionen DM dotiert war. Als schließlich der gemeinsame Fonds der deutschen Wirtschaft zustande kam, wurde Siemens dort Gründungsmitglied und hat - entsprechend der Unternehmensgröße - einen erheblichen Beitrag geleistet.

- Der Unternehmenssitz wurde nach dem Krieg von Berlin nach München verlagert. Warum entschied man sich für München?

"Mir würde das Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen,

wenn ich treuen Gehülfen nicht den erwarteten Anteil gäbe."

Werner Siemens

Man war sich etwa ab 1943 darüber im Klaren, dass der Krieg nicht gewonnen werden konnte. In diesem Bewusstsein traf die Führungsspitze bereits während des Kriegs erste Vorbereitungen für eine Verlagerung des Firmensitzes, so weit das im Verborgenen möglich war. Schon am 19. Februar 1945 wurde eine Gruppe jüngerer Mitarbeiter beauftragt, in den Westen zu gehen. Man hatte aus Schweden erfahren, welche Pläne die Alliierten für die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen hatten. Und eine Tätigkeit in der sowjetischen Besatzungszone versprach die schlechtesten Aussichten. In München hatte Siemens in den 1920er-Jahren die Isariawerke in der Hofmannstraße übernommen. Diese Produktionsstätten für Telefone waren die Keimzelle für den späteren Aufbau der Konzernzentrale. Zum anderen wichtigen Standbein für das Unternehmen entwickelte sich Erlangen.

- Heute ist vom radikalsten Umbau in der Firmengeschichte die Rede, der von innen getrieben ist. Halten Sie diese Einordnung für gerechtfertigt?

Zweifellos befindet sich Siemens in einer Phase, in der sich sehr viel ändert. Aber ich glaube, dieser Superlativ ist eine Überbetonung der aktuellen Situation. Der ehemalige Vorstands- und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer hat einmal festgestellt, dass Siemens ein lebender Organismus ist. Und wenn man die vergangenen 160 Jahre Revue passieren lässt, stellt man fest, dass es immer wieder große Veränderungen in der Organisation, aber auch im Produkt- und Firmenportfolio gegeben hat.

Ein Beispiel: Im Jahr 1900 hat man den Bau von Automobilen beschlossen - in der Erwartung, dass Siemens in kurzer Zeit Elektroautos herstellen könnte. Man hat völlig unterschätzt, welche Probleme es mit den Batterien geben würde. 1927 hat man dieses Geschäft aufgegeben und verkauft. Die Geschichte von Siemens ist auch eine Geschichte des permanenten Wandels.

Das Gespräch führte Dominik Müller.

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