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Die Kanzlerin regiert noch keine 20 Jahre, aber sie regiert auch mittels SMS. Die Kurznachrichten von Angela Merkel sind bei Parteifreunden wie -gegnern gefürchtet.

20 Jahre SMS: Der letzte runde Geburtstag?

München – Vor genau 20 Jahren wurde die erste SMS der Welt verschickt. Allein die Deutschen versenden seitdem jedes Jahr Milliarden Kurznachrichten mit ihren Handys. Doch der Siegeszug der Smartphones könnte das Aus für die SMS bedeuten.

 Eigentlich war Neil Papworth zu früh dran, als er am 3. Dezember 1992 Geschichte schrieb. „Merry Christmas“, tippte er in seinen Computer und schickte die Nachricht an Richard Jarvis. Der war gerade bei der Weihnachtsfeier seines Arbeitgebers, dem britischen Telekommunikationsunternehmen Vodafone, und saß nicht etwa vor dem Computer, sondern bekam die verfrühten Weihnachtsgrüße direkt auf sein Handy. Neil Papworth hatte die erste SMS der Welt verschickt, eine kleine Revolution der Kommunikation.

Trotzdem blieb die erste SMS unbeantwortet. „Die Telefone, die wir damals verwendeten, konnten nur Nachrichten empfangen, nicht senden“, erklärt Papworth gegenüber unserer Zeitung. „Deshalb benutzte ich den Computer um die Nachricht zu verschicken.“ Der Brite lebt inzwischen im kanadischen Montreal und arbeitet noch immer als Software-Entwickler.

„Die erste SMS hat mich ein bisschen berühmt gemacht, aber nicht reich“, sagt er. „Wir konnten uns damals einfach nicht vorstellen, dass Leute heute per SMS zusammenfinden, Schluss machen, abstimmen und Lieder kaufen würden.“ Hätte er das geahnt, er hätte sein Geld in SMS-Dienste investiert, sagt er. „Ich habe erst Jahre später überhaupt mein erstes Handy bekommen“, erinnert er sich. „Ich hatte vorher einfach nicht das Gefühl, dass ich eines brauchen könnte.“

Tatsächlich könnte Papworth heute ein gemachter Mann sein, wenn er das Potenzial der Erfindung erkannt hätte. Laut dem Branchenverband Bitkom wurden dieses Jahr allein in Deutschland rund 58 Milliarden SMS verschickt. Im Durchschnitt kommt damit jeder Deutsche auf zwei Nachrichten pro Tag. 1999 verschickte jeder Bürger laut Bitkom noch 44 SMS – pro Jahr. Noch immer steigt die Zahl der versendeten SMS, doch das Wachstum hat sich stark abgeschwächt.

Der Umsatz, den allein die deutschen Mobilfunkanbieter mit den kurzen Nachrichten machen, stagniert schon heute bei immerhin 3,1 Milliarden Euro. Ein Grund dafür ist die Veränderung der Tarife. Längst zahlt kaum noch ein Handy-Kunde wie zu Beginn bis zu 20 Cent pro SMS. In den meisten Tarifen ist inzwischen eine bestimmte Anzahl SMS inklusive.

Doch es gibt noch eine weitere Ursache und die könnte früher oder später tatsächlich das Ende der SMS bedeuten: Immer mehr Handynutzer haben inzwischen ein Smartphone. Die Computer im Hosentaschenformat sind auch unterwegs mit dem Internet verbunden, das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Mit Chat-Diensten wie dem beliebten „WhatsApp“ lassen sich Kurznachrichten kostenlos verschicken. Einzige Voraussetzung: Der Empfänger muss das Programm ebenfalls installiert haben.

Die Mobilfunkkunden zahlen dann nur noch für die Daten-Flatrate, über die sie im Internet surfen. „Die neuen Messenger-Dienste für Smartphones kannibalisieren die klassische SMS bislang noch nicht, sondern kommen als neue Nutzungsform hinzu“, glaubt Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. „Klassische SMS und ihre Multimedia-Nachfolger werden noch einige Zeit nebeneinander existieren.“

Die Marktforscher von „Ovum“ sind da deutlich weniger optimistisch. Schon im vergangenen Jahr seien den Mobilfunkanbietern weltweit rund 14 Milliarden Dollar durch die Internet-Nachrichtendienste entgangen, schreiben sie. Bis 2016 sollen sich die Verluste sogar auf 54 Milliarden Dollar summieren.

Dennoch spricht man sich auch bei der Telekom Mut zu. „Die SMS wird auch weiterhin eine Rolle spielen“, sagt Sprecher Dirk Wende unserer Zeitung. „Künftig wird es aber wohl eine Stagnation geben.“ Der Grund, warum die SMS nicht ganz verschwinden sollen, liege in der Einfachheit der SMS. „WhatsApp kann nur mit WhatsApp“, sagt er. Die Kurznachrichten könne man ganz einfach an jedes Handy verschicken, egal, welche Programme darauf installiert seien.

Diesen Vorteil soll auch der neue Dienst bieten, an dem Telekom, Vodafone und O2 derzeit gemeinsam arbeiten. „Joyn“ soll die gleichen technischen Möglichkeiten wie „WhatsApp“ und andere Programme bieten, soll aber auf allen Geräten funktionieren.

Und es biete einen weiteren entscheidenden Vorteil, sagt Vodafone-Sprecher Paul Gerlach. „Die Nachrichten werden verschlüsselt abgelegt wie SMS, nicht einmal wir könnten auf den Inhalt zugreifen.“ Damit setzen die Anbieter an einer Schwachstelle von „WhatsApp“ an. Immer wieder gibt es Meldungen, dass es bei dem Kostenlos-Dienst erhebliche Sicherheitslücken gibt. Mut macht den Mobilfunkanbietern auch der Versender der ersten SMS. Er glaube, dass es die klassischen Kurznachrichten „noch eine ganze Weile“ geben werde, sagt Neil Papworth.

Philipp Vetter

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