Finanzminister Markus Söder mit Stavros Kostantinidis (l.) und der Chefin der Politischen Akademie Tutzing, Ursula Münch, beim Jahresempfang in den Räumlichkeiten der Deutschen Bundesbank in der Leopoldstraße.

In München

Jahresempfang mit Söder: Die Leiden des griechischen Patienten

München - Beim gemeinsamen Jahresempfang von Europa-Union, Politischer Akademie Tutzing und Griechischer Akademie, deren Chef Kostantinidis ist, liest der bayerische CSU-Finanzminister Griechenland die Leviten.

Der griechische Patient leidet. Ein tückisches Erkältungsvirus hat Stavros Kostantinidis, den informellen Chef der griechischen Gemeinde in München, niedergestreckt. Doch das ist noch das Geringste. Die Extravaganzen der neuen Regierung in Athen schlauchen auch Münchens Griechen. Und dann ist da noch Markus Söder. Beim gemeinsamen Jahresempfang von Europa-Union, Politischer Akademie Tutzing und Griechischer Akademie, deren Chef Kostantinidis ist, liest der bayerische CSU-Finanzminister Griechenland die Leviten.

Freundlich, wie es seine Art ist, hatte der 48-jährige Anwalt am Mittwochabend den Gastredner begrüßt, mit Komplimenten für den „lieben Markus“ nicht gegeizt, ehe er zu seiner Bitte kam: mehr Verständnis für die schwierige griechische Situation. „Der Sparanzug für Griechenland ist zwar schön, es ist der Brioni unter den Sparanzügen, aber er ist viel zu eng.“ Die Diät dürfe nicht zu einer Magersucht führen. Europa brauche einen „New Deal“, brauche Investitionen für eine neue Wachstumspolitik. Und er verwies auf Erfolge der letzten Jahre: „Die Löhne und Renten sind um 40 Prozent gesenkt worden, der Mindestlohn ist auf 500 und damit um 20 Prozent gesenkt worden, das Rentenalter ist schlagartig auf 67 erhöht worden, über 220 000 Beamten sind entlassen worden.“

Gleichzeitig aber sei die Wirtschaftsleistung des Landes um ein Viertel zurückgegangen. Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent drohe eine ganze Generation verloren zu gehen. Der stets höfliche Kostantinidis gab gleichsam den Anti-Varoufakis. Bei Söder biss er dennoch auf Granit. Der wiederholte zwar nicht frühere Forderungen, Griechenland das Seil zu kappen. Aber er machte auch unmissverständlich klar: „Wir helfen Griechenland. Aber nur dann, wenn es sich auch helfen lassen will. Jetzt muss die neue griechische Regierung liefern.“ Die Folge eines „wenn nicht“ blieb unausgesprochen – aber die konnte sich jeder der rund 250 Gäste, darunter viele Griechen, selbst dazu denken.

Keinen Hehl machte Söder aus seiner Enttäuschung über die neue Athener Links-Rechts-Regierung. „Für überzeugtes Vertrauen in diese Regierung ist es nach den Erfahrungen der letzten Wochen zu früh.“ Ein Nachgeben gegenüber Athener Forderungen dürfe es nicht geben. Denn dann bestehe die Gefahr einer politischen Ansteckung der Reformländer Spanien und Portugal, die unter großen Entbehrungen ihre Hausaufgaben machten. „Wenn man sich in Therapie begibt, ist es verheerend, diese zwischendrin einfach abzubrechen“, wie es die Tsipras-Regierung mit der Auflegung eines neuen, 27 Milliarden schweren Sozialprogramms beabsichtigt habe.

Söder positionierte sich strikt gegen amerikanische Forderungen, Europa solle Griechenland abermals retten, um es nicht Putin auszuliefern. Politische Argumente dürften nicht dauerhaft über ökonomische gestellt werden, verlangte der Finanzminister. Amerika, das sich zur Ankurbelung seiner Konjunktur immer weiter verschulde, sei im Übrigen ein untaugliches Vorbild für Europa, sagte Söder an den anwesenden US-Generalkonsul Bill Moeller gewandt. Erstens investierten die USA das geliehene Geld, während es in Griechenland verbraucht werde. Und zweitens stelle sich in den USA anders als in der Eurozone nicht das Problem, dass starke Länder für die Finanzierung der schwachen dauerhaft zur Kasse gebeten würden.

Derweil durchleben Münchens Griechen eine ähnliche Gefühls-Achterbahnfahrt wie die Landsleute in der Heimat. In den hellenischen Medien, berichtete Kostantinidis, sei die durch die Syriza-Regierung anfänglich entfachte Euphorie mittlerweile einer wachsenden Ernüchterung gewichen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte das in seiner trockenen Art vorhergesagt: „Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität.“ Heftig spekuliert werde bereits über eine Entlassung des Finanzministers Gianis Varoufakis, der durch eine Vielzahl ungeschickter bis provozierender Äußerungen nahezu die gesamte Eurogruppe gegen Griechenland aufgebracht hat.

Die ganze Nation warte nun gespannt darauf, ob Syriza ihr Versprechen umsetze, mit der Korruption im Land aufzuräumen. Schließlich, so formulierte es eine mit einem Deutschen verheiratete Besucherin des Jahresempfangs, habe das griechische Volk nicht die „halbstarken Männer“ der Syriza gewählt. Sondern die alten korrupten Parteien abgewählt. Entsprechend schnell könne Enttäuschung in Ablehnung umschlagen.

von Georg Anastasiadis

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