Jeder Dritte will die alte D-Mark zurück

München/Frankfurt - Vor zehn Jahren fiel die Entscheidung für den Euro und gegen die Deutsche Mark. Im Geldbeutel steckt die Gemeinschaftswährung seit 2002, in den Köpfen vieler Menschen aber weiterhin die D-Mark: Jeder Dritte wünscht sich die alte Währung zurück.

In einer repräsentativen Studie des Mannheimer Ipos-Instituts hätten sich 34 Prozent der Befragten dafür ausgesprochen, den Euro abzuschaffen und die Mark wieder einzuführen, sagte ein Sprecher des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) am Freitag. Darüber hinaus machten 53 Prozent die neue Währung für die Preissteigerungen der vergangenen Jahre verantwortlich.

"Von 1949 bis heute hatten wir im Schnitt Inflationsraten von 2,5 Prozent", erklärt Timo Wollmershäuser, Mitarbeiter beim Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Anfang der 80er-Jahre seien es gar sieben Prozent gewesen und Anfang der 70er knapp acht, im April diesen Jahres lag die Teuerungsrate bei 2,4 Prozent. "Die meisten vergessen das, wenn sie auf den Euro schimpfen", sagt er.

Vor rund sechs Jahren, am 1. Januar 2002, wurde der Euro als Bargeld eingeführt ­ nachdem in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1998 der Beschluss dafür in Brüssel gefasst worden war. Dennoch ist die D-Mark für viele Bürger eine feste Größe: Jeder zweite Deutsche rechnet nach Schätzung von Psychologen die Preise immer noch um. "Gerade in Zeiten hoher Inflation sehnen sich die Menschen nach der D-Mark zurück", sagt der Wirtschaftspsychologe Henning Haase von der Universität Frankfurt. Dazu kommt, dass "die Stabilität der D-Mark überzogen in den Köpfen der Menschen verankert ist", ergänzt Wollmershäuser. Bürger anderer Länder hätten sich schneller von ihrer alten Währung lösen können, weil France oder Lire nicht dermaßen stabil waren.

In Deutschland rechnen vor allem Ältere häufig um. "Das gilt für alle, die 30 Jahre und älter sind. Bei den 50- bis 60-Jährigen ist es ein normaler Reflex, Preise mit zwei zu multiplizieren", sagt Haase. Grund dafür sei, dass Ältere über Jahrzehnte einen Bezug zur D-Mark aufgebaut hätten. Als Kind und Jugendlicher verknüpfe man automatisch Produkt und Preis: die Kugel Eis, das Brot, das erste Auto. "Mit dem Preis dafür ist man groß geworden und verbindet damit das Gefühl von teuer oder preiswert. Die D-Mark-Preise sind Ankerpunkte im eigenen Leben." Zudem sei die Umrechnung mal zwei sehr einfach und der Zwang, sich an den Euro zu gewöhnen, geringer als in anderen Ländern mit komplizierteren Umrechnungszahlen.

"Aber ein Vergleich mit Preisen aus der Erinnerung ist unfair", erklärt Wollmershäuser. Dabei vergesse man, dass diese Preise in den vergangenen zehn Jahren aufgrund der Teuerungsrate ohnehin gestiegen wären: "Das ist eine verzerrte Wahrnehmung."

Auch der technologische Fortschritt werde häufig übersehen und führe zu Täuschungen. "Ein VW Käfer hat 1960 rund 5000 Mark gekostet. Der VW Golf kostet heute 25 000 Euro, also 50 000 Mark. Da sagen die Leute, der Preis für ein Auto habe sich verzehnfacht. An die Wertsteigerung denkt niemand", meint Haase. Dabei werde vergessen, dass der Golf größer und besser ausgestattet sei und man die beiden Autos gar nicht miteinander vergleichen könne.

Die Statistik konnte die Legende vom "Teuro" nicht bestätigen. Allerdings habe es einen nachweislichen Preisschub bei gewissen Gütern gegeben, "die sich mit Euro-Einführung enorm verteuert haben, wie in der Gastronomie, wo ordentlich nach oben gerundet wurde", sagt Wollmershäuser. Aber das sei ein einmaliger Effekt gewesen. Die Entwicklungen der darauffolgenden Jahre seien "nicht außergewöhnlich" gewesen.

Das Vergessen der D-Mark in den Köpfen hält der Finanzpsychologe Haasen für eine Generationenfrage. "Endgültig nicht mehr umrechnen werden die nach 1990 Geborenen, die die D-Mark nicht mehr kennengelernt haben. Der Spuk wird 2080 vorüber sein."

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