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Willkommen in Deutschland: 2,8 Millionen Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren nach Deutschland zugewandert – rund ein Drittel aus Ländern der EU.

Jeder vierte Zuwanderer mit Uni-Abschluss

München - Arbeiten in Deutschland wird für junge Menschen aus dem Ausland immer beliebter. Das belegt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Überdurchschnittlich viele Zuwanderer sind hoch qualifiziert.

Sie kommen aus Griechenland, Spanien, Italien, Polen oder Ungarn. Rund ein Drittel der Zuwanderer, die in den letzten zehn Jahren nach Deutschland gekommen sind, stammen aus der EU oder einem Land, aus dem man problemlos in die EU einreisen kann – Irland, Liechtenstein, Norwegen oder die Schweiz. Ein weiteres Drittel der Zuwanderer kommt aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Top-Zuwanderungsland ist mit 14,3 Prozent (398 000 Menschen) die Russische Föderation. 12 Prozent der Migranten stammen aus anderen europäischen Ländern wie dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei, die restlichen 28 Prozent aus Ländern außerhalb Europas. 2,8 Millionen Menschen sind insgesamt zwischen 1999 und 2009 nach Deutschland eingewandert. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels hat das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) untersucht, wie qualifiziert die Zuwanderer sind.

Altersstruktur

Interessant sind die Zuwanderer, die im erwerbsfähigen Alter sind – also zwischen 15 und 65. Dieses Kriterium trifft auf 85 Prozent der Zuwanderer zu – Tendenz steigend. Zum Vergleich: nur 66 Prozent der Menschen in Deutschland sind im erwerbsfähigen Alter. Im Durchschnitt sind Neuzuwanderer zehn Jahre jünger als Einheimische. Mehr als ein Drittel der Zuwanderer ist zwischen 25 und 35 Jahre alt – eine Altersgruppe, die oft eine Ausbildung gerade abgeschlossen hat und das Erwerbsleben noch vor sich. In Deutschland zählen nur 12 Prozent der Bevölkerung zur Gruppe dieser Hoffnungsträger.

Qualifikation

Doch nicht nur Masse, die Migranten bringen auch Klasse mit, wenn es um die berufliche Qualifikation geht. Die Untersuchungen des IW ergaben, dass mehr als jeder vierte Zuwanderer Hochschulabsolvent ist. In der deutschen Gesamtbevölkerung können das nur 18 Prozent von sich behaupten. Angeführt wird die Gruppe der hochqualifizierten Einwanderer von Migranten aus Westeuropa (46 Prozent). Auch Zuwanderer aus den GUS-Staaten und nicht-europäischen Herkunftsländern wie dem Iran oder China hatten mit 25 bis 27 Prozent wesentlich häufiger einen Hochschulabschluss als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Doch die Schere geht weit auseinander: 27 Prozent Zuwanderern mit Hochschulabschluss stehen 41 Prozent ohne berufsqualifizierenden Abschluss gegenüber.

MINT und Medizin

Insgesamt sind von den 2,8 Millionen Zuwanderern, die in der letzten Dekade nach Deutschland gekommen sind, 1,3 Millionen erwerbstätig. Die Ergebnisse der IW-Studie haben ergeben, dass Zuwanderer bereits jetzt einen nicht zu verachtenden Beitrag zur Fachkräftestabilität in Deutschland leisten. Ins Gewicht fallen dabei besonders zwei Bereiche: die sogenannten MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sowie der Fachbereich Medizin. Diese Qualifikationen sind in Deutschland besonders gefragt, weil es hier Engpässe gibt. „Arbeitgeber benötigen im Schnitt 146 Tage, um eine offene Arztstelle zu besetzen, 110 Tage, um einen Elektroingenieur einzustellen und 106 Tage für einen Maschinen- oder Fahrzeugbauingenieur“, erläutert Michael Hüther, Direktor des IW. Insgesamt sind zwischen 1999 und 2009 rund 185 000 MINT-Akademiker und 42 000 Mediziner im erwerbstätigen Alter nach Deutschland gekommen und geblieben. Die Zuwanderer leisten einen bedeutenden Beitrag zur Wertschöpfungskette in Deutschland. Allein die Erwerbstätigen in MINT-Berufen und im Bereich Medizin haben eine Wertschöpfung von gut 13 Milliarden Euro erbracht.

Karriere im Ausland

Viele Zuwanderer klettern in Deutschland die Karriereleiter empor. Der Anteil der hochspezialisierten Führungskräfte unter den Zuwanderern ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen – von zwölf Prozent im Jahr 2000 auf 21 Prozent im Jahr 2009. Damit sind inzwischen relativ gesehen genauso viele Zuwanderer in solchen Positionen tätig wie Deutsche.

Fachkräftemangel

Überdurchschnittlich viele der Neuzugewanderten leben in Bayern. Auf die Länder NRW, Bayern und Baden-Württemberg entfallen mehr als die Hälfte der Migranten. Qualifizierte Arbeitskräfte sind hier willkommen. Der Mangel an Fachkräften sei nach wie vor ein wichtiges Thema, sagt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. Das Angebot übersteigt die Nachfrage bei weitem. Allein 2012 seien rund 250 000 Stellen für Fachkräfte in Bayern nicht besetzt. „Die größte Herausforderung sind dabei die MINT-Berufe“, erläutert Driessen. Fachkräfte aus dem Ausland würden hier einen Beitrag leisten, den Mangel etwas zu lindern.

Künftig sollen diese leichter Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt bekommen. Ab 1. August wird die „Blaue Karte EU“ eingeführt. Damit können Akademiker aus dem Ausland problemlos nach Deutschland zum Arbeiten kommen, wenn sie hier ein Einkommen von 44 800 Euro im Jahr erzielen. Noch mehr Zuwanderung also? „Ja“, sagt IW-Direktor Hüther. „Die bisherige Zuwanderungsrate wird nicht reichen, den großen Bedarf an Fachkräften in Deutschland zu decken.“

Manuela Dollinger

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