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Wissenschaft trifft Literatur: Joachim Starbatty und Hans Magnus Enzensberger (li.) bei der Buchvorstellung.

Ökonom Starbatty stellt Buch vor

„Eine Fehlkonstruktion namens Euro“

München - Wie lässt sich die Euro-Krise lösen? Indem die Schuldnerstaaten aus der Eurozone ausscheiden, behauptet der Ökonom Joachim Starbatty in einem neuen Buch – und bekommt Schützenhilfe von ungewohnter Seite.

Wer den Euro retten will, muss sich was einfallen lassen – zum Beispiel lauter sonderbare Abkürzungen, die kein Mensch versteht: EFSF, ESM, EBA, und ständig kommen neue dazu. Oder Zauberwörter wie „systemrelevant“. Wer nämlich als systemrelevant gilt, wird in Europa gerettet. Hans Magnus Enzensberger, 83, der listige Literat aus Schwabing, findet das absurd, und irgendwann bittet er das Publikum im edlen Fürstensaal des Hotels Bayerischer Hof: „Wenn hier jemand systemrelevant ist, möchte er bitte den Arm heben.“ Ein paar Gäste lachen, keiner meldet sich. Manchmal ist Europa einfach nur ein Tollhaus.

Enzensberger amüsiert das, er sitzt vorne am Pressetisch, neben dem Mann, um den es an diesem Tag eigentlich geht: Professor Joachim Starbatty, weißer Bart und hohe Stirn, Volkswirt und Euro-Gegner der ersten Stunde. Der Mann zog schon 1997 gegen den Euro vor das Bundesverfassungsgericht, als es ihn noch gar nicht gab. 2011 klagte er mit Peter Gauweiler und anderen gegen den Rettungsfonds der EU, beide Male ohne Erfolg. Jetzt kämpft er mit Hilfe eines Buchs, es hat den reißerischen Titel „Tatort Euro“ und im Untertitel den Appell: „Bürger, schützt das Recht, die Demokratie und euer Vermögen“.

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Enzensberger, der Universal-Intellektuelle, hat dazu eine launige Einführung geschrieben. Nicht etwa einen gewöhnlichen Text, das wäre ihm „zu langweilig“ gewesen, sagt er. Nein, er stellt 40 Quizfragen – und findet das „heimtückischer“. Mit Recht. Vor allem die Politiker bekommen ihr Fett weg. Eine Frage lautet:

„Worum handelt es sich, wenn eine intelligente Frau in hoher Position behauptet: Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa?“

Er gibt drei Antworten zur Auswahl, bei denen man Ja oder Nein ankreuzen kann:

„Um eine Drohung? Um eine Schutzbehauptung? Oder nur um eine Dummheit?“

Übrigens: Die Frau in hoher Position ist Angela Merkel.

Nun gilt Enzensberger eher als ein Linker, Starbatty indessen als recht konservativ. Was die beiden eint, ist ihr vernichtendes Urteil über das bisherige Management der Euro-Krise. „Man hat sich in die Ecke gemalt“, sagt Enzensberger. Wie ein Heimwerker, der den Boden streicht. „Und nun kommt man nicht mehr hinaus, ohne sich zu bekleckern.“ Starbatty sekundiert mit einem Lösungsvorschlag: „Leute, geht heraus aus der Ecke, auch wenn ihr Tapsen hinterlasst!“

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Denn für Starbatty gibt es nur eine Lösung: die Länder, die marode Staatsfinanzen haben, müssen aus der Eurozone ausscheiden – allen voran Griechenland. Der Euro-Raum soll dadurch konsolidiert werden, es gäbe nur mehr eine Euro-Zone der starken Volkswirtschaften. Denn der Geburtsfehler des Euro ist für Starbatty, dass man unter seinem Dach Länder zusammengekoppelt habe, die nicht zusammengehören – von geschummelten Zahlen und verletzten Konvergenzkriterien mal ganz abgesehen.

Die Ausscheider sollten seiner Ansicht nach einen fairen Schuldenschnitt bekommen – und zu ihren alten Währungen zurückkehren. Der Vorteil: Sie wären dann nicht mehr vom stabilen Eurokurs abhängig. „Eine Abwertung der Drachme – und Griechenland hätte volle Strände“, sagt Starbatty. So einfach wäre das seiner Meinung nach. Auch die jungen Menschen in den gebeutelten Ländern hätten dadurch Vorteile, glaubt er: „Der Austritt aus der Währungsunion verschafft den Schuldenstaaten die Möglichkeiten, ein tragfähiges Gesellschaftsmodell zu entwickeln, das die eigene Jugend im Land hält“, so steht es im Buch. Arbeitsplätze statt Almosen, so lautet also frei nach Adam Smith die Devise. Für den Fall, dass es anders kommen sollte, malt Starbatty die üblichen Schreckgespenster an die Wand: Inflation, niedrigerer Lebensstandard, Schuldenberge für die kommenden Generationen.

All das ist nicht sonderlich neu. Starbatty reiht sich mit solchen Prophezeiungen ein in den Reigen der Berufspessimisten wie Thilo Sarrazin („Europa braucht den Euro nicht“) und Hans-Werner Sinn („Die Target-Falle“). Gerade zu Sinns Buch gibt es auffallende Parallelen, etwa bei der These, dass es bei den Hilfsmaßnahmen im Kern nicht um die Rettung der Länder, sondern um die Rettung der Banken gehe.

Im Bayerischen Hof bringt Starbatty dazu das Beispiel Zypern: Der Inselstaat sei für „systemrelevant“ erklärt worden, musste also gerettet werden. In Wahrheit hätten die zypriotischen Banken aber „ein zu großes Rad gedreht“ und sich selbst in Bedrängnis gebracht. Was mit dem Geld europäischer Steuerzahler gerettet worden sei, sei am Ende aber nicht der Staat Zypern gewesen, sondern „die Einlagen reicher Russen“.

Starbatty hat ein gutes Gespür für griffige Anekdoten und Zitate – vor dem Live-Publikum in München ebenso wie in seinem Buch, das auch deshalb ein gut lesbarer 300-Seiten-Essay ist. Er sei nicht gegen den Euro an sich, sagt er, nur dürfe Europa nicht am Euro scheitern. Starbatty kennt sich aus in der wissenschaftlichen Literatur und er kennt, das wird er nicht müde zu betonen, wichtige Akteure der europäischen Geschichte – vom Ökonomen Alfred Müller-Armack, seinem Lehrer, bis hin zu Altkanzler Helmut Kohl.

Freilich: Starbattys Buch enthält mögliche Szenarien, mehr nicht. „Im Zweifelsfall entscheidet die Realität“, sagt Hans Magnus Enzensberger am Schluss, „auch bei der Fehlkonstruktion namens Euro.“

Das Buch

Joachim Starbatty: Tatort Euro: Bürger, schützt das Recht, die Demokratie und euer Vermögen, Europa Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.

von Robert Arsenschek

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