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Geschafft: Patryk Kurowski kam im Jahr 2010 zu den Joblingen, weil er ein mieses Abschlusszeugnis und keine Aussicht auf einen Ausbildungsplatz hatte. Inzwischen arbeitet er als Fachinformatiker in Festanstellung.

Ausbildung

"Joblinge: Das war meine letzte Hoffnung"

München - Keine Chance? Von wegen! Das Projekt Joblinge vermittelt Ausbildungsplätze – an Jugendliche, die auf dem Arbeitsmarkt sonst keinen Erfolg hätten. Eine Geschichte aus Bayern, die vor allem eines macht: viel Mut.

Sein Lebenslauf liest sich ordentlich, daran besteht kein Zweifel: Mittlere Reife, Ausbildung zum Fachinformatiker, Festanstellung. Patryk Kurowski, 23, aus München hat das alles gut hinbekommen. Wer ihn näher kennt, weiß aber auch, davor gab es schlechte Noten, Job-Absagen – und viel Frust. Das freilich steht nicht im Lebenslauf. Kurowski, dunkle Haare, Bart, ruhige Stimme, sagt daher oft: „Wäre ich damals nicht zu den Joblingen gekommen – ich hätte nicht weitergewusst.“

Das Foto zeigt „Joblinge“ bei der Jubiläums-Feier im HVB-Forum zum fünfjährigen Bestehen der gemeinnützigen Aktiengesellschaft in München.

Die Joblinge, eine gemeinnützige Aktiengesellschaft in München, waren für ihn „die letzte Hoffnung“. So, wie für viele andere Jugendliche, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben, die durchs Raster fallen, weil sie miese Noten schreiben, keinen Schulabschluss schaffen oder eine Berufsausbildung nach der anderen abbrechen. Seit nunmehr fünf Jahren gibt es diese Initiative in München; erst kürzlich feierte sie im HVB-Forum ihr Jubiläum. 80 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren werden jährlich aufgenommen – drei von fünf haben nach sechs Monaten einen Ausbildungsvertrag in der Hand. Die Vermittlungsquote ist überdurchschnittlich hoch. Und: Mehr als 80 Prozent aller Vermittelten sind auch noch nach einem halben Jahr in Ausbildung – und werden von dem Joblinge-Team weiter betreut.

„Unsere Jugendlichen stammen aus schwierigsten Lebensverhältnissen“, erzählt Projektleiterin Anja Reinhard. „Deshalb müssen wir erst mal emotional an sie herankommen.“ Am Anfang gehe es daher oft um banale Dinge, wie pünktlich kommen, Haare kämmen, nicht Kaugummi kauen. Später führe das Joblinge-Team intensive Gespräche mit jedem Kandidaten, um herauszufinden, wo die Jugendlichen ihre berufliche Zukunft sehen.

Ex-Jobling Kurowski wusste zwar, dass er Fachinformatiker werden will. Er wusste aber auch: „Mit meinen Noten werde ich ausgesiebt.“ Den Schnitt seiner Mittleren Reife möchte er nicht verraten. Lieber sagt er: „Ich war schulisch nicht auf der Spur und zu faul zum Lernen.“ Als er 2010 zu den Joblingen kommt, kurz nachdem ihn die nette Frau von der Agentur für Arbeit hingeschickt hat, weil sie sonst nichts mehr wusste, ist Kurowski „erst mal skeptisch“. Aber dann denkt er: „Durchhalten!“

Es folgen „Höhen und Tiefen“ – und ein Theater-Workshop. Dort lernt er zusammen mit anderen die Kunst der Improvisation kennen. „Seither gehe ich die Sachen viel reflektierter an, ich kann mich in andere Menschen viel besser einfühlen“, sagt er.

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Workshops wie diese sind – neben klassischen Bewerbungstrainings – wichtige Bestandteile des Joblinge-Konzepts. „Wir können unseren Jugendlichen von Anfang an das Gefühl geben: ,Wir sehen Dich – mit all Deinen Schwächen, aber auch mit all Deinen Fähigkeiten’“, sagt Projektleiterin Reinhard. Denn die Jugendlichen müssten erst mal Vertrauen fassen, auch in sich selbst – bevor sie dann ins Praktikum bei kooperierenden Unternehmen starten.

Außerdem bekommt jeder Jobling einen Mentor zur Seite gestellt – Frauen und Männer, die im Berufsleben stehen, und die sich jede Woche rund zwei Stunden ehrenamtlich für „ihren“ Jobling engagieren. „Das ist eine 1:1-Betreuung“, erklärt Projektleiterin Reinhard. Sie weiß: Ohne die Mentoren wäre das Pensum kaum zu schaffen.

Auch Ex-Jobling Kurowski hatte eine Mentorin, die ihm Mut zusprach, ihm sagte, was er besser machen könnte – und wie er in schwierigen Situationen reagieren solle. „Meine Mentorin war wirklich eine wichtige Ansprechpartnerin für mich“, sagt er heute. „Manchmal gibt es ja Dinge, die man nur mit dieser Person besprechen kann.“

Selbst während seiner Ausbildung zum Fachinformatiker, die er nach dem obligatorischen Praktikum beginnt, bleiben die beiden in Kontakt. Inzwischen sehen sie sich aber kaum noch.

Wenn Kurowski heute über Joblinge spricht, dann lächelt er immer – und sagt: „Es war gut, ein Netz zu haben. So ein doppelter Boden, der gibt schon Sicherheit.“

Joblinge

kümmert sich um schwer vermittelbare Jugendliche. Das Projekt wurde initiiert von der Boston Consulting Group und der Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung der BMW AG. Finanziert wird es unter anderem durch die Bundesagentur für Arbeit München, das Jobcenter München, das Bayerische Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen / Europäischer Sozialfonds sowie durch Spenden, etwa vom Rotary Club München-Englischer Garten.

Weitere Informationen unter diesem Link.

Von Barbara Nazarewska

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