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"Eine Expertise, wie man sie an anderer Stelle nicht findet": Der von Wald umgebene Roche-Standort mit der Stadt Penzberg und der Alpenkette im Hintergrund.

Warum ein schweizer Weltkonzern auf Oberbayern baut

Das Job-Wunder vom Nonnenwald

Penzberg - Tief im Wald des Alpenvorlandes hat der Pharmakonzern Roche einen der größten Biotech-Standorte Europas aufgebaut. Dieser sorgt für Beschäftigung in der Region und trägt den Haushalt einer ganzen Stadt. Warum ein Weltkonzern Jahr für Jahr zig Millionen in der oberbayerischen Provinz investiert.

Über Jahrmillionen rieben Gletscher, Wind und Wetter das Gestein von den Bergen, das sich im Voralpenland zu jener Schicht ablagerte, die Geologen Faltenmolasse nennen. Zwischen den sanften Hügeln hatten die Menschen seit dem Mittelalter geschürft, um Kohle zu Tage zu fördern. Immer tiefer gruben sie, bis der Ertrag die Mühe nicht mehr wert war. In Penzberg war das 1966 und die Stadt 50 Kilometer südlich von München, in der mehr als jeder Zehnte im Bergbau arbeitete, drohte ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Tatsächlich begann damals Penzbergs Zukunft.

Touristen und Ausflügler, die heute auf dem Weg nach Bad Tölz oder zum Blomberg den Ort durchqueren, sehen nichts von Penzbergs wertvollstem Gut. Am Stadtrand weist ein Schild den Weg in den "Nonnenwald". Kilometerlang führt die Straße an Bäumen entlang Richtung Norden, ehe sie auf eine Lichtung trifft, so groß, dass man das Oktoberfest darauf feiern könnte. Zwischen mehrstöckigen Bürohäusern und Industriehallen durchziehen silbergraue Rohrleitungen das Gelände. Einst war hier nach Kohle gegraben worden. Heute forschen Biochemiker an Antikörpern und produzieren Grundstoffe für Medikamente, die Millionen Menschen helfen sollen. Der Nonnenwald ist eines der größten Biotech-Zentren Europas.

Es war Anfang der 70er-Jahre, als die Pharmafirma Boehringer-Mannheim neue Flächen in der Nähe ihres Standorts Tutzing am Starnberger See suchte. Ein Mitarbeiter aus Penzberg soll die Manager zum Bergwerksgelände im Nonnenwald geführt haben. Über Nacht bedeckte der Erzählung nach eine frische Schneedecke die Brache und als tagsüber die Sonne schien, waren die Mannheimer verzaubert von der Voralpenidylle. Sie errichteten dort einen Standort für eine revolutionäre Forschungsdisziplin: die Biotechnologie.

Mehr als 20 Jahre später hatte der Schweizer Roche-Konzern eine strategische Entscheidung zu treffen. Die Baseler verfolgten zaghafte Aktivitäten bei Diagnostika - Stoffen, die etwa für die Analyse von Blutproben eingesetzt werden. Es stellte sich die Frage: Betreibt man dieses Geschäft ganz oder gar nicht? Ganz, lautete die Antwort. Roche übernahm deshalb 1998 Boehringer-Mannheim und wurde so zum Weltmarktführer in der Diagnostik. "Als man dann den Standort Penzberg genauer unter die Lupe nahm, entdeckte man die unglaublich wertvollen Aktivitäten in der Biotechnologie", erinnert sich Arno Deger. Er arbeitete einst für Boehringer-Mannheim und ist heute Chef des Roche-Standorts Penzberg. Im Nonnenwald produzierte man schon das Präparat Epo, mit dem Nierenpatienten behandelt werden und das wegen Dopingfällen im Radsport bekannt wurde. Deger bezeichnet die Entwicklung des Wirkstoffs als "Keimzelle der pharmazeutischen Biotechnologie in Penzberg".

Roche setzte auf die Nutzung der Biotechnologie für die Entwicklung von Arzneimitteln - und auf Penzberg. Seit 1998 hat der Konzern Jahr für Jahr seinen oberbayerischen Standort ausgebaut. Gut 1,3 Milliarden Euro flossen bis heute. Die Belegschaft wuchs von 2400 auf 4500 Menschen, ein Drittel davon Akademiker. Umgerechnet auf Vollzeitstellen entstanden 1600 Arbeitsplätze. Grundstoffe für sechs der zehn meistverkauften Produkte des Schweizer Milliardenkonzerns stammen aus Penzberg, darunter das Brustkrebs-Präparat Herceptin. Daneben arbeiten Forscher an der Entwicklung von Medikamenten für Alzheimer-Patienten oder Antikörpern, die bei der Diagnose von Schilddrüsen-Erkrankungen und Hepatitis eingesetzt werden können. Dafür soll im Frühjahr ein neues Gebäude für 136 Millionen Euro errichtet werden.

Erweiterungen für 2009 sind schon geplant: Standort-Chef Arno Deger.

"Es ist eine sehr große Bandbreite an Fähigkeiten, die man an so einem Standort braucht", erklärt Deger und zählt die Disziplinen auf: Molekularbiologen, Zellbiologen, Aufreiniger, Analytiker, Ingenieure. "Diese Fähigkeiten wuchsen sukzessive. Deshalb gibt es hier heute eine Expertise, wie man sie an anderer Stelle nicht findet, selbst an manchen Universitäten nicht." Und das 50 Kilometer weit weg von der Großstadt und fast 100 Kilometer entfernt von deren Flughafen. Der Standort habe andere Qualitäten, sagt Deger.

Im Gang vor seinem Büro hängt eine Luftaufnahme, die den Nonnenwald zeigt, über den der Blick bis in die Alpen reicht. Nicht nur schön sei es hier, sondern auch sicher, sagt der Werkschef: "Keine Erdbeben, kein Hochwasser." Gleichzeitig sei die Qualität der Ausbildung exzellent und die Zusammenarbeit mit den Behörden hervorragend.

Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) bezeichnet den Roche-Standort als "Glücksfall für den Freistaat". Penzbergs Bürgermeister Hans Mummert (SPD) schwärmt: "Wir können es uns ohne diesen Standort gar nicht mehr vorstellen." Auch Handwerker und Einzelhändler würden vom Biotech-Boom im Nonnenwald profitieren. In der Region herrsche nahezu Vollbeschäftigung. Roche ist der mit Abstand größte Gewerbesteuerzahler der Stadt. Konkreter äußert sich der Bürgermeister nicht. Aber angeblich stützt sich Penzbergs Haushalt im Wesentlichen auf die Zahlungen von Roche. Und die gibt es offenbar ohne nennenswerte Subventionen.

Im Wirtschaftsministerium will man sich nicht zu möglichen Zahlungen äußern. Bei der Stadt heißt es, man habe mal drei Millionen Euro für die Straße in den Nonnenwald beigesteuert. Ansonsten halte man eben den Gewerbesteuerhebesatz - auch zum Wohle der anderen Betriebe vor Ort - seit 35 Jahren stabil.

Die Pharmabranche wird weit weniger von Konjunkturschwankungen mitgerissen als andere Wirtschaftszweige. Dennoch werde man die Turbulenzen, die sich zurzeit von den Finanzmärkten auf die Wirtschaft rund um den Globus übertragen, auch im Nonnenwald spüren, warnt Standort-Chef Deger. Zudem gebe es keine Garantie für die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte. Die 150 Standorte des Roche-Konzerns auf der Welt - Penzberg ist der drittgrößte nach Basel und Mannheim - stünden stets im Wettbewerb miteinander. Vorerst allerdings deutet nichts auf schlechtere Zeiten für Penzberg hin.

Am Ende dieses Jahres werden wieder rund 170 Millionen Euro von Basel nach Oberbayern geflossen sein. Im kommenden Jahr erwartet Deger über 200 Millionen Euro. Selbst auf sehr lange Sicht hat der Standort Perspektiven. "Wir haben hier Platz", sagt Deger. "Wir könnten hier auch in den nächsten Jahrzehnten noch weiter expandieren."

Dominik Müller

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