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Johannes Calvin

Johannes Calvin: Der Reformator und der Kapitalismus

Er gilt als der theologische Wegbereiter des Kapitalismus. Doch damit wird der Reformator Johannes Calvin, dessen Geburt sich heute zum 500. Mal jährt, meist missverstanden.

Reich war er selbst nicht. Er lebte – als Franzose in Genf ohne Bürgerrechte – ein genügsames Leben vor. Er focht verbissen und – mit seinen Gegnern auch gnadenlos – für einen Glauben, der die Gemeinschaft gegen kirchliche Zentralinstanzen setzte und das Evangelium gegen sakrale Rituale: Johannes Calvin, geboren am 10. Juli 1509, war sicher nicht frei von Widersprüchen. Doch gibt es Dinge, die dem Reformator nicht wirklich zu Recht in die Schuhe geschoben wurden.

Vor allem hadern seine heutigen Anhänger schwer damit, dass die Wissenschaft Calvins Lehre lange Zeit als geistiges Fundament des Kapitalismus deutete: Johannes (eigentlich Jean) Calvin soll gelehrt haben, dass Reichtum für einen Menschen kein Makel sei. Reichtum zeige vielmehr an, ob Gott für den Menschen ein ewiges Leben oder den ewigen Tod vorherbestimmt hat. So hat er das aber selbst weder gesagt noch gemeint.

Verbürgt ist Calvins Prädestinationslehre: Bereits vor der Geburt eines Menschen steht dieser Lehre nach fest, ob dieser auserwählt oder verdammt ist. Man könne dagegen nichts machen. Weder führen schwere Sünden zur Verdammnis noc gute Taten zur Erlösung. Das ist schwer zu begreifen und wohl nur zu verstehen, wenn man das historische Umfeld beleuchtet:

Gute Taten bestanden meist in Ablasszahlungen an die katholische Kirche. Auch schwerste Sünden wurden dem jüngsten Gericht vorgreifend getilgt, wenn man es sich leisten konnte. Dagegen rannte Calvin – wie auch Martin Luther – an.

Aller Reichtum hilft nichts, hieß es bei ihm. Doch eben das konnte man auch umgekehrt nutzen: Reichtum kann auch nichts schaden. Schätze anzuhäufen war nichts, was den vorbestimmten Weg ins Himmelreich versperrte. Daraus schlossen einige von Calvins Nachfolgern, dass Reichtum ein Zeichen sei, von Gott auserwählt zu sein.

Auch in den Deutschen – nach Calvins Ideen reformierten – Gemeinden werden die sichtbaren „Früchte des Gnadenstands“ gepriesen. Ebenso ist ausgiebig die Rede von der Zeit, die der Kluge „seinen nützlichen Geschäften weiht“.

Weil die Kombination von irdischem Reichtum und Seelenheil den Ehrgeiz stimuliert, interpretierte der Soziologe Max Weber um 1900 einen Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und Geist des Kapitalismus. Tatsächlich trat auch Calvin für ein Leben mit Erwerbsfleiß ein, aber von sichtbar herausgeputztem Reichtum ist bei ihm wirklich nichts zu lesen. Dieser solle, so predigte er, wieder in den Wirtschaftskreislauf fließen.

Der Reformator akzeptierte auch das Verleihen von Geld gegen Zinsen, wandte sich aber gegen Wucherzinsen und Gier. Tatsächlich ist Calvins Lehre nicht so einfach in ideologische Schubladen einzuordnen. Es gibt darin starke soziale Elemente, bürgerlich freiheitliche, und wenn man so will auch ökologische. Nahezu alle können sich auf Calvin berufen – raffgierige Manager und gnadenlose Ausbeuter wohl eher nicht.

Man müsste Kapitalismus gutartig auslegen, um Calvin damit in Verbindung zu bringen: Dieser kann nur funktionieren, wenn eine Rechtsordnung nicht der Willkür von Trägern einer Feudalgewalt unterworfen ist, und wenn die Leistungsträger nicht zu Gunsten des ererbten Adels politisch entmündigt sind. So gesehen hat Calvin, der theologisch gegen diese verkrusteten Autoritätsstrukturen kämpfte, tatsächlich viel für die weitere Entwicklung unserer offenen Gesellschaft getan – eine freiheitliche Wirtschaftsordnung inbegriffen.

Martin Prem

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