Jubel über größten Börsengang der Welt

- Schanghai/Hongkong -­ In Hongkong waren die Chefs der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) in Champagnerlaune. Ihre Bank hat Börsengeschichte geschrieben. ICBC platzierte Aktien mit einem Volumen von 22 Milliarden Dollar (17,2 Mrd. Euro). Damit gelang ihr der größte Börsengang der Welt. Der Euphorie scheint jedoch eine verklärte Sicht auf das vermeintliche Wirtschaftswunderland China zu Grunde zu liegen.

Experten jedenfalls weisen ausdrücklich auf Chinas wackeligen Finanzsektor hin.

Noch bis vor kurzem galten Chinas Staatsbanken als eines der größten Konjunkturrisiken für die wachsende Wirtschaft in der Volksrepublik. Sie vergaben Kredite an marode Staatsunternehmen, ohne deren wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in Frage zu stellen. Die Folge: Ein Berg notleidender Kredite häufte sich auf. Die Regierung musste eine Menge Geld in die Banken pumpen und ließ faule Kredite in Anlageverwaltungsunternehmen verlagern. Allein die ICBC bekam 2005 vom Staat eine Kapitalspritze von 15 Milliarden Dollar. Fast 90 Milliarden Dollar Kredite wurden ausgelagert. 2004 verzeichnete ICBC noch mehr als 20 Prozent fauler Kredite, diesen Sommer sollen es nur noch 4,1 Prozent gewesen sein.

"ICBC hat erfolgreich seine finanzielle Restrukturierung durchgeführt und sich von einer Last befreit", lobte ICBC-Chef Jiang Jianqing sich selbst. Der 54 Jahre alte Banker, Mitglied des erweiterten Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, weiß, dass die ICBC ein Lieblingskind Pekings ist. Nicht ganz zu Unrecht: Der Gigant hat in der Volksrepublik 150 Millionen Privatkunden und 2,5 Millionen Firmenkunden. Landesweit verfügt die Großbank über 18\x0f746 Geschäftsstellen. "ICBC ist der Inbegriff der großen staatseigenen Banken, was ihre Vorteile und Schwächen angeht", schrieb der Analyst Qiu Zhicheng in einem Report. Jetzt ist sie an der Börse doppelt so hoch bewertet wie die Deutsche Bank. Der Marktwert bewegt sich in Richtung 150 Milliarden Dollar. Und davon profitiert auch der Münchner Versicherungskonzern Allianz. Das Unternehmen hatte sich heuer noch 2,5 Prozent der Anteile an der ICBC gesichert. Jetzt sind die Anteile mehr als das Doppelte wert. Der Buchgewinn liegt laut Schätzungen der HypoVereinsbank bei 1,2 Milliarden Euro. Allerdings darf die Allianz die Papiere bis 2009 nicht verkaufen.

Auch in diesem und dem kommenden Jahr soll die ICBC weiter kräftig wachsen. Aber schon 2008 könnte es einen scharfen Gewinnrückgang geben, wie die "Shanghai Daily" berichtete. Skeptiker warnen schon seit längerem vor einer "neuen Welle" fauler Kredite. In China haben sich eine Immobilienblase und Überkapazitäten aufgebaut. Ab Dezember sollen nach den Regeln der Welthandelsorganisation weite Teile des Sektors für Ausländer geöffnet werden. Dafür wollen sich die Staatsbanken mit ihren Börsengängen positionieren.

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