Käse für die armen Kirch-Mäuse: Rohners Kleinaktionäre murren

- München - Die treuherzigste Frage richtete sich an Urs Rohner. Der Chef von Pro-Sieben-Sat.1 hatte der Hauptversammlung gerade den Kauf der TV-Rechte an der Champions-League gepriesen, da trabte ein um die Barreserven des Konzerns besorgter Kleinaktionär nach vorne und ersuchte um Antwort: "Haben Sie Bestechungsgelder fließen lassen? Und wenn ja, in welcher Höhe?" Rohner reagierte humorfrei und tat, was er den ganzen Tag tun muss - dementieren.

<P>Nein, Pro-Sieben-Sat.1, Filetstück der kollabierten Kirch-Gruppe, sei kein Sanierungsfall. Nein, man sei stets handlungsfähig. Nein, die Auffanglösung durch die Banken sei nicht wackelig und kurzfristig. Rohner, Senderchef mit Schweizer Dialekt, ist von Widrigkeiten umzingelt. Der Werbemarkt bricht weg, der Marktanteil ein und der Hauptaktionär zusammen.</P><P>Den Aktionären wollte Rohner eigentlich einen neuen Haupteigentümer präsentieren. Die Liste der neuen Aufsichtsräte war schon fertig: die halbe Familie Saban, Thomas Gottschalk und andere illustre Gestalten. US-Milliardär Haim Saban nahm jedoch in letzter Minute seine Finger vom Kirch-Erbe. Nun wird der bundesweit größte TV-Konzern provisorisch von vier Banken mitbetrieben und mit 300 Millionen Euro frischem Kapital aufgepäppelt. Die Hälfte wollen die Banken aufbringen, auch die Aktionäre sollen einsteigen. Auf "zwei, drei Jahre mindestens" sei die Bankenlösung angelegt, sagt Rohner. In der Branche wird derweil bezweifelt, ob er seinen Job so lange behalten darf.</P><P>Auch die Kleinaktionäre sind skeptisch. "Die unsicheren Zeiten sind nicht vorbei", warnt Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt. "Flickschusterei" sieht sie und kritisiert den neuen Aufsichtsrat: "Da sitzen nur noch Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte. Ist das die strategische Begleitung, die das Unternehmen bräuchte?"</P><P>Landesbanker Gerhard Gribkowsky, Kirch-Media-Sanierer Hans-Joachim Ziems und Insolvenzverwalter Michael Jaffé´ ziehen in das Gremium ein. Letztere wollen ihre Kirch-Media-Jobs übrigens behalten: Der insolvente Mutterkonzern soll zwar keine neuen Rechte mehr kaufen, aber vorerst nicht aufgelöst werden, hieß es am Rande.</P><P>Als "stümpernde Chefs" bezeichneten Redner die gesamte TV-Konzernspitze. Mehr als harsche Worte muss die AG von den Kleinaktionären jedoch nicht fürchten. Deren Vorzugsaktien sind stimmrechtslos, erst mittelfristig sollen sie in Stammaktien umgewandelt werden. 0,02 Euro Dividende bleiben. "Wir sind arme Kirch-Mäuse geworden", schimpft ein Aktionär.</P><P>Reich ist auch der Fernseh-Konzern nicht. Die Geschäfte liefen "enttäuschend", sagt Rohner. Im verlustreichen ersten Quartal wurde die Talsohle zwar wohl erreicht, angepeilt wird ein konstanter Jahresgewinn. Gleichzeitig kämpft man aber um Marktanteile, die vor allem wegen hausgemachter Fehler an RTL verloren gingen. Rohner verspricht, das Programm zu verbessern.</P><P>Das wird er wohl ohne Fußball-Bundesliga tun müssen. Für die Übertragungsrechte habe man nur zurückhaltend geboten, ließ er durchblicken. Zuletzt habe Sat.1 mit der Bundesliga 50 Millionen Euro Verlust eingefahren. Die Tore zeigt nun vermutlich die ARD.<BR>Ein Eigentor sehen Aktionäre auch im Vertrag über Kirchs Filmbibliothek. Dort nimmt Pro-Sieben-Sat.1 zehn Jahre lang eine vereinbarte Menge Material ab, angeblich 2000 der 18 000 Filme. Das Filmelager sei schon heute wenig attraktiv, kritisieren Aktionärsschützer - "und das Zeug wird immer älter".<BR></P>

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