Kahlschlag schlimmer als befürchtet

- München - Bei BenQ in Deutschland fallen zwei von drei Arbeitsplätzen weg. Der Rest des Personals geht in eine ungewisse Zukunft. Die Betroffenen sind geschockt. Der Kahlschlag beim pleitegegangenen Münchner Handy-Hersteller BenQ fällt noch schlimmer als befürchtet aus. Ab kommenden Montag gebe es für fast 2000 Beschäftigte und damit zwei Drittel des heimischen Personals keine Arbeit mehr, stellte der vorläufige Insolvenzverwalter Martin Prager klar.

Zuvor hatte er in einer Mitarbeiterversammlung der Belegschaft die Hiobsbotschaft überbracht. Die Gänge in der Firmenzentrale säumten danach versteinerte Mienen. Das Personal war zuvor nur vom Aus für gut 1000 Beschäftigte ausgegangen. "Das ist heftig", murmelte einer von ihnen. Die Mehrzahl schwieg fassungslos und sichtlich geschockt. Betroffen ist neben der Münchner Zentrale, wo 850 Jobs wegfallen, die Fertigung im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort, wo 1100 Stellen überflüssig werden.

Alle knapp 2000 Betroffenen blieben aber bis Jahresende BenQ-Mitarbeiter, betonte Prager. Damit hätten sie Anspruch auf Insolvenzgeld und stünden nicht mittellos da. Darüber hinaus sei eine Transfergesellschaft in Planung, die für neue Jobs qualifizieren soll. Dafür benötige er im schlimmsten Fall "weit mehr als 100 Millionen Euro", sagte Prager. 25 Millionen Euro habe dafür Siemens als frühere Mutter der Pleitefirma zur Verfügung gestellt. Es ge-be auch Eigenmittel.

"Ein Delta bleibt aber", betonte der vorläufige Insolvenzverwalter, der neben Siemens auch Bund und Länder zu weiteren Finanzhilfen aufrief. Bayern und Nordrhein- Westfalen haben diese zugesagt. Auch die bei der Pleitefirma bleibenden 1150 Frauen und Männer haben aber noch keine gesicherte Zukunft, erklärte Prager. Für sie habe man ein neues Geschäftsmodell erarbeitet, das Entwicklung und Design von Mobiltelefonen für Auftraggeber mit einer eigenen Marke vorsieht. Fertigung bliebe nur im kleinen Umfang erhalten. Ob dieses Konzept eine Zukunft habe, entscheide der Markt. Erfolgsgarantien gebe es nicht.

"Nach drei Wochen intensiver Prüfung ist klar, dass dies die einzige Chance ist, das Unternehmen als Ganzes zu erhalten", sagte Prager. In dem einen Jahr unter Führung der neuen Mutter BenQ aus Taiwan, die das Geschäft zuvor von Siemens übernommen hatte, seien 850 Millionen Euro Verlust bei 1,7 Milliarden Euro Umsatz aufgelaufen. Ob es ernsthafte Rettungsversuche der Asiaten gegeben habe, wollte der Insolvenzverwalter nicht abschließend beurteilen. Anzeichen für eine systematische Ausplünderung habe er aber nicht vorgefunden. Das zeige die Tatsache, dass ein Großteil der Patente noch im Besitz der Pleitefirma sei.

Zudem habe BenQ in Taiwan hinsichtlich Geldern für die geplante Transfergesellschaft eine "wohlwollende Prüfung" zugesagt. Eine Weiterführung unter eigenem Markennamen sei undenkbar, bestätigte der deutsche BenQ-Chef Clemens Joos. "Die Marke ist beschädigt, Kunden wenden sich ab", kommentierte er. Den Mitarbeitern sei aber nichts anzulasten. "Die haben einen guten Job gemacht", bescheinigte ihr Chef. Auch er sieht nur eine Zukunft in der Handy-Auftragsfertigung für Telefonnetzbetreiber oder andere Kunden mit klangvollem Markennamen aus Bereichen wie der Mode. Es gebe bereits erste Kontakte dazu.

Auch erste Investoren seien interessiert. Vor allem, um Geld für eine Transferfirma zu beschaffen, hat die IG Metall Siemens zu einem Nothilfeprogramm über 200 Millionen Euro aufgefordert. Die Ex-Mutter des ehemaligen Handy-Geschäfts hat bislang 35 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, aber jede formale Schuld zurückgewiesen. "Verantwortung sieht anders aus als das, was uns derzeit von Siemens und BenQ zugemutet wird", krisitierte indessen IG-Metall-Vize Berthold Huber. Ansprüche gegenüber Siemens will die Gewerkschaft auch auf rechtlichem Weg durchsetzen. Dazu seien Musterklagen in Vorbereitung.

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